Der Index für Inklusion: Vielfalt gestalten in Einrichtungen frühkindlicher Bildung
von Prof. Andrea Platte
"Wird den Kindern vermittelt, dass es großartig ist, anders und einzigartig zu sein?“ (C.1.4.l)
„Wird berücksichtigt, dass alle Kulturen und Religionen eine Reihe von Einstellungen und Vorschriften mit sich bringen?“ (C.1.5.a)
„Werden Unterschiede als wichtige Ressource, um Spiel, Lernen und Partizipation zu fördern, und nicht als Problem angesehen?“ (A.2.1.c)
Der Index für Inklusion stellt Fragen wie diese, um Institutionen (Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen) auf dem Weg zu dem Ziel zu unterstützen, das zusammenfassend für inklusive Bildung formuliert werden kann:
Alle Mitglieder der Einrichtung, d.h. Kinder/Jugendliche, Eltern und Mitarbeiter/innen, fühlen sich willkommen, Wert geschätzt und in ihrer Einzigartigkeit respektiert. Unterschiede in Geschlecht, Begabung, sozialer und kultureller Herkunft sind dabei wesentlich und bereichernd. Sie gestalten die einzigartige Vielfalt einer Gruppe, einer Klasse, einer Institution. Der Beitrag eines jeden einzelnen ist unverzichtbares „Puzzleteil“ für die Gestaltung einer Gemeinschaft, in der Stärken, Schwächen, Auffälligkeiten und Bedürfnisse ohne Wertung zum Ausdruck kommen und einander ergänzen.
Entstehung und Auftrag des Index für Inklusion
Der Index für Inklusion versteht sich als „Hilfestellung und Handreichung zur Unterstützung der inklusiven Entwicklung in allen institutionellen Formen von Tageseinrichtungen für Kinder… um die Partizipation der Kinder und Jugendlichen an Spiel und Lernen zu erhöhen“ (Booth, Anscow, Kingston 2007, 10). Tony Booth, einer der Autoren, bezeichnet ihn „als einen wertebasierten Ansatz zur Bildungs- und Gesellschaftsentwicklung“ (2008, 1). Dabei geht es nicht nur darum, die Aussonderung bestimmter Gruppen wie z.B. von Kindern mit Behinderungen, Migrationshintergrund oder Armutserfahrungen zu vermeiden, sondern darüber hinaus Werte zu entwickeln, auf deren Basis die Wertschätzung der Einzigartigkeit eines jeden Mädchen und eines jeden Jungen eine nicht aussondernde Gesellschaft gestalten können.
Mit dem Ziel, „Lernen und Teilhabe in einer Schule der Vielfalt“ zu entwickeln, wurden im Jahr 2000 in England unter Mitarbeit von Eltern, Schüler/innen und Mitarbeiter/innen über 700 Fragen und Indikatoren zusammen gestellt, die das Wohlbefinden aller Zugehörigen einer Einrichtung erkunden und damit deren Qualitätsentwicklung unterstützen sollten. Der Index für Inklusion enthält neben den Fragen auch Vorschläge zu deren Bearbeitung und zur Gestaltung eines (Schul)entwicklungsprozesses in Kooperation und Partizipation aller Beteiligten als Anregung für Analyse und Selbstbefragung. Er wurde inzwischen in 35 Sprachen übersetzt und von 40 Ländern übernommen.
Das Centre for Studies in Inclusive Education (CSIE) gab im Jahr 2002 den „Index for Inclusion – developing learning, participation and play in early years and childcare“ für Kindertageseinrichtungen heraus, welcher ebenfalls ins Deutsche übersetzt wurde unter dem Titel: „Spiel, Lernen und Partizipation in der inklusiven Kindertageseinrichtung entwickeln“.
