Zusammenarbeit mit Eltern – interkulturell
Die Dimension Mehrsprachigkeit.

von Elke Schlösser

Elke Schlösser, Diplom-Sozialarbeiterin und Autorin

Grundlagen und Haltungen

Sprachrespekt vor jeder Muttersprache ist das oberste Gebot der interkulturellen Pädagogik. Die freie Wahl der Familiensprache folgt der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen. Die Achtung vor der menschlichen Würde zieht die Achtung der individuell gewählten Sprache unmittelbar nach sich.
Jede Muttersprache sollte in Kindertagesstätten im Freispiel und bei Aktionen der Kinder selbstverständlich gesprochen werden können. Bei zweisprachigen Kindern hat die Förderung des Deutschen den Stellenwert des sprachlichen Handwerkszeugs „Umgebungssprache“. Deutschkenntnisse sind relevant, um deutsche Bildungswege erfolgreich absolvieren zu können, aber auch zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Die Förderung der Mehrsprachigkeit kann durch eine Kooperation von Eltern und PädagogInnen gefördert werden, damit Erst- und Zweitsprache nicht miteinander in Konkurrenz geraten, sondern sich als stärkende Faktoren ergänzen.
Zwei- oder mehrsprachige Projekte können ergänzende Bestandteile der Angebote in pädagogischen Einrichtungen sein. Lieder, Reime, Fingerspiele, Kreisspiele und Geschichten verschiedener Sprachen bereichern den Alltag. Darüber hinaus gehören mehrsprachige Beschriftungen und Medien selbstverständlich zur Ausstattung.
Je unterstützender Familiensprache und Zweitsprache jeweils angeboten werden, desto motivierender wirkt sich dies auf das Kind aus. Dann verläuft der Erwerb zweier Sprachen für Kinder konfliktfreier. Es ist sehr hilfreich, wenn sie durch Kontakt mit mehrsprachigen Menschen als Modell gute Identifikationsangebote erhalten.

Eltern als Experten wahrnehmen

Eltern können für ihre Familiensprache eine Plattform in der Tageseinrichtung erhalten, um die Welt jeder Sprache für alle Kinder als faszinierend zu vermitteln. Mehrsprachige Eltern können gebeten werden zu dolmetschen, damit die Inhalte der pädagogischen Arbeit im Kindergarten alle Eltern erreicht.
Das ist nicht ganz unkompliziert. Sprachlich variable Angebote erscheinen auf den ersten Blick zeitintensiv und verlangen eine solide Vorbereitung. Aber gerade zu Beginn der Zusammenarbeit mit den Eltern zahlt es sich aus, über die Berücksichtigung unterschiedlicher Sprachen Transparenz zu schaffen.

Früher Informationsaustausch im Aufnahmegespräch

Ein gutes Arbeitsinstrument für die Aufnahmesituation ist der Aufnahmebogen aus: „Wir verstehen uns gut – Spielerisch Deutsch lernen“ (Schlösser, ,1. aktualisierte und erweiterte Neuauflage 2007, Kopiervorlage siehe: Anhang – A1, Seite 189 - 195)
Mit diesem Bogen sind u.a.
* die sprachliche Entwicklung des Kindes und die sprachlichen Belange seiner Familie,
* die Migrationserfahrung der Familie und Informationen aus der derzeitigen Lebenswelt,
* Förderbedarfe und –wünsche konkret zu erfassen.

Eltern können mitteilen, welche sprachlichen Kapazitäten – muttersprachlich oder deutsch – sie mitbringen und welche Angebote ihnen eine solide Teilhabe ermöglichen würden. Diese adäquat anzubieten, liegt in der Verantwortung der Einrichtung.

Nonverbale Kontakt- und Gesprächssignale

Man kann sich auch näher kommen und in einfachen Belangen verstehen, wenn man sich rein sprachlich nicht versteht. Nonverbale Signale sind die ersten Türöffner. Jeder Mensch hat eine gewisse Kapazität, sich ohne Worte zu verständigen.
Nonverbale Signale sind allerdings kulturabhängig. Sie sind nicht für alle Menschen deckungsgleich zu entschlüsseln und erfordern daher Sensibilität und zum Teil auch einfach Kenntnisse.
Wenn aber exaktes Verständnis nötig ist, muss für Eltern, die nicht oder nicht differenziert Deutsch sprechen, übersetzt werden.

