Rassismus pur? – Ein Gespräch über Rassismus und antirassistische Arbeit

von Prof. Georg Auernheimer

(2001, überarbeitet 2006)

A. (Fragesteller): Ich möchte mal provokant fragen: Ist es eigentlich so sinnvoll, von “Rassismus” zu sprechen? Ist es nicht aus mehreren Gründen besser, je nach Verhalten und Situation von “Diskriminierung” oder von “Vorurteilen” zu sprechen? Das Wort Rassismus ist so dramatisierend. Und es werden äußerst unterschiedliche Äußerungsformen unter einen gemeinsamen Begriff subsumiert: einerseits zum Beispiel ein abwertender, oft völlig unreflektierter Sprachgebrauch (wie “Neger”), andererseits Gewaltakte wie Anschläge auf Asylbewerberheime. Das erscheint mir problematisch. Außerdem denkt mancher bei dem Wort an die Rassenlehre der Nazis.
B. (Rassismustheoretiker): Es mag empfehlenswert sein, in manchen Praxisfeldern Praktiken der “Diskriminierung” zu bekämpfen und nicht gleich von Rassismus zu reden, was sehr alarmierend wirkt. Man spricht ja auch mit gutem Recht von “Antidiskriminierungspolitik” anstatt von “Antirassismuspolitik”. Was den Begriff des Vorurteils betrifft, so würde ich sagen: “Vorurteile” sind ein Element von Rassismus, die psychologische Seite daran, aber dieser erschöpft sich darin nicht. Rassismus umfasst sowohl Vorurteile als auch Diskriminierungspraktiken. Dass heutige Erscheinungsweisen von Rassismus nicht mit der staatlich propagierten todbringenden Rassenlehre der Nazis gleichzusetzen sind, ist klar. Aber gerade um historisch – und sozial – verschiedene Formen von Rassismus unterscheiden zu können, braucht man meines Erachtens einen übergreifenden Terminus.

A.: Ja, gibt’s denn auch eine Gemeinsamkeit?
B.: Theoretiker wie Robert Miles oder Stuart Hall sprechen von einer “Rassenkonstruktion”, mit der sich, so ihre Annahme, eine bestimmte gesellschaftliche Funktion verbindet. Das ist wohl das Gemeinsame aller Rassismen.
A.: Was heißt “Rassenkonstruktion”?
B.: Miles schreibt: “Gewissen biologischen Merkmalen wird eine Bedeutung zugeschrieben, wodurch sie zum Erkennungszeichen bestimmter Gruppen werden.” Das ist das erste wichtige Element. Unleugbar gibt es zum Beispiel Unterschiede der Hautfarbe. Entscheidend ist aber, dass ihnen eine soziale Bedeutung zugeschrieben wird. Die zur Kennzeichnung benutzten Merkmale werden übrigens oft verallgemeinert, obwohl sie gar nicht bei allen Gruppenmitgliedern zu beobachten sind. Es muss sich auch nicht um biologische Merkmale handeln. Heutzutage wird vielleicht sogar häufiger die kulturelle Herkunft herangezogen. Kultur erscheint in dieser Sicht ebenfalls wie eine Natureigenschaft, so dass einer Gruppe von Menschen ganz bestimmte, unveränderliche Charaktermerkmale oder Mentalitäten zugeschrieben werden können, die ihren quasi “natürlichen” sozialen Status bestimmen. Diese “Naturalisierung” gesellschaftlicher Verhältnisse ist das gemeinsame von biologischem Rassismus und “Kultur-Rassismus”. – Manche sprechen auch vom “Kulturalismus”.

A.: Demnach könnte man auch von Rassismus sprechen, wenn manche Ausländer, wie ich’s schon gehört habe, uns Deutschen generell negative Eigenschaften wie Gefühlsarmut zusprechen, oder nicht?
B.: Nein, da würde ich von einem Vorurteil sprechen. Also, ich möchte gern annehmen, dass es ein Vorurteil ist. Damit konfrontiert zu werden, mag für uns verletzend und provozierend sein. Aber Rassismus setzt Machtungleichheit voraus und impliziert ein strukturelles Gewaltverhältnis. Die rassistischen Zuschreibungen erfolgen aus der Position der Stärke heraus und werden dadurch auch sozial wirksam, was die Betroffenen leidvoll erfahren. Wie man hört, sollen Kölner Vorurteile über die Düsseldorfer haben und umgekehrt. Trotzdem wird niemandem einfallen, hier von Rassismus zu sprechen.