Inklusive Bildung – Entwicklung von Werten
Inklusion wird verstanden als die Gestaltung eines Umfeldes, in dem Vielfalt in dem Sinne wahrgenommen wird, dass alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen Wert geschätzt werden. Dabei geht es um die Anerkennung von Unterschieden in Kultur, Identität, Leistungsstandards, Interessen, Erfahrungen, Geschlecht, sexueller Orientierung und körperlicher Fähigkeiten (vgl. Booth 2008). Über die Zuordnung von Kindern in Gruppierungen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Begabung und Behinderung und verschiedener sozialer/kultureller/nationaler Herkunft hinaus blickt die inklusive Sichtweise auf individuelle Unterschiedlichkeiten und Besonderheiten eines jeden einzelnen Kindes und seiner Voraussetzungen. Tony Booth versteht Inklusion „als die aktive Umsetzung von Werten, die sich mit Themen wie Gleichheit, Rechten, Teilhabe, Lernen, Gemeinschaft, Anerkennung von Vielfalt, Vertrauen und Nachhaltigkeit, aber auch mit zwischenmenschlichen Qualitäten wie Mitgefühl, Ehrlichkeit, Mut und Freude auseinander [setzen].“ (Booth 2008, 5) Auf diesen Werten basieren Handlungen und Strukturen, die eine Einrichtung, eine Kindergruppe, eine Lerngemeinschaft so gestalten lassen, dass Barrieren für Lernen und Teilhabe überwunden werden. Wo Heterogenität als Ressource gilt, kann eine grundlegende Anerkennung wachsen, die universelle Gemeinsamkeiten von Kindern und Jugendlichen, kollektive Unterscheidungen und unverwechselbare, individuelle Besonderheiten zugleich zu schätzen vermag (vgl. Prengel 1993, Platte 2008).
Erfahrungen mit inklusiver und integrativer Pädagogik
Untersuchungen für den schulischen Bereich bescheinigen heterogen zusammen gesetzten Lerngruppen und Schulklassen positive Ergebnisse für die soziale Entwicklung und auch für die Entwicklung von Leistungen (vgl. Demmer-Dieckmann/ Preuss-Lausitz 2008). Das bestätigt:
Kinder lernen da besonders effektiv,
• wo sie unterschiedliche Lernwege und –strategien kennen lernen und erproben,
• wo vielfältige Sichtweisen Erfahrungen erweitern,
• wo Unterschiedlichkeit als naturgegeben und
• die Balance von Gleichheit und Verschiedenheit als bereichernd erlebt werden können.
Eine Studie zur Integration jugendlicher Migrant/innen der 2. Generation in europäischen Großstädten (The Integration of European Second-Generation/ TIES) fragt u. a. danach, welches Schulsystem die „zweite Generation“ am besten unterstützt und erkennt: Förderlich sind möglichst langes gemeinsames Lernen und späte oder keine Zuordnung zu unterschiedlichen Schulformen (vgl. http://www.tiesproject.eu/content/view/16/29/lang,de/). Dabei wird festgestellt, dass sowohl Lehrer/innen als auch Pädagog/innen im Bereich der frühkindlichen Bildung nicht genügend auf den Umgang mit Vielfalt („Diversity“) vorbereitet sind. Im deutschen Bildungssystem, das sich durch besonders frühe und entschiedene Homogenisierung auszeichnet, sind in den letzten Jahren mit den Nominierungen zum deutschen Schulpreis gerade solche Schulen ausgezeichnet worden, die sich den Wert schätzenden Umgang mit Heterogenität zum Programm gemacht haben: So gehören zu den Preisträgern z.B. die Wartburg Grundschule in Münster, die jahrgangsübergreifend arbeitet und die IGS Bonn-Beuel, die als eine der ersten Schulen in NRW den gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen durchführt (vgl. Vielfalt gestalten/ Winter 2008, 8).
Inklusive Qualitätsentwicklung als Weg
Die Salamanca-Resolution erklärte bereits im Jahr 1994 „Inclusive Education“ und damit das Recht auf Bildung in einer Schule für alle zur internationalen Leitidee (vgl. Salamanca Statement 1994): „The guiding principle ist that schools should accomodate all children regardless of their physical, intellectual, social, emotional, linguistic or other conditions. This should include disabled and gifted children, street and working children, children from remote and nomadic populations, children from linguistic, ethnic or cultural minorities and children from other disadvantaged or marginalized groups…” (Salamanca Statement 1994, 3).
