Die Geometrie der Butterbrote

von Dr. Navid Kermani

Photo: Villa Massimo

Gut kann ich mich an den kleinen Grenzverkehr meiner Kindheit erinnern. Auf dem Berg, auf dem wir lebten, war ich, soweit ich es wahrnahm, der einzige Ausländer. Es gab außer meinem Namen und meinen schwarzen Haaren nichts, was mich im Kindergarten oder in der Grundschule, auf der Straße und unter Freunden als Fremden markiert hätte. Sogar mein Deutsch hatte die Melodie und das rollende R unserer Mittelgebirgslandschaft. Wenn ich jedoch nach Hause kam, war es, als ob ich eine Grenze überschritten hätte. Von einem auf den anderen Meter war die Sprache - auch meine eigene – Persisch, und zwar mit einem deutsch-isfahanischen Akzent. Meine Verhaltensweisen und Benimmregeln änderten sich von einem auf den anderen Schritt, und ich war, ohne es zu reflektieren oder gar als problematisch zu empfinden, umgeben von Formen, Gerüchen, Geräuschen, Menschen und Farben, die es jenseits der Türschwelle nicht gab.

Für mich war sie so gewöhnlich wie meine eigene Haut, aber auf meine Freunde übte diese Welt, wenn ich mich nicht täusche, eine Faszination aus, die sich darin äußerte, dass sie es in der Regel vorzogen, bei uns zu spielen. Vielleicht war es die Neugier, die das Fremde weckte, vielleicht waren es aber auch nur die anderen, für uns Kinder laxeren Gesetze, die in unserer Welt herrschten. Es gab keine verbotenen Räume, keine festgelegten Essenszeiten, keine Eltern, die sich in alles einmischten, nur ein paar Brüder, die aber schon deshalb nicht störten, weil sie älter waren und lauter spannenden Beschäftigungen nachgingen, Freundinnen, Feten, Fußball, Rockmusik. Ansonsten waren Haus und Garten unser. Ich weiß nicht und habe damals auch nicht darüber nachgedacht, ob die Verhältnisse bei uns typisch persisch waren, aber sie waren anders als bei meinen Freunden, und das spürten sie so gut wie ich. Mit diesem Bewusstsein, dass es drinnen und draußen, jenes und dieses gibt, bin ich groß geworden, und ich habe heute das anmaßende Gefühl, meinen Freunden in dieser Hinsicht etwas vorausgehabt zu haben. Ich brauchte niemals Aufklärung darüber, dass dies, was ist, nicht alles ist.

Nun waren die Welten nicht so streng geschieden, wie man vermuten könnte. Es gab Einschulungen und Kindergeburtstage, Elternsprechtage und Besuche meiner Eltern auf dem Fußballplatz, und bei all diesen Gelegenheiten waren die Trennlinien aufgehoben, ich sprach Deutsch und im nächsten Satz, wenn ich mich zu meinen Eltern wandte, Persisch. Gelegentlich war das ein bisschen komisch, aber für mich eben dennoch normal: zum Beispiel sieze ich meine Eltern auf persisch, was im Deutschen nicht mehr möglich ist, ohne sich lächerlich zu machen. Also versuchte ich damals schon zu vermeiden, meine Eltern auf deutsch anzusprechen; ich sprach zwar, wenn meine Freunde dabei waren und es sein musste, mit ihnen auf deutsch, aber ich redete sie nicht an; ich suchte andere, indirekte Formulierungen, denn andernfalls hätte ich sie duzen müssen, und das wäre mir unangenehm gewesen. Aber siezen konnte ich sie natürlich auch nicht, zumal nicht im Beisein von meinen Freunden. Wie hätten sie mich denn angesehen, wenn ich gesagt hätte: Vati, bitte holen Sie mich um drei vom Fußballplatz ab? Es war nicht, dass ich es als Zwang empfand, meine Eltern zu siezen; dass ich sie duzen wollte, aber es nicht gedurft hätte. Es war für mich so normal, wie es normal ist, zum Schlafengehen einen Schlafanzug anzuziehen. Es war mir auch nicht peinlich, und so habe ich kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich meine Eltern siezte; ich kann mich erinnern, es ein paar Mal meinen Freunden erzählt zu haben, als Kuriosität, nicht als Geständnis. Und das Kuriose entstand, wenn ich es mir heute versuche deutlich zu machen, eben dadurch, dass sich die beiden Räume, von denen ich gesprochen habe – das Innen und Außen – durch die Anwesenheit meiner Eltern auf dem Fußballplatz oder dem Schulhof ineinander geschoben hatten und ich nun die beiden Verhaltenskodexe oder Umgangsformen, die normalerweise strikt voneinander geschieden waren, gleichzeitig anwenden musste. Das war nicht der normale Zustand, aber es war auch nicht schlimm. Es war ab und zu nur ein wenig kurios.

