Mehrsprachigkeit und frühe Sprachförderung
von Prof. Dr. Claudia Maria Riehl
1. Die Rolle der natürlichen Mehrsprachigkeit
Mehrsprachigkeit stellt eine wichtige Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft dar, die sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft von Bedeutung ist. Grundsätzlich gilt es daher, besonders die natürliche Mehrsprachigkeit, die Kinder aus anderssprachigen Familien mitbringen, zu fördern. Diese Förderung soll so früh wie möglich einsetzen, denn neuere Ergebnisse aus der Gehirnforschung und kognitiven Psychologie beweisen, dass frühe Mehrsprachige Vorteile gegenüber Sprechern haben, die die Mehrsprachigkeit erst später erworben haben.
1.1. Ergebnisse aus der Gehirnforschung
Studien im Bereich der Gehirnforschung belegen, dass das menschliche Gehirn nicht auf das Erlernen einer Sprache, sondern auf den Erwerb von Sprachfähigkeit an sich angelegt ist und daher auch mehrere Sprachen gleichzeitig erwerben kann. Bei Menschen, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind, sind die Sprachen anders im Gehirn repräsentiert als bei Einsprachigen oder Personen, die weitere Sprachen erst spät erworben haben. So sind bei Früh-Mehrsprachigen (also wenn die zweite Sprache noch vor dem sechsten Lebensjahr erworben wird) die Sprachen im Gehirn sehr kompakt repräsentiert und überlappen sich fast ganz. Die Sprecher brauchen damit weniger Gehirnareale zu aktivieren, wenn sie die Sprachen sprechen, als Sprecher, die erst spät eine zweite Sprache erlernt haben (etwa ab dem Alter von 10 Jahren) und bei denen viel weniger Überlappungen zu finden sind.
Darüber hinaus hat frühe Mehrsprachigkeit den Vorteil, dass bei der Prozessierung der zweiten Sprache das Gehirn weniger strapaziert werden muss (weniger Aktivierung des Gesamtgehirns ist nötig) und dass auch weitere Sprachen problemlos in das Netzwerk integriert werden können. Auch in der Struktur des Gehirns lassen sich Vorteile ausmachen, nämlich eine höhere Dichte von grauer Materie.
1.2. Kognitive Vorteile mehrsprachiger Kinder
Ergebnisse aus verschiedenen Testverfahren zu kognitiven Fähigkeiten bei Kindern belegen, dass mehrsprachige Kinder einsprachig aufgewachsenen voraus sind. Ich erwähne hier nur zwei Tests:
Urteile zur Grammatikalität (Bialystok): In diesem Test wird die grammatische Korrektheit von Sätzen abgefragt:
z.B.
1. Äpfel wachsen auf Bäumen
2. Äpfel auf Bäumen wachsen.
3. Äpfel auf Nasen wachsen
Bei Beispielen wie unter 3. erkennen bilinguale Kinder viel eher die ungrammatische Form als monolinguale. Der Grund ist, dass sie sich neben dem Inhalt auch auf die Form konzentrieren. Sie können besser Wortgrenzen abgrenzen und grammatische Regeln verstehen, weil sie darauf mehr Aufmerksamkeit verwenden. Man bezeichnet dies als sog. metasprachliches Bewusstsein.
Lesenlernen: Psycholinguisten haben auch schon seit Längerem herausgefunden, dass ein Zusammenhang besteht zwischen metasprachlichem Bewusstsein und Lesenlernen. In einer australischen Studie hat sich nun gezeigt, dass bilinguale Kinder monolingualen einige Monate voraus sind. Der Grund ist die schon erwähnte stärkere Fähigkeit zur Worterkennung.