In vielen Ländern haben sich inzwischen Bildungseinrichtungen, Schulen und Kindertageseinrichtungen auf den Weg in Richtung der Leitidee der inklusiven Bildung gemacht. Mit dem Index für Inklusion haben in etwa 40 Ländern Veränderungsprozesse begonnen, die auf einer bewussten inklusiven Wertehaltung basieren und sich auf Strukturen und Handlungsstrategien in den Einrichtungen auswirken. In und um Köln arbeiten derzeit im Rahmen des Projekts „Index für Inklusion – Vielfalt als Entwicklungschance“ verschiedene Schulformen und auch Kindertageseinrichtungen an einem solchen Prozess der Organisationsentwicklung und Veränderung. Sie werden dabei unterstützt von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft in Zusammenarbeit mit den Kompetenzteams (staatliche Lehrerfortbildungseirichtungen mehrere Städte und Gemeinden). Über 20 Moderator/innen, die sich aus Kolleg/innen der Schul- und Organisationsentwicklung und der Integrations- und Inklusionsforschung zusammen setzen, begleiten Schulen und Bildungseinrichtungen über einen längeren Zeitraum und werden von der Stiftung koordiniert weitergebildet und teilweise finanziert. Der Kreis der Moderatorinnen und Moderatoren ist derzeit besonders interessiert an „Verstärkung“ aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung: Die Erfahrung von Gemeinsamkeit in Verschiedenheit kann nur wachsen innerhalb von Strukturen, die Verschiedenheit Wert schätzen und Willkommen heißen – diese zu Beginn einer Bildungsbiografie zu erleben, ist von daher besonders grundlegend. In NRW zeichnen sich viele Kindertageseinrichtungen nicht nur durch große Vielfalt kultureller und sozialer Herkunft aus, sondern auch durch die Beteiligung von Kindern mit Behinderungen. Ob das Verständnis, dass es „großartig“ ist, einzigartig zu sein und dass Unterschiede Ressourcen sind, sich tatsächlich in Organisation und Methodik einer Einrichtung wieder spiegelt, ob Besonderheiten von Kulturen und Religionen tatsächlich ihre Platz finden … (s. o.) – mit diesen Fragen führt der Index für Inklusion zu tief gehenden Auseinandersetzungen über Selbstverständnis, Zielsetzung und deren Realisierung.
Zusätzliche Informationen:
1. Bei Interesse an der Mitarbeit im o. g. Projekt www.montag-stiftungen.de. Unter dieser Adresse findet man auch den Index für Inklusion (Versionen für Schule und Kindertageseinrichtungen) als pdf-Datei.
Anfragen an
b.brokamp@montag-stiftungen.de,
andrea.platte@sw.hs-fulda.de
2. An der Hochschule Fulda beginnt im Oktober 2009 ein Studiengang, der für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung den Schwerpunkt auf die Vermeidung von Bildungsbenachteiligung setzen wird. Damit verbunden ist der Blick auf Gruppierungen, die von Aussonderung und Benachteiligung bedroht sind und die Wertschätzung von Verschiedenheit für die frühkindliche Entwicklung im oben beschriebenen Sinne:
www.fruehkindliche-inklusive-bildung.de
Literatur:
Ainscow, Mel/ Booth, Tony: Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools. Bristol. CSIE 2000
Booth, Tony/ Ainscow, Mel/ Kingston, Denise: Index für Inklusion (Tageseinrichtungen für Kinder) 2. Aufl. Frankfurt 2007
Booth, Tony: Eine internationale Perspektive auf inklusive Bildung: Werte für alle? In: Hinz, Andreas/ Körner, Ingrid/ Niehoff, Ulrich (Hg.): Von der Integration zur Inklusion: Grundlagen – Perspektiven – Praxis. Marburg 2008
