Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit -
eine Tagung in Hattingen

von Donja Amirpur

„Wer steht heute noch auf und sagt: Guten Tag, ich bin Hans Schmitz und Rassist? Niemand.“ Niemand, denn schließlich ist Rassismus nicht mehr gesellschaftsfähig. Allerdings, so Prof. Paul Mecheril, Bildungswissenschaftler an der Uni Innsbruck, habe sich das Konzept der Rasse Verstecke gesucht. „Es wird nicht mehr behauptet, die einen seien besser als die anderen, man behauptet, dass sie einfach nicht mehr zusammen passen würden“, erklärte er auf einer Tagung am 28./29. November in Hattingen, zu der das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. (IDA) und IDA-NRW JugendsozialarbeiterInnen, LehrerInnen, WissenschaftlerInnen und BildungspolitikerInnen eingeladen hatte. Die Tagung widmete sich den grundsätzlichen Fragen, was genau unter Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu verstehen ist und wie PädagogInnen dagegen vorgehen können.
Laut Mecheril wirken Rassekonstruktionen als Platzanweiser. Beispielsweise sind schlecht bezahlte Tätigkeiten für Migranten reserviert, nach dem Motto „die können sowieso nichts besseres“. Rassenkonzeptionen festigen so Machtverhältnisse und legen die Positionen sozialer Gruppen in einer Gesellschaft fest.

Das Leitmotiv für Antisemitismus ist dagegen ein anderes: Das Stereotyp hier: “Die Juden sind an allem schuld“. Es dient dazu, eine Täter-Opfer-Umkehrung vorzunehmen. Zurzeit haben Verschwörungstheorien Konjunktur, das Ordnungssystem der Welt hätten demnach die Juden zu verantworten. Was kann gegen diesen Antisemitismus unter Jugendlichen getan werden, fragten die Teilnehmer Doron Kiesel, Professor an der Fachhochschule Erfurt im Fachbereich Sozialwesen. „Die historisch politische Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus beschäftigt sich nur wenig mit dem aktuellen Antisemitismus“, so Kiesel. „Wir brauchen Bildungskonzepte, die nicht nur historisch ausgerichtetes Wissen vermitteln, sondern auch Orientierungshilfen und Handlungswissen liefern. Die sozialen Kompetenzen der Jugendlichen müssen gefördert werden, damit sie ihr Leben selbstbewusst und aktiv gestalten können“. Nur so könne verhindert werden, dass junge Menschen sich Ungleichheitsideologien zuwenden und sich diskriminierend verhalten.

Von einem ausgeprägten antimuslimischen Rassismus spricht die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Iman Attia. Dieser noch nicht so etablierte Begriff kritisiert einerseits das exotische Bild vom Islam, das in Geschichten wie 1001 Nacht und Karl Mays Hadschi Halef Omar auftaucht. Denn es nimmt die Religion nicht ernst, sondern betrachtet sie als Volksglauben zurückgebliebener Einheimischer. Zum anderen beschreibt der Begriff antimuslimischer Rassismus, wie das Feindbild Islam erschaffen wurde, und das schon vor dem 11. September 2001. Der Islam, so die Pädagogin, habe nach und nach in den letzten 20 Jahren in seiner Unbeliebtheit den Kommunismus abgelöst. Heute verbinden die meisten das Wort Islam mit Terror, Menschenrechtsverletzungen und Selbstmordattentätern. Jeder schnappt sich plötzlich den Koran und will wissen, was er zum Thema XY sagt: zu Frauenrechten, zur Gentechnologie, über die Atombombe. Surenpingpong ist beliebt geworden in Deutschland. Dazu Attia: „Wir müssen aufhören, uns die Suren um die Ohren zu hauen und uns gegenseitig zu erzählen, im Koran steht aber dies und jenes geschrieben“. Nicht die Frage sei interessant, was der Koran zur Stellung der Frau sagt, sondern wie beispielsweise Sexismus in seinen verschiedenen Facetten in Deutschland bekämpft werden könne.
Der mitleidige Blick, das permanente Kulturerklären, von oben herab und belehrend, muss aufhören. Ein Dialog auf Augenhöhe wurde an dem Wochenende in Hattingen oft gefordert. „Wichtig ist dabei, auf die vielfältigen Lebensweisen der Muslime in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen“, sagt Attia. Dazu, wie auch zu den anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus oder Antisemitismus, kann die Pädagogik besonders Aufklärungsarbeit leisten. „Wir müssen die vorherrschenden Bilder dekonstruieren und das permanent“, so Attia. Alleine bewältigen ohne die Hilfe der Politik kann das die Pädagogik nicht.
Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang, dass die Bundespolitik pädagogische Programme, wie die Naziaussteigerprogramme im Osten des Landes, einstellt, trotz ihres großen Erfolgs.
Die neue Rechtsextremismus-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, dass junge Menschen weniger rechtsextrem sind als alte. Die meiste Zustimmung ernteten rechtsextreme Positionen bei den Alten. So zeigten sich 26,3 Prozent der Interviewten über 60 Jahre offen antisemitisch, bei den 14- bis 30-Jährigen waren dies gut 10 Prozentpunkte weniger. Diesen Erfolg können die Pädagogen für sich verbuchen.