Mit Vorurteilen bewusst umgehen, bedeutet „Selbstverständlichkeiten“ verlernen
Mercedes Pascual Iglesias im Gespräch mit Dr. Prasad Reddy
Dr. Prasad Reddy
Der promovierte Erziehungswissenschaftler Prasad Reddy ist Anti-Bias-Trainer (bias -Voreingenommenheit).
Er schult vor allem Mitarbeiter deutscher Organisationen für entwicklungspolitische Bildung und kommunaler Behörden wie zum Beispiel der Ausländerbehörde. Der Vater eines sechsjährigen Mädchens ist vor zehn Jahren von Indien nach Deutschland eingewandert und lebt zurzeit in Bonn.
Mit ihm sprach Mercedes Pascual Iglesias.
Er schult vor allem Mitarbeiter deutscher Organisationen für entwicklungspolitische Bildung und kommunaler Behörden wie zum Beispiel der Ausländerbehörde. Der Vater eines sechsjährigen Mädchens ist vor zehn Jahren von Indien nach Deutschland eingewandert und lebt zurzeit in Bonn.
Mit ihm sprach Mercedes Pascual Iglesias.
Herr Reddy, wie sind sie Antibias-Trainer geworden?
Reddy: Ich habe mich bereits als Jugendlicher in der Kirche mit der Frage beschäftigt, wie Gerechtigkeit herzustellen ist. Diskriminierung ist für die, die davon betroffen sind, alltägliche Gewalt, für die, die sie ausüben, häufig unabsichtliche Selbstverständlichkeit. Den Anti-Bias-Ansatz habe ich hier in Deutschland während eines EU-Projektes zur Qualifizierung der Entwicklungshilfe kennen gelernt. Das war 1999 und ich war mit der Frage beschäftigt, wie man Diskriminierung wirkungsvoll beseitigen kann.
Vor einem Monat ist eine Studie veröffentlicht worden, nach der jeder dritte Jugendliche der Meinung ist, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben. Haben die alle Vorurteile gegen Ausländer?
Reddy: Ich würde nicht an erster Stelle die Jugendlichen beschuldigen. Sie geben das weiter, was sie von konservativen Politikern rezipieren. Natürlich haben sie diese Meinung auch aus dem Elternhaus, dem Freundeskreis und aus den religiösen Institutionen wie der Kirche. Man muss diese Meinung erst einmal akzeptieren. Dann können wir fragen, was Jugendliche überhaupt unter Ausländern verstehen. In NRW hat jeder siebte Jugendliche einen Migrationshintergrund. Sind das Ausländer?
Es gibt viele Studien über Vorurteile. Sehr viel seltener wird gefragt, woher sie kommen.
Bevor wir uns die Frage nach Methoden zur Beseitigung von Diskriminierung stellen, müssten wir zunächst klären, ob Vorurteile und daraus resultierende Diskriminierungen überhaupt eklatant vorhanden sind?
Reddy: Anti-Bias geht davon aus, dass Diskriminierung existiert und dass man dagegen etwas unternehmen muss. Diskriminierung ist, Menschen ihre Grundrechte zu verweigern, egal ob dies aufgrund ihrer Herkunft oder eines anderen Kriteriums wie Hautfarbe oder Geschlecht geschieht. Unterdrückung findet zwischen Einzelnen statt, in der Nachbarschaft, zwischen verschiedenen Gruppen und zwischen Staaten.
In ihr spiegeln sich tief verwurzelte, negative Stereotypen, Werte und Annahmen, die Menschen bestimmten Charakteristika zuordnen. Tiefsitzende, ständig praktizierte Diskriminierung führt dazu, dass eine Gruppe sich einer anderen überlegen fühlt und dies in einer Ideologie, wie zum Beispiel dem Rassismus, legitimiert.
Der Glaube an die Überlegenheit weißer Menschen führt zu gewalttätiger Diskriminierung von Schwarzen. Der Glaube an die männliche Überlegenheit führt zu persönlicher und institutionalisierter Diskriminierung von Frauen.