A.: Wo fängt eigentlich Rassismus an? Ich selber muss gestehen, dass es mir schon passiert ist, dass ich mich in der Bahn nicht zu einem Schwarzen gesetzt habe, der als einziger Fahrgast in einem Abteil gesessen hat. Ich fühlte mich einfach unsicher.
B.: Albert Memmi, ein französischer Intellektueller jüdischer Abstammung aus Tunesien, der also mit kulturellen Differenzen groß geworden ist, schreibt in seinem Buch über Rassismus: “Der Unterschied beunruhigt.” Dieser Satz findet sich in Abwandlungen mehrmals im Text. Sogar die Faszination des Fremden, die ja auch nicht selten ist, ist nach Memmi mit Beunruhigung verbunden. Die Beunruhigung durch das Fremde ist aber nicht rassistisch, sagt er, wenngleich sie eine Versuchung darstellt. Denn der Rassismus macht sich die Beunruhigung zunutze.

A.: Wie soll man dann mit der Beunruhigung umgehen?

B.: Das schlechteste wäre wohl, sie zu verdrängen. Das ist die große Gefahr, gerade auch bei Pädagogen und Pädagoginnen, die sich ihr Befremden oft nicht eingestehen wollen. Die meisten von uns leben ja mit dem inneren Imperativ: Du sollst keine Vorurteile haben. Das kann zu einer Falle werden, weil es die Verdrängung und Verleugnung begünstigt. Umso härter urteilt man dann über die anderen, die Vorurteile haben. Übrigens sollte man mit dem Etikett “Rassist” vorsichtig umgehen. In den meisten Fällen ist es unangebracht.

A.: Nochmal zurück zu Memmi! – Was heißt, der Rassismus macht sich die Beunruhigung zunutze? Der Rassismus ist doch kein Subjekt.
B.: Memmi betrachtet den Rassismus wie andere Theoretiker als ein gesellschaftliches Verhältnis. Er hat bei seinen Ausführungen speziell das Kolonialverhältnis im Auge. Niemand kann sich dem entziehen, auch der kleine Kolonialbeamte nicht. Der Rassismus ist für Memmi “gelebte Erfahrung”. Entscheidend ist die interessengeleitete Markierung, wenn nicht Konstrukion von Unterschieden zum Zweck der kolonialen Ausbeutung. Die gesellschaftliche Kategorisierung bestimmt jedermanns Wahrnehmung. Memmis Kurzdefinition von Rassismus lautet: “Der Rassismus besteht in einer Hervorhebung von Unterschieden, in einer Wertung dieser Unterschiede und im schließlichen Gebrauch dieser Wertung im Interesse und zugunsten des Anklägers.”

A.: Aber das Kolonialsystem ist doch Vergangenheit. Sind denn diese Überlegungen noch aktuell.
B.: Da muss ich eben auf die anfangs angedeutete Funktionalität von Rassismus eingehen. Jeder Rassismus hat gesellschaftliche und psychische Funktionen, sonst wäre seine Hartnäckigkeit nicht zu erklären. Die entscheidende gesellschaftliche Funktion besteht in der “Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse”, so sagt zum Beispiel Stuart Hall. Das heißt, Ungleichheit erscheint natürlich, weil biologisch oder eben kulturell bedingt. So wurde mit den angeblichen rassischen Eigenschaften die koloniale Ausbeutung gerechtfertigt. Die geistige Unterlegenheit der Schwarzen lieferte auch die Legitimation für ihre Versklavung. Heute sind diese Rechtfertigungen überflüssig geworden. Dafür wird im postkolonialen System die wirtschaftliche Stagnation vieler Länder mit der Unfähigkeit der dortigen Eliten erklärt. Unser Mitverschulden kann damit ausgeblendet werden. Wenn unser Wohlstand ausschließlich in unserer Tüchtigkeit begründet ist, dann kann man auch wenig gegen die Abschottung Europas gegenüber Flüchtlingen einwenden; denn deren Elend erscheint selbstverschuldet. Ausgrenzung wird im Zeitalter der Migration im übrigen oft durch den Verweis auf kulturelle Prägungen, auf nicht assimilationsfähige Mentalitäten, propagiert. Das betrifft vor allem Muslime. Und das erklärt auch, warum heute der Kultur-Rassismus besonders aktuell ist.

