Mittendrin, nicht nur dabei im deutschen Bildungssystem mit dem Leitfaden „Index für Inklusion“

von Donja Amirpur

Der Rat der Stadt Köln hat beschlossen, bis zum Jahr 2010 die Plätze für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf auf ca. 1400 zu verdoppeln. Von einer „Schule für alle“, wie sie die gleichnamige Initiative will, ist das Bildungssystem hierzulande allerdings noch weit entfernt.


Deshalb fordert die Initiative „Schule für alle“ die Bundesregierung auf, die von ihr im März unterschriebene UN-Konvention „über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ in die Tat umzusetzen. Darin heißt es, kein Kind dürfe „aufgrund seiner Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen bleiben“.
Handlungsbedarf stellte auch der UN-Sonderbotschafter Vernor Muñoz im vergangenen Jahr bei seiner Deutschlandreise fest. Muñoz beschrieb in seinem Bericht, den er am 21. März in Genf vorlegte, was er in Deutschland vorgefunden hatte: ein ungerechtes Bildungssystem, das Kinder mit Behinderung, Kinder von Einwanderern und aus armen Verhältnissen benachteiligt. In kaum einem europäischen Land gibt es noch Sonderschulen. In Deutschland aber hält sich diese Schulform hartnäckig, oftmals sogar gegen den erklärten Elternwillen. Die Ausgrenzung beginnt laut Muñoz mit einer unzureichenden Bildung im Kindergarten, verstärkt sich durch die frühe Auslese der Kinder nach der Grundschule und setzt sich dann bis zum Ende der Schulzeit und der Berufsfindung fort. Dabei mangelt es nicht an Erfahrungswissen aus anderen Ländern und nützlichen Konzepten zum Thema Bildung mit mehr Chancengleichheit.

Der Index für Inklusion

Eines davon ist das in England entwickelte Konzept „Index für Inklusion“: Der Grundgedanke besteht darin, die vorhandene Vielfalt in Schule oder Kindergarten wahrzunehmen, zuzulassen und produktiv zu nutzen. Inklusion meint die Einbeziehung Aller ins Bildungssystem. Der Index für Inklusion ist eine Anleitung und eine Art Gradmesser für die Umgestaltung von Bildungseinrichtungen.
Für den Herausgeber des deutschsprachigen Indexes, Prof. Andreas Hinz von der Universität Halle, geht es längst nicht mehr um die Frage, ob eine allgemeine Schule in der Lage ist, ein Kind mit einer bestimmten Beeinträchtigung zu integrieren, sondern um die „Qualität einer ganzen Schule“. Die britischen Urheber des Konzeptes, Tony Booth und Mel Ainscow, hätten dafür den Leitgedanken der „Integration“ hinter sich gelassen und durch eine neue Grundhaltung ersetzt: Während Integration in das Bildungssystem noch an einer Zweigruppen-Theorie festhält, nämlich Kinder mit und ohne Förderbedarf, sieht die Inklusion die Lerngruppe als eine unteilbare an und nimmt alle und alles am Bildungsprozess Beteiligte in den Blick: SchülerInnen, PädagogInnen, die Kultur der Bildungseinrichtung,
Inhalte bis hin zur Gestaltung der Gebäude. Das Inklusionskonzept verfolgt ein ehrgeiziges Ziel. Es will für jede Eigenart – wie es Lernschwierigkeiten und Behinderungen sein können – eine entsprechende Unterstützung im und nicht außerhalb des allgemeinen Schulsystems finden. Statt individueller Lehrpläne für Einzelne fordert das Konzept individuelle Lehrpläne für Alle. Damit findet es international erhebliche Beachtung.
Der „Index for Inclusions - Developing Learning and Participation in Schools“ wurde mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt.

Was bietet der Index?

Schulen und Kindertagesstätten, die sich zu „Bildungsstätten für alle“ entwickeln wollen, bietet der Index Hilfen an, um den aktuellen Stand im Umgang mit Vielfalt und die eigene Entwicklung zur Inklusion zu reflektieren.
In der Handreichung werden zunächst das grundlegende Konzept, der Planungsrahmen und die Evaluationsinstrumente erläutert.
In fünf Phasen wird der Index-Prozess für die praktische Arbeit veranschaulicht:
• Den Index-Prozess beginnen
• Die Schulsituation beleuchten
• Ein inklusives Schulprogramm entwerfen
• Die Prioritäten umsetzen
• Den Index-Prozess reflektieren
Umfangreiche Materialien für die Praxis, Indikatorenraster und Fragebögen sowie Literaturhinweise runden das Buch ab.
Die Regionale Bildungsinitiative der Montag-Stiftung, die im Köln/Bonner Raum gestartet ist, unterstützt Kindertagesstätten und Schulen bei ihrer inklusiven Umgestaltung durch Moderation und Beratung. In Workshops wird die eigene Praxis analysiert, werden Prioritäten für Veränderungen entwickelt und nächste Entwicklungsschritte realisiert. In Nordrhein-Westfalen finden unter dem Motto „Förderschulen weg – Förderung für alle“ seit Anfang des Jahres regelmäßig Veranstaltungen in Kooperation mit den Kommunen statt und verbreiten die Idee der Inklusion. In Köln hat der Kongress „Eine Schule für Alle“ schon jetzt ein Umdenken in Politik und Verwaltung bewirkt. „SPD, Grüne und Linke sind für den kompletten Umbau des Schulsystems in Köln“, so Wolfgang Blaschke von mittendrin e. V. aus Köln. Und das ist dringend nötig: Rund 420 000 Kinder und Jugendliche besuchen Sonderschulen. 40 Prozent von ihnen haben einen Einwanderungshintergrund. Nur ein Drittel all dieser Kinder ist im engeren Sinne geistig oder körperlich „behindert“.
Acht von zehn Sonderschülern verlassen diese Schulen ohne Abschluss.
Weitere Informationen:
Interessierte Schulen und Kitas können an der Bildungsinitiative teilnehmen: www.montag-stiftungen.com/de/index-fuerinklusion/.
Der Index ist ebenfalls auf den Internetseiten der Stiftung zu finden. Speziell für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen: www.gew.de/Publikationen_Kita.html
Kurzübersicht der Indikatoren: www.fh-oow.de/sowe//downloads/12/index_veranstaltung_emden.pdf. Tagungsbericht
„Eine Schule für Alle“: www.eine-schule-fuer-alle.info