Wie gehen Sie im Training mit diesen zwei Polen, der strukturellen Diskriminierung und dem persönlichen Verhalten, ja möglicherweise auch mit dem persönlichen Fehlverhalten um?
Reddy: Im Anti-Bias-Training reflektieren die TeilnehmerInnen ihre eigene Rolle bei Diskriminierungserfahrungen. Es gibt Übungen wie „power flower“, die dazu dienen, den eigenen gesellschaftlichen Standort zu ermitteln, aufgrund des Einkommens, des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft, der sexuellen Orientierung und heute besonders der Religion, ob du aus der Gesellschaft teilweise ausgeschlossen bist, oder ganz bequem darin leben kannst. Es geht um die Frage, welche Identität die Mehrheitsgesellschaft hat und welche Veränderungsprozesse notwendig sind und weniger um Anforderungen an die ausgeschlossenen Minderheiten.
Reddy: Ich habe mich bereits als Jugendlicher in der Kirche mit der Frage beschäftigt, wie Gerechtigkeit herzustellen ist. Diskriminierung ist für die, die davon betroffen sind, alltägliche Gewalt, für die, die sie ausüben, häufig unabsichtliche Selbstverständlichkeit. Den Anti-Bias-Ansatz habe ich hier in Deutschland während eines EU-Projektes zur Qualifizierung der Entwicklungshilfe kennen gelernt. Das war 1999 und ich war mit der Frage beschäftigt, wie man Diskriminierung wirkungsvoll beseitigen kann.
Vor einem Monat ist eine Studie veröffentlicht worden, nach der jeder dritte Jugendliche der Meinung ist, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben. Haben die alle Vorurteile gegen Ausländer?
Reddy: Ich würde nicht an erster Stelle die Jugendlichen beschuldigen. Sie geben das weiter, was sie von konservativen Politikern rezipieren. Natürlich haben sie diese Meinung auch aus dem Elternhaus, dem Freundeskreis und aus den religiösen Institutionen wie der Kirche. Man muss diese Meinung erst einmal akzeptieren. Dann können wir fragen, was Jugendliche überhaupt unter Ausländern verstehen. In NRW hat jeder siebte Jugendliche einen Migrationshintergrund. Sind das Ausländer?
Es gibt viele Studien über Vorurteile. Sehr viel seltener wird gefragt, woher sie kommen.
Bevor wir uns die Frage nach Methoden zur Beseitigung von Diskriminierung stellen, müssten wir zunächst klären, ob Vorurteile und daraus resultierende Diskriminierungen überhaupt eklatant vorhanden sind?
Reddy: Anti-Bias geht davon aus, dass Diskriminierung existiert und dass man dagegen etwas unternehmen muss. Diskriminierung ist, Menschen ihre Grundrechte zu verweigern, egal ob dies aufgrund ihrer Herkunft oder eines anderen Kriteriums wie Hautfarbe oder Geschlecht geschieht. Unterdrückung findet zwischen Einzelnen statt, in der Nachbarschaft, zwischen verschiedenen Gruppen und zwischen Staaten.
In ihr spiegeln sich tief verwurzelte, negative Stereotypen, Werte und Annahmen, die Menschen bestimmten Charakteristika zuordnen. Tiefsitzende, ständig praktizierte Diskriminierung führt dazu, dass eine Gruppe sich einer anderen überlegen fühlt und dies in einer Ideologie, wie zum Beispiel dem Rassismus, legitimiert.
Der Glaube an die Überlegenheit weißer Menschen führt zu gewalttätiger Diskriminierung von Schwarzen. Der Glaube an die männliche Überlegenheit führt zu persönlicher und institutionalisierter Diskriminierung von Frauen.
Wie gehen Sie im Training mit diesen zwei Polen, der strukturellen Diskriminierung und dem persönlichen Verhalten, ja möglicherweise auch mit dem persönlichen Fehlverhalten um?