A.: Dient dieser Kulturalismus nicht auch der Legitimation von Interventionen zur Sicherung von Interessensphären? – Schlagwort “Kampf der Kulturen”!
B.: Ja sicher. Gerade nach dem Anschlag vom 11.September wurde das von dem Harvard-Professor Huntington bereit gestellte Schema zur Erklärung globaler Konflikte aus dem Arsenal geholt. Allerdings ist die westliche Politik gegenüber den islamischen Ländern zur Zeit mehrdeutig und widersprüchlich. Anscheinend ist man sich der Risiken einer solchen Vereinfachung bewusst. Worauf ich aber vorhin vor allem hinaus wollte, das ist die historische Spezifik von Rassismus, die eben dadurch bedingt ist, dass er jeweils eine spezifische Funktion hatte und hat.

A.: Ja, auf der anderen Seite gibt es doch auch – nicht nur formale, sondern auch inhaltliche – Kontinuitäten.
B.: Das ist richtig. Das können uns vor allem die Diskurstheoretiker/innen erklären. Unter einem “Diskurs” wird eine gesellschaftlich etablierte Art des Redens über einen Realitätsbereich verstanden. Er enthält bestimmte Bilder und liefert Kategorien, die unsere Sichtweise bestimmen. Er determiniert auch, was Thema sein kann. In Diskursanalysen hat man nun festgestellt, dass Diskurse jeweils auch Elemente aus älteren Diskursen aufnehmen, wenn sie diesen auch eine neue Bedeutung geben. So arbeitet der palästinensisch-amerikanische Wissenschaftler Edward Said in seinem Buch über den “Orientalismus” heraus, dass unsere heutige Sicht von Orient und Islam an ältere Stereotypen anknüpft. Ebenso hat man gezeigt, dass der moderne Antisemitismus seine Wurzeln im christlichen Antijudaismus hat, so gewiss sich beide unterscheiden.

A.: Gilt das nicht in ähnlicher Weise für die Neonazis? Die knüpfen ja auch an die nationalsozialistische Ideologie an.
B.: Das ist richtig. Wobei die diskurstheoretische Sicht uns auch klarmacht, dass die Neonazis die Ideologie des NS-Regimes nicht einfach kopieren, schlicht nicht kopieren können. Das wäre für sie disfunktional, weil Antworten auf andere Problemlagen gefunden werden müssen. Ein Diskurs muss sich auch immer in den gesellschaftlich dominanten Diskurs einfügen. In den 20-er und 30-er Jahren des 20.Jahrhunderts war es meines Erachtens gelungen, die Frage des Sozialismus als gesellschaftlicher Alternative fast zur alles beherrschenden Frage zu machen. Die damaligen faschistischen Bewegungen kann man als den - leider - gelungenen Versuch werten, diesem Diskurs eine andere Wendung zu geben. Das kommt ja auch im Namen “Nationalsozialismus” zum Ausdruck. Die Neue Rechte wäre schlecht beraten, wenn sie diese Ideologie direkt übernehmen würde. Aber sie findet natürlich Anschlussmöglichkeiten, gerade auch was rassistische Vorstellungen betrifft. Im übrigen müssen wir an der Stelle endlich auch auf die psychische Funktionalität von Rassismus zu sprechen kommen.