Platte, Andrea: Inklusive Bildungsprozesse: Teilhabe am Lernen und Lehren in einer Schule für alle. In: Rihm, Thomas (Hg.): Teilhaben an Schule. Zu den Chancen wirksamer Einflussnahme auf Schulentwicklung. Wiesbaden 2008 (39-52)
UNESCO & Minstery of Education and Science Spain: The Salamanca Statement on Principles, Policy and Practise in Special Needs Education. Paris 1994
http://www.tiesproject.eu/content/view/16/29/lang,de/
„Wird berücksichtigt, dass alle Kulturen und Religionen eine Reihe von Einstellungen und Vorschriften mit sich bringen?“ (C.1.5.a)
„Werden Unterschiede als wichtige Ressource, um Spiel, Lernen und Partizipation zu fördern, und nicht als Problem angesehen?“ (A.2.1.c)
Der Index für Inklusion stellt Fragen wie diese, um Institutionen (Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen) auf dem Weg zu dem Ziel zu unterstützen, das zusammenfassend für inklusive Bildung formuliert werden kann:
Alle Mitglieder der Einrichtung, d.h. Kinder/Jugendliche, Eltern und Mitarbeiter/innen, fühlen sich willkommen, Wert geschätzt und in ihrer Einzigartigkeit respektiert. Unterschiede in Geschlecht, Begabung, sozialer und kultureller Herkunft sind dabei wesentlich und bereichernd. Sie gestalten die einzigartige Vielfalt einer Gruppe, einer Klasse, einer Institution. Der Beitrag eines jeden einzelnen ist unverzichtbares „Puzzleteil“ für die Gestaltung einer Gemeinschaft, in der Stärken, Schwächen, Auffälligkeiten und Bedürfnisse ohne Wertung zum Ausdruck kommen und einander ergänzen.
Entstehung und Auftrag des Index für Inklusion
Der Index für Inklusion versteht sich als „Hilfestellung und Handreichung zur Unterstützung der inklusiven Entwicklung in allen institutionellen Formen von Tageseinrichtungen für Kinder… um die Partizipation der Kinder und Jugendlichen an Spiel und Lernen zu erhöhen“ (Booth, Anscow, Kingston 2007, 10). Tony Booth, einer der Autoren, bezeichnet ihn „als einen wertebasierten Ansatz zur Bildungs- und Gesellschaftsentwicklung“ (2008, 1). Dabei geht es nicht nur darum, die Aussonderung bestimmter Gruppen wie z.B. von Kindern mit Behinderungen, Migrationshintergrund oder Armutserfahrungen zu vermeiden, sondern darüber hinaus Werte zu entwickeln, auf deren Basis die Wertschätzung der Einzigartigkeit eines jeden Mädchen und eines jeden Jungen eine nicht aussondernde Gesellschaft gestalten können.
Mit dem Ziel, „Lernen und Teilhabe in einer Schule der Vielfalt“ zu entwickeln, wurden im Jahr 2000 in England unter Mitarbeit von Eltern, Schüler/innen und Mitarbeiter/innen über 700 Fragen und Indikatoren zusammen gestellt, die das Wohlbefinden aller Zugehörigen einer Einrichtung erkunden und damit deren Qualitätsentwicklung unterstützen sollten. Der Index für Inklusion enthält neben den Fragen auch Vorschläge zu deren Bearbeitung und zur Gestaltung eines (Schul)entwicklungsprozesses in Kooperation und Partizipation aller Beteiligten als Anregung für Analyse und Selbstbefragung. Er wurde inzwischen in 35 Sprachen übersetzt und von 40 Ländern übernommen.
Das Centre for Studies in Inclusive Education (CSIE) gab im Jahr 2002 den „Index for Inclusion – developing learning, participation and play in early years and childcare“ für Kindertageseinrichtungen heraus, welcher ebenfalls ins Deutsche übersetzt wurde unter dem Titel: „Spiel, Lernen und Partizipation in der inklusiven Kindertageseinrichtung entwickeln“.