Ich will nicht behaupten, dass ich meine „kulturelle Identität“, wie es heute so schrecklich heißt, niemals als Problem empfunden hätte. Aber es war, wenn überhaupt, kein besonders großes Problem. Zum Beispiel war ich niemals so ordentlich wie die anderen Kinder, und das hatte etwas mit meinen Eltern zu tun, das spürte ich. Mein Ranzen zum Beispiel war niemals planmäßig gepackt wie die Ranzen der anderen Kinder, und meine Hefte waren nicht so sorgsam gepflegt, und niemals hatte ich so schöne Butterbrotdosen wie meine deutschen Freunde. Mein Butterbrot hatte meine Mutter immer in alte Tüten gepackt. Ich erwähnte bereits, dass wir zu Hause keinen so minutiös geregelten Alltag hatten wie meine Freunde, und was ich normalerweise gut fand, dass ich nämlich mehr Freiheiten hatte als sie, das empfand ich gelegentlich auch als Nachteil. Ich hätte auch gern so ordentlich geschmierte, wie mit dem Lineal abgeschnittene Butterbrote und nagelneue Butterbrotdosen gehabt, aber das von meiner Mutter zu erwarten war völlig unrealistisch, und das hatte wohl auch damit zu tun, dass wir aus einer anderen Kultur stammen, in der eine solche Ordnung und Ordentlichkeit, diese klinische Reinlichkeit und der minutiös geregelte Tagesablauf unbekannt sind. Es gab also durchaus Momente, in denen mir mein Fremdsein als etwas Hinderliches auffielt, doch waren sie nicht sonderlich gravierend. Als Siebenjähriger hielt ich die Geometrie von Butterbroten zwar für wichtig, aber nicht für existentiell.

Man verbindet Begriffe wie Heimat, Fremde, Identität meistens mit Orten, mit Ländern, Kulturen, Religion. Das ist nicht falsch, aber es ist auch eine Reduzierung. Ich habe schon angedeutet, dass ich mir in der Schule oder unter Freunden zwar über mein Anderssein bewusst war, ebenso wie es meinen Freunden bewusst war, dass ich aus einem anderen Land stammte. Aber es war für mich nicht eben sensationell oder gar beunruhigend; ich fühlte mich deswegen nicht fremd oder gar unwohl, oder anders gesagt: Mein Fremdsein war eine Information, kein Zustand. Es gab kaum etwas in meinem Verhalten, durch das ich mich von den anderen Kindern unterschied, oder jedenfalls sehr wenig, was ich damit in Verbindung brachte, Ausländer zu sein.