A.: Ah, Du meinst, dass sich die Zustimmung zu rassistischen Vorstellungen für den einzelnen oder die einzelne auch lohnen muss.
B.: So kann man das formulieren, wobei natürlich klar ist, dass die einzelnen sich dessen nicht bewusst sind, warum diese Vorstellungen für sie einen Sinn machen und einen psychischen Gewinn bringen. Der kann zum ersten in der Selbstaufwertung bestehen. Zum Beispiel kann man das Überlegenheitsgefühl aus der Überzeugung schöpfen, dass wir unseren Wohlstand allein unserer Tüchtigkeit verdanken. Das wurde in einer Tübinger Untersuchung als ein aktuelles Element des fremdenfeindlichen Weltbilds von jungen Auszubildenden identifiziert. Nützlich ist der Rassismus zum zweiten, weil er eine Welterklärung liefert und den eigenen privilegierten Status legitimiert. Demnach verdienen eben “Ausländer” keinen besseren Status, weil sie den heutigen Anforderungen nicht gewachsen sind. Und “Neger” sind eben von Natur aus zur Rückständigkeit verurteilt. Drittens suggeriert die Ideologie politische Handlungsfähigkeit. Wenn ich nämlich solche Vorstellungen teile, dann weiß ich, wofür ich mich einsetzen muss – zum Beispiel dafür, dass die Grenzen dicht gemacht werden, um rassisch Minderwertige fernzuhalten.

A.: Wenn man von der psychischen Funktionalität ausgeht, dann müsste ja Rassismus nicht nur im Lauf der Geschichte sein Gesicht verändern, sondern auch schichtspezifisch sein. Denn für Arbeiter und Angestellte sind vielleicht andere Elemente von Rassismus subjektiv sinnvoll als für Akademiker und Akademikerinnen.
B.: Das hast Du scharfsinnig geschlussfolgert. Der englische Rassismustheoretiker Phil Cohen meint deshalb auch, man könne nur von “Rassismen” im Plural sprechen. Er geht sogar so weit – und illustriert das auch an Beispielen -, dass rassistische Vorstellungskomplexe sich nach Gruppen unterscheiden. Er zeigt das an einer Resolution der Polizei und an Äußerungen von Arbeiterjugendlichen auf. Beide schlagen sich mit ganz unterschiedlichen Problemen herum, die sich aus ihren unterschiedlichen Interessenlagen ergeben. So kann es beispielsweise bei Jugendlichen darum gehen, welche subkulturelle Gruppe im Quartier das Sagen hat. Das allein ist vermutlich manchmal das Motiv dafür, dass sie deren gesellschaftliche Diskriminierung richtig finden. Auch die Konkurrenz um die Mädchen ist bei den männlichen Jugendlichen oft der Anlass für feindliche Einstellungen gegenüber “den Ausländern”. Für die Mädchen wiederum ist oft die sexuelle Anmache das zentrale Thema in ihrem rassistischen Diskurs.
A.: Man kann also sagen, dass Rassismus alters- und geschlechtsspezifisch ist.
B.: Und eben auch klassen- oder schichtspezifisch. Es kommt nämlich auch dazu, dass rassistische Äußerungsformen zum jeweiligen “Habitus” passen müssen, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu das nennen würde. Der Rassismus von unsereins kommt anders daher als der von Arbeitern. Der Niederländer Teun van Dijk hat speziell den Mittelschicht-Rassismus oder Rassismus der Elite untersucht. Leute aus der Mittelschicht leiten ihre Urteile besonders gern mit der Versicherung ein, dass sie ja nichts gegen Ausländer etc. hätten. Darauf folgt dann das große einschränkende “Aber”. Jeder kennt wohl dieses Muster. Inhaltlich kreisen die Ängste der Mittelschicht häufig um den angeblichen zivilisatorischen Rückstand von Türken etwa. Man kann diese Art von Rassismus als “sublimen Rassismus” charakterisieren. – Im Englischen unterscheidet man zwischen “subtle” und “blatant racism”. Letzterer, die augenfällige und grobe Form des Rassismus, ist den unteren Schichten und meist den Jugendlichen vorbehalten. Das erweckt den Anschein, als sei Rassismus nur dort zu finden. Vielleicht noch ein Beispiel für subtilen Rassismus, in diesem Fall Antisemitismus: Bei einem Hotelaufenthalt bekam ich Fetzen eines Gesprächs älterer Herrschaften vom Nebentisch mit. Einer leitete seine durchaus wohlwollenden Äußerungen über einen Geschäftspartner mit der Bemerkung ein: “Er ist ja eigentlich Jude...”