1.3. Vorteile beim Lernen weiterer Sprachen
Früh-Mehrsprachige haben vor allem Vorteile beim Erlernen einer dritten Sprache: Wie die Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen, können sie die weiteren Sprachen an die bereits vorhandenen Sprachen "andocken". Aber darüber hinaus besitzen Mehrsprachige auch andere Fähigkeiten, die ihnen das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern:
• das metasprachliche Wissen
• bestimmte Strategien (Paraphrasieren, Code-Switching, Anpassung eines Wortes an die Regeln der Zielsprache)
• ein selbstsicheres Herangehen an einen Text und gezieltes Suchen nach vertrauten Strukturen und Wörtern
Neben den neuronalen und kognitiven Vorteilen muss man auch die sprachpragmatischen Aspekte hervorheben: Mehrsprachige haben eine differenziertere Sicht auf die Welt. Sie lernen durch die Brille der anderen Sprache andere Sichtweisen kennen und sind daher flexibler im Handeln.
2. Folgerungen: Mehrsprachigkeit und Bildungssystem
Die Förderung in der Muttersprache ist neben der Förderung der Zweitsprache ein bedeuten-des Element in der psychischen, sozialen, kognitiven und kulturellen Entwicklung von Migrantenkindern.
Neben der Bedeutung für den mehrsprachigen Sprecher selbst sprechen auch gesellschaftsrelevante Gesichtspunkte für eine angemessene Förderung der Einwanderersprachen. Daraus lassen sich folgende Folgerungen ziehen:
• Um die in der natürlichen Mehrsprachigkeit liegenden Ressourcen optimal zu nutzen, muss die Förderung möglichst früh, d.h. schon im Kindergarten einsetzen.
• Die Kinder brauchen eine gezielte Förderung in ihrer Muttersprache, zunächst im Mündlichen und dann im Schriftlichen, und parallel dazu eine fundierte Förderung der Zweitsprache.
Sprachfördermaßnahmen im Deutschen (wie etwa das Konzept von Kon Lab) sind durchaus hilfreich, sind aber nur sinnvoll im Zusammenhang mit einer parallelen Förderung der Muttersprache. Denn nur so kann das gesamte sprachliche Potential von mehrsprachigen Kindern optimal genutzt und ausgebaut werden.
Mehrsprachigkeit stellt eine wichtige Ressource in unserer globalisierten Gesellschaft dar, die sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft von Bedeutung ist. Grundsätzlich gilt es daher, besonders die natürliche Mehrsprachigkeit, die Kinder aus anderssprachigen Familien mitbringen, zu fördern. Diese Förderung soll so früh wie möglich einsetzen, denn neuere Ergebnisse aus der Gehirnforschung und kognitiven Psychologie beweisen, dass frühe Mehrsprachige Vorteile gegenüber Sprechern haben, die die Mehrsprachigkeit erst später erworben haben.
1.1. Ergebnisse aus der Gehirnforschung
Studien im Bereich der Gehirnforschung belegen, dass das menschliche Gehirn nicht auf das Erlernen einer Sprache, sondern auf den Erwerb von Sprachfähigkeit an sich angelegt ist und daher auch mehrere Sprachen gleichzeitig erwerben kann. Bei Menschen, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind, sind die Sprachen anders im Gehirn repräsentiert als bei Einsprachigen oder Personen, die weitere Sprachen erst spät erworben haben. So sind bei Früh-Mehrsprachigen (also wenn die zweite Sprache noch vor dem sechsten Lebensjahr erworben wird) die Sprachen im Gehirn sehr kompakt repräsentiert und überlappen sich fast ganz. Die Sprecher brauchen damit weniger Gehirnareale zu aktivieren, wenn sie die Sprachen sprechen, als Sprecher, die erst spät eine zweite Sprache erlernt haben (etwa ab dem Alter von 10 Jahren) und bei denen viel weniger Überlappungen zu finden sind.
Darüber hinaus hat frühe Mehrsprachigkeit den Vorteil, dass bei der Prozessierung der zweiten Sprache das Gehirn weniger strapaziert werden muss (weniger Aktivierung des Gesamtgehirns ist nötig) und dass auch weitere Sprachen problemlos in das Netzwerk integriert werden können. Auch in der Struktur des Gehirns lassen sich Vorteile ausmachen, nämlich eine höhere Dichte von grauer Materie.
