Strukturelle Ungleichheit im Elementarbereich

Kita Rasselbande im Bonner Westen

von Donja Amirpur/Mercedes Pascual Iglesias

Jedes dritte ausländische Kind in Nordrhein-Westfalen ist Hartz IV - Empfänger. 14 % der ausländischen Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. Der aktuelle Kinderarmutsbericht hat festgestellt, dass ausländische Kinder und Jungendliche besonders von Armut bedroht sind. Umso mehr, weil viele von ihnen in Förder- und Hauptschulen keinen Abschluss erlangen, der sie aus der Armutsspirale herausholt.
Diese miserable Bildungsbilanz wird seit nunmehr dreißig Jahren gezogen, ohne dass für Kinder mit Migrationshintergrund wesentlich etwas getan würde. Das deutsche Schulsystem ist als Produzent sozialer Ungleichheit erkannt worden. Der Kindergarten soll nun mit einer frühen Förderung Abhilfe schaffen. Ob der Elementarbereich dieses Ziel erreichen kann, hängt davon ab, ob die Kinder auch hingehen. Schließlich ist der Kindergartenbesuch freiwillig.
Laut Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts, sind Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund seltener in der Kindertagesbetreuung anzutreffen. „In allen Altersjahrgängen lässt sich ein rund 10 Prozent geringerer Anteil der Inanspruchnahme bei Kindern aus Migrantenfamilien feststellen.“ Besonders die teueren Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren werden von Eltern mit Migrationshintergrund selten in Anspruch genommen, obwohl viele hier schon früh anfangen könnten, Deutsch zu sprechen. Doch die Vergabe dieser Plätze orientiert sich eben nicht am Wohl des Kindes, sondern an der Berufstätigkeit und dem Einkommen der Eltern. Vielerorts besteht nur ein Anspruch auf einen Ganztagesplatz bei Nachweis der Berufstätigkeit beider Elternteile. Ein weiteres Problem ist, dass Eltern mit Migrationshintergrund häufig nicht bereit sind, einen Kitaplatz anzunehmen, der weit vom Wohnort entfernt ist. Das Geld für die Fahrkarten spielt eine Rolle, aber auch emotionale und soziale Ursachen. Das Kind in einen fremden Stadtteil zu fremden Leuten zu schicken, ist eine für manche nicht leicht überbrückbare Hürde.
„Bei fehlendem Angebot bleibt den Eltern oft keine andere Möglichkeit, als ihre Kinder zu Hause zu lassen“, beklagt eine Bonner Erzieherin. „Wie soll eine türkische Mutter mit fünf Kindern, die eines in der Schule, zwei im Kindergartenalter, noch zwei im Krabbelalter, keinen Führerschein und kein Auto hat, ein Kind noch in eine entfernt gelegene Kita bringen?“
Was außerdem fehlt - und das nicht nur bei Migranteneltern-, ist das Bewusstsein, dass es sich beim Kindergarten um eine Bildungseinrichtung handelt und nicht um eine Kinderanimation à la ikea-spieleparadies.
Noch immer ist es nicht unüblich, dass in Kindergärten unter Müttern und Erzieherinnen über jene Rabenmütter schwadroniert wird, die ohne Not und Arbeitsplatz ihre Kinder bis 16 Uhr in der Einrichtung lassen.

Der Bildungsauftrag des Kindergartens muss vom papierenen
Konzept in die praktische Arbeit umgesetzt werden. Dazu bedarf es vor allem an mehr Personal in den Kindertagesstätten und ein ihrem Auftrag entsprechendes höheres Gehalt. Nur so werden Erzieherinnen von ihrer Betreuungsaufgabe in einen Bildungsauftrag hineinwachsen und sich z.B. auch in interkultureller Pädagogik fortbilden. Auf der anderen Seite aber muss, um allen Kindern faire Chancen von Anfang an zu gewähren, der Kindergarten von seinen Elternbeiträgen befreit werden.