A.: Sollte man denn den Antisemitismus überhaupt unter Rassismus subsumieren?
B.: Das ist etwas umstritten. Aber die meisten Theoretiker sehen darin eine Form des Rassismus, wie man ja überhaupt nach Zielgruppen oder besser Opfergruppen unterscheiden muss. Eine Variante ist auch der sogenannte “Antiziganismus”, also die Diskriminierung von Sinti und Roma. Auch in dieser Hinsicht müssen wir also eine Vielfalt von Rassismen registrieren. Die historischen Diskurse und die Vorurteile unterscheiden sich, psychoanalytisch betrachtet, auch durch die unbewussten Projektionen. Schwarze beispielsweise müssen oft als Projektionsfläche für verdrängte sexuelle Wünsche herhalten, Zigeuner für romantische Sehnsüchte, wobei die Bilder jeweils ihre negative Kehrseite haben, im ersten Fall bedrohliche Triebhaftigkeit, im zweiten Unzivilisiertheit, Schmutz. Auf Juden, meint unter anderem Phil Cohen, wird gern die Undurchschaubarkeit kapitalistischer Marktgesetze projiziert. Dahinter steht die alte Vorstellung von einer im Verborgenen wirkenden jüdischen Verschwörung. Im Mittelalter wurden die Juden zum Beispiel für unheimliche, weil unerklärbare Epidemien verantwortlich gemacht.

A.: Wenn man sich die sublimen Äußerungsformen von Rassismus anschaut, von denen wir vorhin geredet haben, dann liegt es nahe anzunehmen, dass wir alle nicht ganz frei sind von Rassismen, oder?
B.: Genau so sehe ich das. Ein Büchlein über das Thema von Annita Kalpaka und Nora Räthzel trägt deshalb den treffenden Titel “Von der Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein”. Die Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass der „soziale Raum“, in dem wir uns nach Bourdieu bewegen, von sozialen Kategorien bestimmt ist, die Machtbeziehungen widerspiegeln. Wir haben diese Kategorien so verinnerlicht oder „inkorporiert“, wie Bourdieu es nennt, dass wir oft entgegen unserer besten Absicht „Ausländern“ oder „Migranten“, „Zigeunern“ oder „Roma“ – die Benennungen ändern daran vermutlich weniger als angenommen – einen sozialen Ort zuweisen, oder dass wir Verhaltensweisen aus deren Gruppenzugehörigkeit erklären. Anja Weiß hat vor dieser Folie die Kommunikation in einem Antirassismus-Training analysiert.

A.: Dann fragt man sich ja, welchen Sinn solche Trainings und überhaupt pädagogische Bemühungen zur Überwindung von Vorurteilen haben.
B.: Ich halte tatsächlich wenig davon, sich die „Überwindung“ von Vorurteilen zum Ziel zu setzen. Besser und realistischer ist es, deren Reflexion anzustreben. Um das zu üben, sollte man alltägliche Gelegenheiten nutzen. Wenn uns soziale Kategorisierungen bewusst werden, verlieren sie doch etwas von ihrer Wirkung.

A.: Kann man nicht umgekehrt auch vermuten, dass es den reinen Rassisten selten gibt?
B.: “Rassismus pur” - und zwar meine ich, als subjektive Vorstellungswelt - ist vermutlich nur unter den Hardlinern rechtsextremer Gruppierungen zu finden. Einige empirische Untersuchungen haben das aufschlussreiche Ergebnis erbracht, dass die Bewusstseinslage der meisten Jugendlichen ziemlich widersprüchlich ist. Da kann beispielsweise das Eintreten für allgemeine Gerechtigkeit neben krassen Vorurteilen stehen. Die Freundschaft mit Türken kann sich mit Ausländerfeindlichkeit vertragen.

