Sprachen können. Basis für einen erfolgreichen Bildungsweg.

von Dr. Katajun Amirpur

Muss heutzutage über die Notwendigkeit des Erlernens der deutschen Sprache eigentlich noch gestritten werden? Ich glaube nicht, jedenfalls sagt mir meine gefühlte Wahrnehmung das. Inzwischen scheint sich herumgesprochen zu haben - auch in Migrantenfamilien, - dass ein sozialer Aufstieg ohne fundierte Sprachkenntnisse nicht möglich ist. Und den wollen die meisten Migrantenfamilien.

Ein Beispiel aus dem Umfeld meiner Tochter und aus unserem Wohnumfeld, das am Kölner Eigelstein sehr türkisch geprägt ist, hat meine gefühlte Wahrnehmung bestimmt. Mindestens fünf der Mütter ihrer Mitschüler, die mir auf Anhieb einfallen, arbeiten als Putzfrau. Und von mindestens dreien weiß ich, dass sie mehr als das Doppelte ihres Stundenlohnes darauf verwenden, die Nachhilfestunden ihrer Töchter und Söhne zu bezahlen. Die Deutschhausaufgaben von ihren Kindern in der vierten Klasse zu begleiten, überfordert diese Mütter. Doch sie geben ihr Bestes, um ihre Kinder zu unterstützen und dafür, dass ihre Kinder die heiß ersehnte Empfehlung fürs Gymnasium bekommen. Dafür haben diese Familien aus dem Umfeld meiner Tochter hart gekämpft in diesem vierten Schuljahr. Die meisten mit Erfolg.

Es hat sich unglaublich viel geändert seit einer Einwanderergeneration, die selbst keine Bildung hatte und sich nicht darüber bewusst war, wie wichtig es ist, dass ihre Kinder zu Bildung kommen. Uns sollten aber auch die Gründe dafür klar sein, warum das früher so war. Früher glaubten eben viele dieser Familien, sie würden ohnedies bald wieder zurückgehen in ihre Herkunftsländer. Deshalb schienen ihnen Sprachkenntnisse unnötig. Mit dieser Haltung standen sie nicht alleine da. Auch die deutsche Politik tat nichts, um Sprachkenntnisse zu fördern, auch sie meinte, „die gehen ja doch zurück.“ Hier hätte man schon lange etwas tun müssen, so wie es heute geschieht: Deutschkurse an Kindergärten und Grundschulen anbieten und zwar nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Mütter. All das eben, was jetzt, endlich, mit jahrelanger Verspätung passiert. Dass eine Mutter aus Anatolien, die selber keine Bildung genießen konnte, den Zusammenhang von Bildung und Integration und gesellschaftlichem Aufstieg vielleicht nicht erkennt, ist nachvollziehbar. Dass eine deutsche Politik dies so lange nicht getan hat, hingegen nicht. Ein anderes Beispiel: Ganztagsschulen. Allein wegen der Hausaufgabenbetreuung brauchen wir diese Schulen, die wir jetzt endlich bekommen haben, die aber noch längst nicht allen Anforderungen genügen. Jedes Mal, wenn ich im vergangenen Jahr Sätze im Deutschbuch meiner Tochter gelesen habe wie: „Ersetze „sagte“ durch ähnliche Begriffe“, habe ich mich gefragt, wie die Mütter der Freundinnen meiner Tochter ihren Töchtern wohl bei diesen Hausaufgaben helfen wollen. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie es nicht können. Die Großzahl der Migranten in Deutschland stammen aus bildungsfernen Schichten. Selbst wenn bei ihnen ein Bewusstsein dafür vorhanden ist, wie wichtig das Erlernen der deutschen Sprache ist, wissen sie oft noch lange nicht, wie sie es am besten anstellen, Deutsch zu lernen. Dass dies alles vor allem eine Frage der Bildungsherkunft ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass unter vielen türkischen Migranten die Deutschkenntnisse mangelhaft sind. Das liegt bestimmt nicht an ihrem mangelnden Integrationswillen oder ihrer islamischen Herkunft, wie oft behauptet, die dazu führe, dass sie sich abschotten wollen. Sondern daran, dass diejenigen Türken, die nach Deutschland gekommen sind, auch in ihrem Herkunftsland aus einer bildungsfernen Schicht stammen. Bei Iranern beispielsweise ist das anders: hier kamen vor allem Studenten. Deshalb treten bei ihnen auch selten Sprachschwierigkeiten auf. Denn wer die eigene Muttersprache in Wort und Schrift beherrscht, tut sich naturgemäß auch leichter mit dem Erwerb von Fremdsprachen. Apropos Mehrsprachigkeit: Das Plädoyer für eine Beherrschung des Deutschen sollte kein Argument für die Vernachlässigung der Sprache des Herkunftslandes sein. Kinder sind, was das Erlernen von Sprachen anbelangt, wie Schwämme: Sie saugen alles auf. Wenn man es nur geschickt genug anstellt, kann man ihnen ohne Probleme die Möglichkeit eröffnen, sich in mehreren Sprachen zuhause zu fühlen – und damit auch in mehreren Kulturen. Und das dies ein Gewinn ist und keinen Identitätskonflikt darstellt, ist vielleicht ein weiterer Lernschritt, den die deutsche Politik zu vollziehen hat.

Erschienen in "Sprache und Integration", Publikation des Goethe-Instituts (2008).



Dr. Katajun Amirpur studierte Islamwissenschaft an der Universität Bonn und Teheran. Zurzeit Habilitation über schiitische Koranexegese.
Freie Journalistin und Autorin.