Reddy: Im Anti-Bias-Training reflektieren die TeilnehmerInnen ihre eigene Rolle bei Diskriminierungserfahrungen. Es gibt Übungen wie „power flower“, die dazu dienen, den eigenen gesellschaftlichen Standort zu ermitteln, aufgrund des Einkommens, des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft, der sexuellen Orientierung und heute besonders der Religion, ob du aus der Gesellschaft teilweise ausgeschlossen bist, oder ganz bequem darin leben kannst. Es geht um die Frage, welche Identität die Mehrheitsgesellschaft hat und welche Veränderungsprozesse notwendig sind und weniger um Anforderungen an die ausgeschlossenen Minderheiten.
Gegen was für eine Art der Diskriminierung wendet sich die Anti-Bias-Arbeit?
Reddy: Sie richtet sich gegen jede Form der Unterdrückung, also nicht nur gegen rassistische Vorbehalte, sondern auch gegen den Ausschluss von Menschen mit Behinderung, anderer sexueller Orientierung oder in den letzten Jahren zunehmend aufgrund der wirtschaftlichen Stellung oder der Religion. Anti-Bias hinterfragt gewohnte Handlungen und Erklärungen. In den Seminaren wird konkret an Beispielen, die von TeilnehmerInnen mitgebracht werden, aufgezeigt, wie Diskriminierung funktioniert. Ich unterstütze die TeilnehmerInnen, Unterdrückung im Alltag und in gesellschaftlichen Strukturen zu erkennen, einzugreifen und schon im Vorfeld etwas gegen Diskriminierung vorzunehmen. Manchmal reicht ein kleiner vorsichtiger Einwand.
Wie kann denn im Vorfeld gegen eine diskriminierende Handlung vorgegangen werden?
Reddy: Im Training nennen wir das „proaktiv“ sein. Das bedeutet zum Beispiel, diskriminierende Strukturen zu verändern oder einen nicht ausschließenden Sprachgebrauch einzuführen. Ein Beispiel: Mir ist aufgefallen, dass in Seminarhäusern häufig die Bibel für die Teilnehmer ausliegt, damit Christen ihren Glauben praktizieren können. Für andere Gläubige gibt es solche Angebote nicht.
Die meisten Menschen möchten nicht von sich behaupten lassen, dass sie Vorurteile hegen, die sie loswerden müssen. Vor allem nicht Erzieherinnen, die sich täglich um Kinder mit Einwanderungshintergrund mit viel Gefühl und Einsatz kümmern. Wären sie in einem Anti-Bias-Training fehl am Platz?
Reddy: Nein. Denn in den Trainings gehen wir davon aus, dass jeder und jede Vorurteile hat. Das Problem beginnt, wenn Menschen glauben, dass ihre Vorurteile wahr sind, und ihr Handeln und Verhalten an ihnen ausrichten. Der Anti-Bias-Ansatz geht davon aus, dass Voreingenommenheit und Diskriminierung erlernt sind und als Ideologien institutionalisiert werden. Bei Antibias geht darum, die Komplexität der Diskriminierung zu verstehen. Es geht immer darum, ganz konkrete Strategien - zum Beispiel für den Kindergarten - zu entwickeln. Es geht zum Beispiel darum, Einstellungen wie „Roma sind faul und außerdem Diebe“ zu ändern und solch vorurteilsgeladenes Verhalten zu verlernen und alternatives vorurteilsbewusstes Verhalten zu entwickeln.
Sie erklären ihren Teilnehmerinnen dann, dass Roma keine Diebe und Schmarotzer sind und die sagen: „Ok“?