Mit sechs Jahren kam ich in den Fußballverein, zweimal die Woche Training, am Wochenende ein Meisterschaftsspiel. Im nachhinein muss ich sagen, dass es eine der wichtigsten, prägendsten Erfahrungen meines Lebens war. Im Fußballverein lernte ich eine Welt kennen, die mir neu war. Der Fußballverein war meine erste Fremde: Ich bin in einem sozialen Umfeld der oberen Mittelklasse großgeworden; die meisten Kinder in meiner Nachbarschaft und in meiner Grundschule stammten aus verhältnismäßig begütertem Elternhaus. Sie waren nicht durchweg reich, aber es wohnten doch auch so gut wie keine Arbeiterkinder bei uns, keine Kinder von Arbeitslosen, keine armen Leute. Deshalb, weil es eine bessere Gegend war, lebten auch kaum andere „Gastarbeiter“ in unserer Gegend, und die wenigen Ausländer, die es gab, waren, soweit ich mich erinnere, allesamt iranische Ärzte. Im Fußballverein dagegen war ich der einzige, der in einem eher wohlhabenden Viertel wohnte. Die Vereinskameraden stammten aus einer anderen sozialen Schicht. Ohne dass ich es wie heute zu benennen vermocht hätte, spürte ich diesen Unterschied. Zum Beispiel war der Umgangston rauer, und die Eltern der anderen fuhren keinen Mercedes Benz, sondern einen Opel Rekord oder einen Renault vier. Das Mindeste, was ein Familienvater bei uns auf dem Berg fuhr, war ein Opel Senator; das höchste, was die Väter meiner Vereinskameraden fuhren, war ein Ford Taunus - wenn sie überhaupt ein Auto besaßen. Als Erwachsener mag man das seltsam finden, aber als Sechsjähriger war es wichtig für mich zu erfahren, dass ein Auto keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Und diese Kinder, mit denen ich normalerweise in dem Alter nie etwas zu tun gehabt hätte, wurden durch den gemeinsamen Spaß am Fußball zu Kameraden, die ich zu Hause besuchte oder die mich in unserem Einfamilienhaus besuchten. Aber das hat eine Zeit gebraucht, und der relative Wohlstand meiner Eltern war im Fußballverein jedenfalls nicht von Vorteil; er war mir eher peinlich, weil ich mich zum ersten Mal als nicht wirklich zugehörig zu einer Gruppe empfand, wenigstens am Anfang.

Normalerweise fuhr meine Mutter mich zum Training oder samstags zu den Spielen oder zumindest zum Treffpunkt, von wo wir aus zu den Auswärtsspielen fuhren; da fiel das nicht so auf, weil meine Mutter einen Volkswagen besaß. Aber wenn mein Vater mit seinem Benz vorfuhr - das war schon seltsam. Es gab außerdem bestimmte Wörter oder Sätze, die ich zwar kannte, aber selbst nicht gebrauchte. Es war auch eine bestimmte Diktion, die die anderen beherrschten und ich nicht, sie waren viel forscher als ich oder, so kam es mir vor, männlich, echte Kerle. Zum Glück spielte ich recht gut. Ich hatte meinen Stammplatz und wurde deswegen von den anderen akzeptiert. Es gab immer zwei oder drei unter uns, die nicht besonders anerkannt waren und deswegen auch nicht lange blieben; es waren immer diejenigen, die auch auf dem Platz nicht besonders gut waren. Das heißt, die soziale Anerkennung wurde im wesentlichen durch die Leistung auf dem Platz definiert; das war bisweilen hart, aber es war nicht ungerecht, schließlich waren wir Fußballer. Ich fühlte mich also nicht als Außenseiter und wurde wegen meiner sozialen Herkunft denn auch, sobald ich einmal in die Gruppe aufgenommen worden war, keineswegs geschnitten. Aber dennoch blieb ich fremd, und zwar nicht weil ich Ausländer, sondern weil ich aus einem sozial gutgestellten Elternhaus kam. Wenn ich den einen oder anderen aus meiner Mannschaft besuchte – das war für mich wie eine Reise ins Ausland.