A.: Das ist ja eine äußerst relevante Erkenntnis für den pädagogischen Umgang mit dem Problem. Und außerdem machen solche Feststellungen zuversichtlich, was die Chancen antirassistischer Erziehung betrifft.
B.: Das würde ich sehr unterstreichen wollen. Allerdings muss ich den Optimismus etwas dämpfen; denn so, wie die Verhältnisse sind, bestätigen sie permanent die Vorstellungen in den Köpfen. Die Marginalisierung oder Benachteiligung von Migranten beispielsweise schafft ein bestimmtes Bild von ihnen. Ihre Position am Rande der Gesellschaft erscheint quasi als ihr natürlicher Ort. Das heißt, wir müssen auch vom “strukturellen Rassismus” sprechen, wie das in der Wissenschaftssprache genannt wird.

A.: Tragen nicht auch die Medien zu problematischen Vorstellungen und Erklärungsmustern bei?
B.: Die Schwierigkeiten antirassistischer Erziehung hängen natürlich auch mit dem relativ starken Einfluss der Medien- und Politikerdiskurse zusammen. Wenn Medien und Politiker zum Beispiel immer wieder die “Ausländerkriminalität” zum Thema machen, wobei sie verschweigen, was wissenschaftliche Analysen dazu sagen, oder neuerdings Terrorismus mit Fremdheit verknüpfen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung.

A.: Klare Manipulation also!?
B.: Ich würde das nicht gern manipulationstheoretisch sehen, was heißt, eine automatische Wirkung öffentlicher Diskurse auf die Vorstellungen der einzelnen zu unterstellen. Was zum Beispiel Politiker äußern, findet nur dort offene Ohren, wo es für die Leute etwas an der eigenen Situation erklärt und damit auch auf Abhilfe hoffen lässt. Wir stoßen also wieder auf die psychische Funktionalität. In einer Situation beispielsweise, wo den Leuten nicht nur ihre Lebensplanung, sondern auch das Alltagsleben immer risikohafter erscheint – und vermutlich ist es aufgrund sozialstruktureller Umbrüche wirklich unsicherer geworden –, da erscheint der Verweis auf die Ausländerkriminalität sehr plausibel. Das an sich viel komplexere Problem lässt sich damit nach Meinung vieler Leute durch eine restriktive Ausländerpolitik lösen. Sie denken, dann wär‘ wieder alles wie zu alten Zeiten.

A.: Nach diesen Ausblicken auf den gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang bin ich als Pädagoge ja wieder eher resignativ gestimmt, nachdem wir vorher schon so zuversichtlich waren.
B.: Eines ist klar, wenn man in der pädagogischen Arbeit den gesellschaftlichen Zusammenhang verkennt, dann sind die Bemühungen, so nett sie gemeint sein mögen, wenig erfolgversprechend. Das heißt nicht nur und nicht einmal in erster Linie, politische Aufklärung zu leisten. Wichtig ist aber, dass man die Erfahrungen in Rechnung stellt, die die Lernenden unter den gegebenen Verhältnissen machen, wobei die je spezifischen Lebenslagen zu beachten sind. Greift man diese Erfahrungen nicht wenigstens implizit auf, dann geht alles, was man sagt, über die Köpfe hinweg. Entscheidend ist vor allem, dass man innerhalb der jeweiligen Institution, also der Schule, Jugendeinrichtung etc., Gegenerfahrungen ermöglicht: statt Konkurrenz Solidarität und Kooperation, statt des Gefühls des Ausgeliefertsein, der Ohnmacht Transparenz und Partizipation. “Belehrungen kommen gegen Erfahrungen nicht an”, so war ein Aufsatz von dem Rechtsextremismusforscher Wilhelm Heitmeyer in der Lehrerzeitung “Erziehung und Wissenschaft” 1989 überschrieben. Diese Formulierung bringt auf den Punkt, worauf es ankommt, wenn man sie nicht so missversteht, dass “Belehrungen” überflüssig seien.