Inklusive Bildung – Entwicklung von Werten
Inklusion wird verstanden als die Gestaltung eines Umfeldes, in dem Vielfalt in dem Sinne wahrgenommen wird, dass alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen Wert geschätzt werden. Dabei geht es um die Anerkennung von Unterschieden in Kultur, Identität, Leistungsstandards, Interessen, Erfahrungen, Geschlecht, sexueller Orientierung und körperlicher Fähigkeiten (vgl. Booth 2008). Über die Zuordnung von Kindern in Gruppierungen verschiedenen Geschlechts, verschiedener Begabung und Behinderung und verschiedener sozialer/kultureller/nationaler Herkunft hinaus blickt die inklusive Sichtweise auf individuelle Unterschiedlichkeiten und Besonderheiten eines jeden einzelnen Kindes und seiner Voraussetzungen. Tony Booth versteht Inklusion „als die aktive Umsetzung von Werten, die sich mit Themen wie Gleichheit, Rechten, Teilhabe, Lernen, Gemeinschaft, Anerkennung von Vielfalt, Vertrauen und Nachhaltigkeit, aber auch mit zwischenmenschlichen Qualitäten wie Mitgefühl, Ehrlichkeit, Mut und Freude auseinander [setzen].“ (Booth 2008, 5) Auf diesen Werten basieren Handlungen und Strukturen, die eine Einrichtung, eine Kindergruppe, eine Lerngemeinschaft so gestalten lassen, dass Barrieren für Lernen und Teilhabe überwunden werden. Wo Heterogenität als Ressource gilt, kann eine grundlegende Anerkennung wachsen, die universelle Gemeinsamkeiten von Kindern und Jugendlichen, kollektive Unterscheidungen und unverwechselbare, individuelle Besonderheiten zugleich zu schätzen vermag (vgl. Prengel 1993, Platte 2008).
Erfahrungen mit inklusiver und integrativer Pädagogik
Untersuchungen für den schulischen Bereich bescheinigen heterogen zusammen gesetzten Lerngruppen und Schulklassen positive Ergebnisse für die soziale Entwicklung und auch für die Entwicklung von Leistungen (vgl. Demmer-Dieckmann/ Preuss-Lausitz 2008). Das bestätigt:
Kinder lernen da besonders effektiv,
• wo sie unterschiedliche Lernwege und –strategien kennen lernen und erproben,
• wo vielfältige Sichtweisen Erfahrungen erweitern,
• wo Unterschiedlichkeit als naturgegeben und
• die Balance von Gleichheit und Verschiedenheit als bereichernd erlebt werden können.
Eine Studie zur Integration jugendlicher Migrant/innen der 2. Generation in europäischen Großstädten (The Integration of European Second-Generation/ TIES) fragt u. a. danach, welches Schulsystem die „zweite Generation“ am besten unterstützt und erkennt: Förderlich sind möglichst langes gemeinsames Lernen und späte oder keine Zuordnung zu unterschiedlichen Schulformen (vgl. http://www.tiesproject.eu/content/view/16/29/lang,de/). Dabei wird festgestellt, dass sowohl Lehrer/innen als auch Pädagog/innen im Bereich der frühkindlichen Bildung nicht genügend auf den Umgang mit Vielfalt („Diversity“) vorbereitet sind. Im deutschen Bildungssystem, das sich durch besonders frühe und entschiedene Homogenisierung auszeichnet, sind in den letzten Jahren mit den Nominierungen zum deutschen Schulpreis gerade solche Schulen ausgezeichnet worden, die sich den Wert schätzenden Umgang mit Heterogenität zum Programm gemacht haben: So gehören zu den Preisträgern z.B. die Wartburg Grundschule in Münster, die jahrgangsübergreifend arbeitet und die IGS Bonn-Beuel, die als eine der ersten Schulen in NRW den gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderungen durchführt (vgl. Vielfalt gestalten/ Winter 2008, 8).
Inklusive Qualitätsentwicklung als Weg
Die Salamanca-Resolution erklärte bereits im Jahr 1994 „Inclusive Education“ und damit das Recht auf Bildung in einer Schule für alle zur internationalen Leitidee (vgl. Salamanca Statement 1994): „The guiding principle ist that schools should accomodate all children regardless of their physical, intellectual, social, emotional, linguistic or other conditions. This should include disabled and gifted children, street and working children, children from remote and nomadic populations, children from linguistic, ethnic or cultural minorities and children from other disadvantaged or marginalized groups…” (Salamanca Statement 1994, 3).