Heute bemerke ich immer wieder, dass man die Kategorie des Sozialen oder Ökonomischen viel zu wenig berücksichtigt, wenn man zum Beispiel über Ausländer und die Probleme ihrer Integration diskutiert, vor allem über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Integration der Muslime. Man betont immer wieder, wie wenig sich die Muslime integrieren würden oder wollten. Ich glaube durchaus, dass dieser Eindruck stellenweise nicht ganz falsch ist, aber die Gründe dafür finde ich zumindest teilweise recht banal: Die meisten Muslime in Deutschland, also die meisten Türken, stammen – wenigstens in der Einwanderergeneration - aus ländlichen, wenig entwickelten Gebieten; ihre Auswanderung nach Deutschland war vielfach einer Zeitreise. Die Schwierigkeiten, sich in eine städtische, industrialisierte Welt einzugewöhnen, sowie die Abwehrmechanismen, mit denen sie auf diese Schwierigkeiten reagieren, sind zu einem großen Teil die gleichen, die als Folge der Landflucht überall in den Metropolen der islamischen Welt zu beobachten sind. Einem Angehörigen der Istanbuler, Beiruter oder Teheraner Mittelschicht sind die Gewohnheiten, Traditionen und Wertvorstellungen eines anatolischen Dorfbewohners kaum weniger fremd als den meisten Deutschen. Und die Vorbehalte gegenüber den Neuankömmlingen sind oft identisch. Sie seien rückständig, die Frauen würden unterdrückt, sie hätten keine Kultur, sie würden sich nicht integrieren wollen. Nicht alle, aber doch ein großer Teil der Probleme, die im Zusammenleben mit Muslimen auftauchen - Parallelgesellschaften, Bildungsgefälle, die Verbannung der Frau aus dem öffentlichen Leben -, wären nicht bloß theologisch zu erklären, sondern haben soziale Gründe. Das bedeutet auch, dass diese Probleme weit unscheinbarer wären, stammte das Gros der muslimischen Einwanderer aus den Städten. So wird immer wieder verwundert vermerkt, dass Migranten aus dem Libanon oder aus Iran, deren Zahl weltweit mehrere Millionen beträgt, in großer Zahl in die Bildungs- oder Wirtschaftseliten ihrer neuen Heimat vorstoßen. Das liegt gewiss nicht an der überdurchschnittlichen Intelligenz ihrer Völker (wie mir meine iranischen Landsleute gern versichern). Das liegt auch nicht daran, dass die gut integrierten iranischen oder libanesischen Muslime allesamt vom Glauben abgefallen wären (wie meine deutsche Landsleute oft meinen, wenn sie diejenigen Muslime, die ihren Glauben nicht an äußerlichen Zeichen oder Regeln festmachen, erleichtert als „irgendwie unecht“ wahrnehmen); es liegt einfach daran, dass sie bereits in der alten Heimat Angehörige jener privilegierten Schicht waren. Dass sie wenig Schwierigkeiten haben, sich an die neue Umgebung anzupassen ist kein Wunder, wenn man ihre alte Umgebung kennt; sie ist der neuen ziemlich ähnlich.

Als ich ein Kind war, fuhren wir im Sommer oft nach Isfahan zu meinen Verwandten. Weil wir das schon immer getan hatten, war das für mich so normal, wie es für andere normal war, den Sommer in Helgoland zu verbringen. Weder hatte ich das Gefühl, in meine Heimat “zurückgekehrt” zu sein, noch fühlte ich mich fremd. Die Umgangsformen und Gewohnheiten bei meinen Verwandten waren im großen und ganzen dieselben wie in Deutschland in meinem Elternhaus; das gilt sowohl für den Respekt für die Älteren, der für uns Kinder selbstverständlich war, wie auch den längst nicht so minutiös geregelten Tagesablauf und die Freiheiten, die wir als Kinder genossen. Heute weiß ich, dass die Vertrautheit auch mit dem sozialen Milieu meiner Verwandtschaft zu tun hatte; meine Onkel waren alle Mediziner oder ähnliches. Ich hielt mich nach wie vor in der oberen Mittelschicht auf; es gab Esstische, Sofas, Couchmöbel, Stereoanlagen, Tiefkühltruhen, Teppichböden, Pommes Frites, Big Jim-Puppen. Ich lebte in einer sehr ähnlichen Umgebung wie zuhause in Deutschland. Aber wenn wir in der Stadt unterwegs waren, in Isfahan, im Basar, in den Vorstädten – das war nun wirklich eine andere Welt. Die Handwerker, die Händler, die kleinen Jungen mit ihren löchrigen Schuhen – das einzige, was ich mit ihnen teilte, war die Sprache. Besonders drastisch empfand ich den Unterschied, wenn wir freitags auf unser Landgut fuhren. Im Haus unseres Verwalters gab es keine Möbel. Alle saßen auf dem Teppich. Er hatte zwar Kinder in unserem Alter, aber dass wir mit ihnen hätten spielen können, darauf wären meine Cousins, Cousinen und ich niemals gekommen. Dort war ich im Ausland – aber nicht nur ich, sondern auch meine Cousins und Cousinen aus dem Bürgertum Isfahans. Das war eine ähnliche Situation wie damals, als ich in den Fußballverein kam, nur war sie viel extremer, weil die sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft wie der iranischen extremer sind als in Deutschland. Ich behaupte nicht, dass es keine kulturellen Konflikte gibt, aber ich meine, dass die größte Bruchstelle in einer Gesellschaft und zwischen verschiedenen Gesellschaft die soziale ist, etwa der Unterschied von reich und arm oder Stadt und Land.