1.2. Kognitive Vorteile mehrsprachiger Kinder
Ergebnisse aus verschiedenen Testverfahren zu kognitiven Fähigkeiten bei Kindern belegen, dass mehrsprachige Kinder einsprachig aufgewachsenen voraus sind. Ich erwähne hier nur zwei Tests:
Urteile zur Grammatikalität (Bialystok): In diesem Test wird die grammatische Korrektheit von Sätzen abgefragt:
z.B.
1. Äpfel wachsen auf Bäumen
2. Äpfel auf Bäumen wachsen.
3. Äpfel auf Nasen wachsen
Bei Beispielen wie unter 3. erkennen bilinguale Kinder viel eher die ungrammatische Form als monolinguale. Der Grund ist, dass sie sich neben dem Inhalt auch auf die Form konzentrieren. Sie können besser Wortgrenzen abgrenzen und grammatische Regeln verstehen, weil sie darauf mehr Aufmerksamkeit verwenden. Man bezeichnet dies als sog. metasprachliches Bewusstsein.
Lesenlernen: Psycholinguisten haben auch schon seit Längerem herausgefunden, dass ein Zusammenhang besteht zwischen metasprachlichem Bewusstsein und Lesenlernen. In einer australischen Studie hat sich nun gezeigt, dass bilinguale Kinder monolingualen einige Monate voraus sind. Der Grund ist die schon erwähnte stärkere Fähigkeit zur Worterkennung.
1.3. Vorteile beim Lernen weiterer Sprachen
Früh-Mehrsprachige haben vor allem Vorteile beim Erlernen einer dritten Sprache: Wie die Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen, können sie die weiteren Sprachen an die bereits vorhandenen Sprachen "andocken". Aber darüber hinaus besitzen Mehrsprachige auch andere Fähigkeiten, die ihnen das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern:
• das metasprachliche Wissen
• bestimmte Strategien (Paraphrasieren, Code-Switching, Anpassung eines Wortes an die Regeln der Zielsprache)
• ein selbstsicheres Herangehen an einen Text und gezieltes Suchen nach vertrauten Strukturen und Wörtern
Neben den neuronalen und kognitiven Vorteilen muss man auch die sprachpragmatischen Aspekte hervorheben: Mehrsprachige haben eine differenziertere Sicht auf die Welt. Sie lernen durch die Brille der anderen Sprache andere Sichtweisen kennen und sind daher flexibler im Handeln.
2. Folgerungen: Mehrsprachigkeit und Bildungssystem
Die Förderung in der Muttersprache ist neben der Förderung der Zweitsprache ein bedeuten-des Element in der psychischen, sozialen, kognitiven und kulturellen Entwicklung von Migrantenkindern.
Neben der Bedeutung für den mehrsprachigen Sprecher selbst sprechen auch gesellschaftsrelevante Gesichtspunkte für eine angemessene Förderung der Einwanderersprachen. Daraus lassen sich folgende Folgerungen ziehen:
• Um die in der natürlichen Mehrsprachigkeit liegenden Ressourcen optimal zu nutzen, muss die Förderung möglichst früh, d.h. schon im Kindergarten einsetzen.
• Die Kinder brauchen eine gezielte Förderung in ihrer Muttersprache, zunächst im Mündlichen und dann im Schriftlichen, und parallel dazu eine fundierte Förderung der Zweitsprache.
Sprachfördermaßnahmen im Deutschen (wie etwa das Konzept von Kon Lab) sind durchaus hilfreich, sind aber nur sinnvoll im Zusammenhang mit einer parallelen Förderung der Muttersprache. Denn nur so kann das gesamte sprachliche Potential von mehrsprachigen Kindern optimal genutzt und ausgebaut werden.

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