A.: Ich würde es so verstehen, dass die Erfahrungen, die zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler in und mit der Schule machen, mit dem übereinstimmen müssen, was wir Pädagogen ihnen beizubringen versuchen. Bei hohem Leistungsdruck und schlechten Lehrer-Schüler-Beziehungen laufen pädagogische Aufklärungsbemühungen ins Leere. Nicht dass ich mich überhaupt gegen Leistungsanforderungen aussprechen möchte, sondern ich meine, wenn Schüler einem starken Konkurrenzdruck und demütigenden Erfahrungen ausgesetzt werden.
B.: Ja, und zwar deshalb, weil mit solchen Erfahrungen ja die Ideologie der Ungleichheit bestärkt wird. Man könnte sagen, sie erhält den Rohstoff, aus dem sie sich aufbaut. Den Rechtsextremismus kann man mit Heitmeyer als “Ideologie der Ungleichheit” charakterisieren. Und Rassismus ist ein zentrales Element von rechtsextremen Orientierungsangeboten.

A.: Das Sozialklima an einer Schule ist also von großer Bedeutung. Aber man darf wohl auch nicht die Gefahr übersehen, die darin bestehen könnte, dass man zu sehr auf die positive Wirkung einer Kuschel-Atmosphäre vertraut. Ich habe gehört, dass in der außerschulischen Jugendarbeit mancherorts recht fragwürdige Geschichten unter dem Namen “akzeptierende Jugendarbeit” gelaufen sind. Die Sozialarbeiter haben sich zum Teil gar nicht mehr getraut, sich mit rechtsextremen Jugendlichen in ihrer Einrichtung auseinanderzusetzen.
B.: Meines Wissens ist der Ansatz der “akzeptierenden Jugendarbeit” häufig missverstanden worden. Er enthält die richtige Einsicht, dass ich zuerst einmal auf die Erfahrungen der Jugendlichen, vor allem von sozial benachteiligten, eingehen muss, bevor ich mit ihnen beispielsweise über die Benachteiligung von Ausländern und generell über politische Fragen sprechen kann. Die Autoren des Ansatzes sagen: Nicht die Probleme, die die Jugendlichen machen, herausstellen, sondern die Probleme, die sie haben! – Wie alle knappen Formeln sicher recht missverständlich. Die Pädagogen müssen auf jeden Fall – auch nach Ansicht derer, die den Ansatz vertreten – das Gespräch über rassistische Einstellungen und Verhaltensweisen suchen, ja müssen solche Gespräche anzetteln. Auf keinen Fall dürfen sie der Auseinandersetzung ausweichen. Überhaupt darf ja ein gutes Sozialklima nicht mit Konfliktvermeidung verwechselt werden. Das gilt besonders auch für die Schulen.

A.: Ich sehe in der Forderung nach Akzeptanz noch einen anderen Aspekt. Die Jugendlichen zu akzeptieren, fällt manchen von uns, denke ich, auch deshalb schwer, weil wir uns unsere eigenen Vorurteile nicht eingestehen wollen. Wir haben ja vorhin festgestellt, dass wir alle nicht frei von rassistischen Tendenzen sind. Das wollen aber gerade Pädagoginnen und Pädagogen oft nicht wahrhaben. Die Folge ist eine Belehrung von oben herab. Antirassistische Erziehung wird zu einem missionarischen Unternehmen, gegen das sich die Lernenden dann zur Wehr setzen.
B.: Genau das hat Phil Cohen als einen grundlegenden Fehler pädagogischer Arbeit hervorgehoben. Er meint, das pädagogische Verhältnis folgt damit einem ähnlichen Muster wie die Beziehung zu den angeblich “Unzivilisierten”, was seine Wirkungslosigkeit erklärt. Man kann auch sagen, wer selbst nicht akzeptiert wird, tut sich schwer, andere zu akzeptieren.