Ich selbst bin ein Beispiel dafür, denn ich fühlte mich, obwohl ich Ausländer war, so gut wie nie diskriminiert, auch nicht später auf dem Gymnasium. Ich hatte seit dem Gymnasium immer wieder mit Leuten zu tun gehabt, die auf die vielen Ausländer schimpften. Es gab da zum Beispiel einen Jungen, der mit sechzehn oder siebzehn bei uns als Nazi verschrieen war. Heute arbeitet er in der Stadt, die ich nur noch zum Besuch meiner Eltern sehe, als braver Bankkaufmann. Obwohl mir seine politischen Ansichten mehr als suspekt waren, fand ich ihn ziemlich nett, muss ich gestehen, und ich hatte so eine scherzhaft-ironische Art des Umgangs mit ihm, die er in Ordnung fand. Ich zog ihn immer ein bisschen mit seinen rechten Sprüchen auf, auch weil ich sie nie ganz ernstnahm. Aber eine Antwort hat sich mir doch eingeprägt, zumal ich sie seitdem von anderen Leuten, bei anderen Gelegenheiten bis heute immer wieder zu hören bekam. Wenn ich ihn nämlich darauf ansprach, dass ich doch selbst ein Ausländer sei, ob ich denn auch nach Hause gehen solle, sagte er etwas wie: Quatsch, du bist doch nicht sooo ein Ausländer, dich meine ich doch gar nicht damit. Das habe ich sehr häufig gehört, und ich weiß, dass ich dann immer sehr gereizt geantwortet habe. Ich wollte nicht als guter Ausländer durchgehen.

Das ist exakt der gleiche Impuls, den ich heute habe, wenn ich einen Titel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel lese zum Islam oder im Fernsehen eine reißerische Dokumentation zum Islam sehe. Ich erinnere mich an eine Sendung kurz nach dem 11. September, ein Kulturjournal, da wurde ein bekannter deutscher Schriftsteller interviewt, bei sich zuhause in einem Lesesessel, und ich weiß noch, dass er auffallend breite Hosenträger trug. Ich glaube, er war es, der das zum ersten offen aussprach, jedenfalls soweit ich es verfolgt habe: Er sagte, er wolle um Gottes Willen nichts gegen unsere türkischen Mitbürger sagen, aber man müsse sehen, dass sie als Muslime nun einmal ein anderes Verhältnis zur Gewalt hätten, denn unser Tötungsverbot, das würden sie ja nicht kennen. Insofern stecke natürlich in jedem von ihnen ein möglicher Terrorist, das könne jederzeit ausbrechen. Im vergangenen Jahr hat das, was mit ein paar Interviewfetzen von führenden Intellektuellen begonnen hat, sich als ein Diskurs über den Islam etabliert. Das „Man wird doch einmal sagen dürfen“ wurde nach der Geiselnahme in Beslan oder dem Mord an Theo van Gogh zu einer der stets wiederkehrenden Redewendungen, wenn in Talkshows über den Islam gesprochen wird.