In vielen Ländern haben sich inzwischen Bildungseinrichtungen, Schulen und Kindertageseinrichtungen auf den Weg in Richtung der Leitidee der inklusiven Bildung gemacht. Mit dem Index für Inklusion haben in etwa 40 Ländern Veränderungsprozesse begonnen, die auf einer bewussten inklusiven Wertehaltung basieren und sich auf Strukturen und Handlungsstrategien in den Einrichtungen auswirken. In und um Köln arbeiten derzeit im Rahmen des Projekts „Index für Inklusion – Vielfalt als Entwicklungschance“ verschiedene Schulformen und auch Kindertageseinrichtungen an einem solchen Prozess der Organisationsentwicklung und Veränderung. Sie werden dabei unterstützt von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft in Zusammenarbeit mit den Kompetenzteams (staatliche Lehrerfortbildungseirichtungen mehrere Städte und Gemeinden). Über 20 Moderator/innen, die sich aus Kolleg/innen der Schul- und Organisationsentwicklung und der Integrations- und Inklusionsforschung zusammen setzen, begleiten Schulen und Bildungseinrichtungen über einen längeren Zeitraum und werden von der Stiftung koordiniert weitergebildet und teilweise finanziert. Der Kreis der Moderatorinnen und Moderatoren ist derzeit besonders interessiert an „Verstärkung“ aus dem Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung: Die Erfahrung von Gemeinsamkeit in Verschiedenheit kann nur wachsen innerhalb von Strukturen, die Verschiedenheit Wert schätzen und Willkommen heißen – diese zu Beginn einer Bildungsbiografie zu erleben, ist von daher besonders grundlegend. In NRW zeichnen sich viele Kindertageseinrichtungen nicht nur durch große Vielfalt kultureller und sozialer Herkunft aus, sondern auch durch die Beteiligung von Kindern mit Behinderungen. Ob das Verständnis, dass es „großartig“ ist, einzigartig zu sein und dass Unterschiede Ressourcen sind, sich tatsächlich in Organisation und Methodik einer Einrichtung wieder spiegelt, ob Besonderheiten von Kulturen und Religionen tatsächlich ihre Platz finden … (s. o.) – mit diesen Fragen führt der Index für Inklusion zu tief gehenden Auseinandersetzungen über Selbstverständnis, Zielsetzung und deren Realisierung.
Zusätzliche Informationen:
1. Bei Interesse an der Mitarbeit im o. g. Projekt www.montag-stiftungen.de. Unter dieser Adresse findet man auch den Index für Inklusion (Versionen für Schule und Kindertageseinrichtungen) als pdf-Datei.
Anfragen an
2. An der Hochschule Fulda beginnt im Oktober 2009 ein Studiengang, der für die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung den Schwerpunkt auf die Vermeidung von Bildungsbenachteiligung setzen wird. Damit verbunden ist der Blick auf Gruppierungen, die von Aussonderung und Benachteiligung bedroht sind und die Wertschätzung von Verschiedenheit für die frühkindliche Entwicklung im oben beschriebenen Sinne:
www.fruehkindliche-inklusive-bildung.de
Literatur:
Ainscow, Mel/ Booth, Tony: Index for Inclusion. Developing Learning and Participation in Schools. Bristol. CSIE 2000
Booth, Tony/ Ainscow, Mel/ Kingston, Denise: Index für Inklusion (Tageseinrichtungen für Kinder) 2. Aufl. Frankfurt 2007
Booth, Tony: Eine internationale Perspektive auf inklusive Bildung: Werte für alle? In: Hinz, Andreas/ Körner, Ingrid/ Niehoff, Ulrich (Hg.): Von der Integration zur Inklusion: Grundlagen – Perspektiven – Praxis. Marburg 2008
Platte, Andrea: Inklusive Bildungsprozesse: Teilhabe am Lernen und Lehren in einer Schule für alle. In: Rihm, Thomas (Hg.): Teilhaben an Schule. Zu den Chancen wirksamer Einflussnahme auf Schulentwicklung. Wiesbaden 2008 (39-52)
UNESCO & Minstery of Education and Science Spain: The Salamanca Statement on Principles, Policy and Practise in Special Needs Education. Paris 1994
http://www.tiesproject.eu/content/view/16/29/lang,de/