Dolmetschen als Brücke

Organisiert man ein Dolmetscherangebot, sind u.a. zu berücksichtigen
* die Freiwilligkeit der dolmetschenden Person
* die Akzeptanz der dolmetschenden Person seitens der Eltern, denen die Übersetzung dienen soll,
* das Wissen der PädagogInnen, dass privat übersetzende Laien eine eigene Interpretation einbringen,
* dass bei besonders brisanten Gesprächsthemen die übersetzende Person idealer Weise auch eine pädagogische Ausbildung haben sollte.
Leider können DolmetscherInnen von Kindertageseinrichtungen meist nicht bezahlt werden. Man kann sie aber oft über ehrenamtliche Kooperationen gewinnen. Oft sind es die Eltern der Tageseinrichtung selbst. Oder es lassen sich Eltern von Ehemaligen für diese Aufgabe gewinnen. Dies um so eher, je mehr sie das Gefühl haben, dass ihre eigenen Kinder von der Zeit in der Einrichtung profitierten.
Zweisprachige Eltern unterschiedlicher Kindertageseinrichtungen können sich untereinander aushelfen. Nicht in jedem Kindergarten ist dieselbe Sprachkompetenz zu jeder Sprache des Bedarfs vorhanden. Wichtig ist, einen Pool ehrenamtlicher Übersetzer zu gewinnen, sie zu planenden Treffen zusammen zu führen und ihre Arbeit regelmäßig deutlich anzuerkennen.
Manchmal sind externe Dolmetscher erforderlich. An vielen Schulen unterrichten muttersprachliche LehrerInnen, die auf Anfrage oft gerne helfen und in pädagogischen Gesprächssituationen übersetzen kommen.
Regionale Arbeitsstellen, Ausländerbeiräte, Migrantenorganisationen, Kirchen, Flüchtlings- und Asylberatung, Wohlfahrtsverbände, Schulämter (muttersprachliche LehrerInnen), etc. können u. U. vermittelnd helfen, wenn externe Dolmetscher gesucht werden.
Eventuell ist die Träger übergreifende Gründung einer Arbeitsgemeinschaft „Dolmetscher im Kindergarten“ durch kooperierende Kindertageseinrichtungen und FachberaterInnen eine weitere konstruktive Idee.

Anderssprachigkeit und schriftliche Informationen

Angebote von schriftlichen Texten werden von vielen Eltern wahrgenommen, aber nicht von allen. Schriftliche Mitteilungen können Grenzen setzen - zum Beispiel hin zu Menschen, die nicht lesen und schreiben können und zu Menschen, welche die benutzte Sprache nicht beherrschen oder nur mündlich verfügbar haben. Übersetzungen helfen manchmal, jedoch nicht immer.

Eltern Schriftstücke in Deutsch und ihrer Muttersprache anzubieten, ganz gleich, welche Schriftsprache verstanden werden kann, nutzt – neben der Verständigungsmöglichkeit – auch als Signal und vermittelt Sprachrespekt. Die schriftliche Kommunikation ersetzt unter Umständen aber nicht den ergänzenden mündlichen Kontakt. Und zugewanderte Eltern, die gut deutsch sprechen, lesen und schreiben können, fühlen sich vielleicht kompromittiert, wenn sie lediglich die anderssprachigen Texte erhalten, obwohl sie alles in Deutsch verstehen und lesen können. Darum ist es sinnvoll, die Texte doppelsprachlich auszugeben.

Mancherorts wird versucht, unzureichende Sprachkenntnisse im Deutschen durch den Einsatz von Symbolen und Piktogrammen auszugleichen. Piktogramme suggerieren allerdings eventuell, dass man Lese- und Schreibfähigkeit anzweifelt. Lediglich als „Hingucker“, um auf ein bestimmtes Angebot hinzuweisen, sind sie gut geeignet. Aber auch dann gilt, dass sie kulturübergreifend sicher zu entschlüsseln sein sollen.