Gewiss, die Journalisten, Bischöfe und Schriftsteller, die mit Koranversen um sich schmeißen, als sei der Koran ein Steinbruch, sie würden sagen, dass sie doch gar nicht die Muslime an sich angreifen, sondern nur die bösen Fundamentalisten. Aber dann würde ich sagen: Nein. Ich bin nicht Onkel Tom. Ich würde sagen, dass ich zu denen gehöre, die „sie“ genannt werde; nicht zu den Deutschen, die „Wir“ sagen, wenn sie über den Islam sprechen. Ich würde mich in einem „Wir“ wiederfinden, das ich zuvor nicht reflektiert habe, nämlich einem „Wir Muslime“. Das ist grässlich. Ich will keinem öffentlichen „Wir“ angehören; einem Fußballverein vielleicht, aber doch keiner gesellschaftlichen Randgruppe. Aber der öffentliche Diskurs über den Islam zwingt mich in dieses „Wir“, indem er einzelne von uns bewusst ausnimmt, gewissermaßen adoptiert, nur um den Rest zu Fanatikern zu erklären, zu Barbaren und Frauenhassern. Da gehöre ich lieber zu den Barbaren als zu den Deutschen. Da beharre ich lieber darauf, dass ich zu einer Kultur gehöre, die anders ist, rückständig vielleicht, aber im Kern genauso schrecklich und phantastisch, menschenfreundlich und brutal wie alle anderen großen Kulturen.

Heute werde ich ständig gefragt, als was ich mich empfinde – als Deutscher oder Iraner, als Europäer oder als Muslim. Als ob ich mich entscheiden müsste! Als ob man nicht Deutscher und Iraner, Europäer und Muslim sein könnte. Welche unselige und unrealistische Vorstellung von kultureller Purität durch die Köpfe der meisten Deutschen geistert, habe ich zum ersten Mal gemerkt, als vor einigen Jahren die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft diskutiert wurde. Wenn ich sie hörte, hatte ich immer das Gefühl, dass sie überhaupt nicht wissen, wovon sie reden, diese Politiker und die Kommentatoren und auch die Bürger, die interviewt wurden, den Zeitungen Leserbriefe schickten oder in den Fußgängerzonen die Protesterklärung der CDU unterschrieben. Dass jemand mit zwei Pässen einen Identitätskonflikt haben müsse, das erschien mir immer abstrakt, wenn nicht absurd. Nicht immer lässt sich die Frage beantworten, ob man zu jenen oder zu diesen gehört. In einen inneren Konflikt geriete ich nicht, wenn ich zwischen zwei Identitäten mich bewegte (als ob es sich dabei um Stühle handelte, auf die man sich zu setzen hat), sondern wenn ich mich auf eine Identität festzulegen hätte. Die Wirklichkeit eines Lebens – eines jeden Lebens – ist so viel komplizierter, diffiziler, als dass man sie auf so einen abstrakten und ausgrenzenden Begriff wie den der Identität bringen sollte – und man sich auch noch für die eine zugunsten seiner anderen Identität entscheiden soll. Das ist ein moderner Anspruch, der erst möglich wurde, weil Europa in zwei Weltkriegen die eigentlich selbstverständliche Vermischung von Kulturen und Identitäten zu vernichten versucht hat, weil jüdisches Leben in Berlin und deutsches Leben in Czernowitz ausgelöscht wurde, weil die Türken aus Saloniki und die Griechen aus Smyrna vertrieben wurden, um nur vier von Hunderten Beispielen des Identitätswahns anzuführen. Ein Mensch ist kein Reißbrett, und es ist fatal, dass das neue Staatsangehörigkeitsrecht allen deutsch-ausländischen Kinder in Deutschland zunächst zwei Pässe zubilligt, sie aber zwingt, sich nachträglich, mit achtzehn Jahren nämlich, auf eine Nationalität festzulegen. Pässe sind keine Ikonen, sondern Papiere. Ich war selten so stolz auf Deutschland wie am Tag meiner Einbürgerung als Doppelbürger, die sich ohne jedes Zeremoniell, mit einfachem, herzlichem Handschlag in der Meldehalle des Einwohnermeldeamtes Köln-Mitte vollzog. Das war so unaufgeregt hässlich wie das Wort Verfassungspatriotismus und so verblüffend nüchtern, wie ich das sehe. Wenn es überhaupt ein politisches Gebilde gäbe, mit dem ich mich identifizierte, wäre es ein künftiges, nicht religiös definiertes Europa, gerade weil es seinem aufklärerischen Ursprung und seiner Vision nach keine geschlossene Volks-, sondern eine prinzipiell offene Wertegemeinschaft ist, zu der man sich unabhängig seiner Nation, Rasse, Herkunft, Religion oder Kultur bekennen kann oder eben nicht bekennt.

Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland: Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich sofort unter Landsleuten, wenn ich Persisch höre – nicht wenn ich Deutsch höre. Aber wenn ich in einem Buchladen meine Bücher bei der persischen Literatur eingeordnet sehe, gehe ich zum Buchhändler und sage ihm: Entschuldigung, das ist ein Irrtum. Meine Bücher gehören zur deutschen Literatur. Das ist für mich als Schriftsteller eine Frage der Existenz, nicht die geographische, staatliche oder religiöse Zuschreibung, sondern: die Frage, welche Literatur die meine ist. Und das ist die deutsche Literatur, keine andere. Ich lasse mich nicht ausweisen.

Es gibt in Deutschland Orte, an denen fühle ich so fremd wie jemand aus dem Urwald – deutsche Eckkneipen zum Beispiel. Oder typisch deutsches Essen – ein Eisbein, ein Sauerbraten, ein Leberkäs, das ist für mich Exotik pur. Manches davon schmeckt mir gut, aber es schmeckt mir gut als etwas Fremdes und Exotisches, so wie jemand bestimmte Speisen der balinesischen Küche mag. Und dann gibt es wie gesagt die deutsche Literatur, mit der ich großgeworden bin, die ich in mich aufgesogen habe, die meine Literatur ist. Das ist Heimat – oder der 1. FC Köln, das ist Heimat für mich, seit ich vier Jahre alt bin. Heimat ist für mich das Müngersdorfer Stadion - übrigens nicht der deutsche Fußball insgesamt; ich habe bei den Fußballweltmeisterschaften nie mit den Deutschen gelitten, allenfalls mit den Kölner Spielern in der Nationalelf, zum Beispiel Wolfgang Overath bei der WM 74 oder Dieter Müller und Heinz Flohe bei der Europameisterschaft 1976, zuletzt Thomas Häßler und, ich gestehe es, Bodo Illgner, als sie noch für Köln spielten. Und seit neuestem natürlich Lukas Podolski. Aber die zwei Male, als Iran sich für die WM qualifiziert hatte, kannte ich den Namen jedes einzelnen Spielers. Die Frage stellte sich gar nicht, zu wem ich hielt. Ich hätte diesen deutschen Politikern gern erzählt, was ein echter Identitätskonflikt für mich wäre: nicht zwei Ausweispapiere zu haben, sondern wenn der 1. FC Köln gegen die iranische Nationalmannschaft spielte. Das immerhin dürfte mir erspart bleiben. Irans Fußballer sind bei der letzten Qualifikation für die Weltmeisterschaft schmählich gescheitert, und Köln spielt nicht einmal in der ersten deutschen Liga, womit ich bei einer weiteren, einer entscheidenden Identität bin: meinem Schiitentum. Niemand leidet so hingebungsvoll wie wir.







Navid Kermani, geboren 1967, ist habilitierter Orientalist und war bis 2003 Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Köln.
Für sein akademisches und literarisches Werk ist er mehrfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Stipendium der Villa Massimo. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Deutschen Islamkonferenz. 2008 berief ihn das Haus der Kulturen der Welt in Berlin zum Permanent Fellow.
Seine Sachbücher erscheinen bei C.H. Beck in München, das literarische Werk bei Ammann in Zürich.
Navid Kermani besitzt einen deutschen und einen iranischen Paß. Das Jahr 2008 verbringt er in Rom.