A.: Demnach wäre Selbstreflexion, also die Reflexion unserer eigenen Einstellungen und Verhaltensmuster, eine entscheidende Voraussetzung für die pädagogische, speziell die antirassistische Arbeit.
B.: Genauso ist es. Das ist ja auch in der Regel das Ziel von antirassistischen Trainings, nämlich die Selbstreflexion zu fördern. Noch mehr würde ich Pädagogen aber empfehlen, situations- und fallspezifisch jeweils gemeinsam ihre pädagogischen Verhaltensweisen aufzuarbeiten. Dafür gibt es inzwischen erprobte Verfahren kollegialer Supervision.

A.: Könntest Du abschließend nochmals sagen, was für Dich pädagogisch entscheidend ist?
B.: Zum einen, wie eben schon gesagt, ein selbstreflexiver pädagogischer Umgang und zum anderen institutionelle Strukturen, die den Prinzipien der Gleichheit und der Anerkennung von Andersheit entsprechen. Das sind die beiden Grundprinzipien antirassistischer und überhaupt interkultureller Pädagogik. Ich möchte noch an Beispielen aus der Schule beleuchten, wie diese Prinzipien manchmal verletzt werden, ohne dass die Beteiligten sich meist darüber im klaren sind. Eine Lehrerin erzählte vor kurzem, dass der türkische Muttersprachlehrer an dem Wochentag, an dem er an ihrer Schule unterrichtet, regelmäßig die Pausenaufsicht machen muss. Niemand aus dem Kollegium bemüht sich um einen Kontakt mit ihm. Mit dieser Praxis wird allen Schülern ihr Gesellschaftsbild bestätigt, in dem die “Ausländer” nur eine marginale Position einnehmen. Man kann von einem “heimlichen Lehrplan” sprechen, der vermutlich wirksamer ist als der offizielle. Das gleiche gilt für die statistisch belegte Tatsache, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Migrantenkinder auf Sonderschulen überwiesen wird, was sicher auch die Wahrnehmung der Heranwachsenden prägt. Überhaupt ist die Selektionslogik, die vor allem unser deutsches Schulsystem beherrscht – denken wir an die Aufteilung der Schüler/innen nach dem vierten Schuljahr – in dieser Hinsicht fatal.

A.: Ich denke, dass die Schulen heute auch stärker mit Jugendhilfeeinrichtungen und Jugendverbänden zusammenarbeiten sollten. Dann können sie den Schülern auch andere soziale Erfahrungen ermöglichen. Der Unterrichtsalltag ist in dieser Hinsicht ja doch eher erfahrungsarm.
B.: Dem Votum für Kooperation und Vernetzung kann ich mich nur anschließen. Zum Beispiel hat man gute Erfahrungen mit so genannten “Schülerclubs” gemacht, die auf solchen Kooperationen basieren. Dass es aber im Unterricht keine Möglichkeit gäbe, Kooperationserfahrungen machen zu lassen, würde ich nicht meinen. Es kommt nur auf die richtige Organisation an.

A.: Wir haben zuletzt viel über die einzelne Schule geredet. Aber ich komme nochmals auf das Stichwort „Selektionslogik“ zurück. Sind nicht die Möglichkeiten der einzelnen Schule begrenzt? Wenn ich mir die hohe Schulmisserfolgsquote unter Migrantenjugendlichen ansehe, dann fängt das Problem ja auf der bildungspolitischen Ebene an.
B.: Unser deutsches Bildungssystem ist in der Tat besonders selektiv – und dabei übrigens nicht einmal besonders leistungsstark, wie internationale Vergleichstudien zeigen. Der durch die Mehrgliedrigkeit bedingte Zwang zur frühen Schullaufbahnentscheidung benachteiligt vor allem die Migrantenkinder. So werden die bestehenden Strukturen der Ungleichheit von neuem reproduziert und damit auch das vorherrschende Gesellschaftsbild bestätigt. Wie gesagt: der Rassismus ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Wir dürfen uns dennoch unserer persönlichen Verantwortung nicht entziehen.



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Vita von Prof. Georg Auernheimer