Mehrsprachige Elternabende

Prinzipell muss allseitige Verständnissicherheit gewährleistet sein. Im Vorhinein muss geklärt werden, welche Eltern Übersetzungshilfe brauchen.
Murmelgruppen sind eine Möglichkeit. Das heißt: eine zweisprachig kompetente Person (und dies ggf. für mehrere erforderliche Sprachen) sitzt in unmittelbarer Nähe zugewanderter Eltern, welche nicht sicher Deutsch verstehen. Sie übersetzt simultan und murmelnd, aber deutlich genug verständlich. Die Vortragenden sind vorab entsprechend zu sensibilisieren: sie sollten langsamer sprechen (zwei – drei Sätze und eine kleine Sprechpause), um die ÜbersetzerInnen nicht zu überfordern.

Eventuell kann man die wesentlichsten Punkte bereits vorab mitteilen – am besten auch schriftlich. So ist eine Vorbereitung auf die zu übersetzenden Inhalte möglich.

Deutsche Eltern sollten über den Sinn dieser Vorgehensweise informiert werden. In diesem Zusammenhang ergeben sich oft auch Gespräche über Erwartungen deutscher gegenüber zugewanderten Eltern, was deren Deutschkenntnisse betrifft.
Tenor kann dann sein: Deutsch als Umgebungssprache ist unser gemeinsames Kommunikationsmittel. Die Erwartung, dieses Kommunikationsmittel gemeinsam nutzen zu können, ist legitim. Deutschkenntnisse zu erwerben ist aber für die verschiedenen Muttersprachler schwierig, je nach Nähe der Sprachstrukturen zur deutschen Sprache, je nach Lernalter, nach Motivation und nach Kontaktgelegenheit zu Deutschsprachigen.
Nur wer die Motivation zum Verstehen und Sprechen der deutschen Sprache hat, macht auch entsprechende Anstrengungen, sie zu erlernen. Die Motivation wächst mit den Kontaktwünschen und –möglichkeiten.
Insofern ist Integration keine Einbahnstraße und Kontaktangebote wirken hin zur Motivation zum Spracherwerb Deutsch. Die Erfahrung zeigt, dass mehrsprachige Angebote interkulturell arbeitender Tageseinrichtungen viel eher zu Interesse an Deutschkursen bei Migranteneltern führen als anklagende oder einfordernde Haltungen. Lebendige Kontakte sind die besten Motivatoren.

Abrundende Bemerkungen zur Mehrsprachigkeit

Gute Sprach- und Sprechkompetenzen bilden in der ganzen Welt die besten Grundlagen für die Nutzung aller weiteren Bildungsangebote. Sprachliche Ausdrucksvielfalt aller Kinder zu fördern bedeutet, dem Einzelnen die nötigen individuellen Chancen zu geben.
ErzieherInnen unterstützen Eltern, indem sie:
* verdeutlichen, dass Sprachförderangebote in Kindertageseinrichtungen nicht in vergleichbaren Formen wie in der Schule angeboten werden und warum dies so ist,
* erläutern, dass verfrühte Angebote für eine kognitive Förderung, die alters- und entwicklungsgemäß erst später angemessen sind, vermieden werden sollten,
* klar machen, wie Eltern selbst die Sprachentwicklung und die Entwicklung der kindlichen Mehrsprachigkeit zuhause unterstützen können, welche Rolle dabei die Muttersprache spielt und wie der Kindergarten ggf. die Zweitsprache Deutsch stärkt,
* erörtern, dass auch einheimische Eltern aufgefordert sind, die muttersprachliche Qualität der Familiensprache Deutsch zu reflektieren, da auch sie die Basis für jede sprachliche und mehrsprachige Erweiterung bildet.

Elke Schlösser, Dipl. Sozialarbeiterin

Autorin: „Zusammenarbeit mit Eltern – interkulturell“ - Informationen und Methoden zur Kooperation mit deutschen und zugewanderten Eltern in Kindergarten, Grundschule und Familienbildung. Ökotopia Verlag, Münster, 2004






Den kompletten Text "Zusammenarbeit mit Eltern" – interkulturell. Die Dimension Mehrsprachigkeit" hier als PDF (24kB)