Nein, als Trainer schaffe ich einen psychologisch geschützten Raum, damit die Teilnehmerinnen ihre eigenen Erfahrungen machen. Ich gebe keine Rezepte. Sie sehen wie wichtig es ist, die eigenen Erfahrungen zu besprechen. Schritt für Schritt. Es ist ein langwieriger und häufig schmerzvoller Prozess, sich die eigenen Vorurteile bewusst zu machen und zu erkennen, wie sie oft unabsichtlich dazu beitragen, dass Unterdrückung weiterhin funktioniert. Dieses Bewusstsein macht es möglich, auf Schuldzuweisungen zu verzichten und die Verantwortung für das eigene Verhalten und die eigenen Gefühle zu übernehmen.
Reddy: Sie richtet sich gegen jede Form der Unterdrückung, also nicht nur gegen rassistische Vorbehalte, sondern auch gegen den Ausschluss von Menschen mit Behinderung, anderer sexueller Orientierung oder in den letzten Jahren zunehmend aufgrund der wirtschaftlichen Stellung oder der Religion. Anti-Bias hinterfragt gewohnte Handlungen und Erklärungen. In den Seminaren wird konkret an Beispielen, die von TeilnehmerInnen mitgebracht werden, aufgezeigt, wie Diskriminierung funktioniert. Ich unterstütze die TeilnehmerInnen, Unterdrückung im Alltag und in gesellschaftlichen Strukturen zu erkennen, einzugreifen und schon im Vorfeld etwas gegen Diskriminierung vorzunehmen. Manchmal reicht ein kleiner vorsichtiger Einwand.
Wie kann denn im Vorfeld gegen eine diskriminierende Handlung vorgegangen werden?
Reddy: Im Training nennen wir das „proaktiv“ sein. Das bedeutet zum Beispiel, diskriminierende Strukturen zu verändern oder einen nicht ausschließenden Sprachgebrauch einzuführen. Ein Beispiel: Mir ist aufgefallen, dass in Seminarhäusern häufig die Bibel für die Teilnehmer ausliegt, damit Christen ihren Glauben praktizieren können. Für andere Gläubige gibt es solche Angebote nicht.
Die meisten Menschen möchten nicht von sich behaupten lassen, dass sie Vorurteile hegen, die sie loswerden müssen. Vor allem nicht Erzieherinnen, die sich täglich um Kinder mit Einwanderungshintergrund mit viel Gefühl und Einsatz kümmern. Wären sie in einem Anti-Bias-Training fehl am Platz?
Reddy: Nein. Denn in den Trainings gehen wir davon aus, dass jeder und jede Vorurteile hat. Das Problem beginnt, wenn Menschen glauben, dass ihre Vorurteile wahr sind, und ihr Handeln und Verhalten an ihnen ausrichten. Der Anti-Bias-Ansatz geht davon aus, dass Voreingenommenheit und Diskriminierung erlernt sind und als Ideologien institutionalisiert werden. Bei Antibias geht darum, die Komplexität der Diskriminierung zu verstehen. Es geht immer darum, ganz konkrete Strategien - zum Beispiel für den Kindergarten - zu entwickeln. Es geht zum Beispiel darum, Einstellungen wie „Roma sind faul und außerdem Diebe“ zu ändern und solch vorurteilsgeladenes Verhalten zu verlernen und alternatives vorurteilsbewusstes Verhalten zu entwickeln.
Sie erklären ihren Teilnehmerinnen dann, dass Roma keine Diebe und Schmarotzer sind und die sagen: „Ok“?
Nein, als Trainer schaffe ich einen psychologisch geschützten Raum, damit die Teilnehmerinnen ihre eigenen Erfahrungen machen. Ich gebe keine Rezepte. Sie sehen wie wichtig es ist, die eigenen Erfahrungen zu besprechen. Schritt für Schritt. Es ist ein langwieriger und häufig schmerzvoller Prozess, sich die eigenen Vorurteile bewusst zu machen und zu erkennen, wie sie oft unabsichtlich dazu beitragen, dass Unterdrückung weiterhin funktioniert. Dieses Bewusstsein macht es möglich, auf Schuldzuweisungen zu verzichten und die Verantwortung für das eigene Verhalten und die eigenen Gefühle zu übernehmen.
