Das Elternnetzwerk NRW
von Veronika Fischer, Doris Krumpholz, Adelheid Schmitz, Csilla Patocs
Prof. Veronika Fischer
2007 wurde in Nordrhein-Westfalen ein „Elternnetzwerk“ gegründet, in dem sich Migrantenselbstorganisationen zusammengeschlossen haben, um in Kooperation mit In-stitutionen und Einrichtungen der Elternarbeit die Interessen und Anliegen von zugewan-derten Eltern zu vertreten. Die im Netzwerk vertretenen Elternvereine können als eine Brücke zwischen Bildungsinstitutionen und Elternhaus verstanden werden: Sie eröffnen Zugänge zu den Eltern, verbreiten wichtige Informationen aus dem Bildungssystem, be-raten und unterstützen Eltern und Einrichtungen, stellen einen Ort politischer Meinungs-bildung dar und sind Sprachrohr für Elterninteressen.
1. Die Entstehungsgeschichte
Das Elternnetzwerk NRW wurde offiziell 2007 nach einer zweijährigen Vorlaufphase und einem dreijährigen Aufbauprozess gegründet. Als Reaktion auf die erste Pisastudie wurde 2002 vom damaligen Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung sowie dem Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit das „Bündnis für Erzie-hung“ ins Leben gerufen. Dieses Vorhaben zog allerdings sogleich die Kritik der Landesarbeits-gemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA) auf sich, weil die Zugewanderten und ihre Familien nicht einbezogen worden waren. Daraufhin wurde der damalige Integrationsbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen beauftragt, Eltern mit Migrationshintergrund und deren Vereine anzusprechen und in das Bündnis einzubeziehen. Es galt, die Eltern für die Bildungsbelange ihrer Kinder zu aktivieren und gleichzeitig ihre Potenziale in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Idee von einem Eltern-kongress war geboren und wurde von einem kleinen Kreis in der Migrationsarbeit erfahrener Fachleute im Laufe des darauf folgenden Jahres weiter verfolgt und im Februar 2004 in die Tat umgesetzt. Im Vorfeld des Kongresses fand ein Expertenworkshop mit Eltern statt, um die für sie wichtigen Fragen bei der Planung zu berücksichtigen. Mit dem Elternkongress, an dem mehr als 1400 Menschen teilgenommen haben, wurde der Grundstein für die weitere Arbeit mit Zugewanderten gelegt. Hier wurde deutlich, dass viele Eltern mit Migrationshintergrund sehr motiviert sind, sich für ihre Kinder zu engagieren, mit bestehenden Bildungseinrichtungen zusammenzuarbeiten und in Erziehungsfragen fortzubilden. Darüber hinaus betonten insbesondere ehrenamtlich aktive Eltern, dass auch die Fachkräfte in den Bildungseinrichtungen lernen sollten, „Eltern ernst zu nehmen“ und als „Expertinnen und Experten für die Erziehung ihrer Kinder“ wahrzunehmen. Es ginge um mehr als die bloße Beteiligung an den Mitwirkungsgremien. Im Kern ginge es um die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Pädagoginnen sowie Eltern und Migrantenselbstorganisationen in gegenseitiger Anerkennung. (Statement auf dem Elternkongresses in Essen im Februar).
An dieser Vorlaufphase wird deutlich, was für die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Migrantenselbstorganisationen in der Vergangenheit schon immer gegolten hat, dass sie nämlich eine bloß marginale Rolle gespielt haben und weitgehend ignoriert wor-den sind. Erst nach der massiven Kritik ihrer Verbandsvertreter auf Landesebene und angesichts der Brisanz der PISA-Ergebnisse wurden sie in den politischen Prozess einbezogen, allerdings erst zu einem Zeitpunkt, als bereits feststand, dass schon viel versäumt worden war. Bemerkenswert ist auch, dass die Pioniergruppe um den Integrationsbeauf-tragten ein basisaktivierendes Konzept umgesetzt hat, das auf die Mobilisierung einer möglichst großen Zahl von Menschen ausgerichtet war.
2. Ziele und Bausteine
Der Elternkongress in Essen motivierte viele daran beteiligte Eltern, ihre Kritik, Ideen, Wünsche und Vorschläge zu formulieren. Auf dieser Basis entwickelte die Projektgruppe das Konzept „Mit Eltern und Vereinen gemeinsam für eine bessere Zukunft der Migran-tenkinder in NRW“. Der Grundgedanke dieses Konzeptes war ein partizipativer Ansatz, um in Kooperation mit den zugewanderten Eltern bzw. den Elternvereinen ein Netzwerk sowie neue Formen der Elternarbeit und Elternbildung zu entwickeln.
2.1 Ziele des Elternnetzwerks:
• Eltern mit Zuwanderungsgeschichte werden ermutigt, ihren Erziehungsauftrag selbstbewusst wahrzunehmen und ihr umfangreiches Wissen in einen Erfahrungsaustausch einzubringen.
• Die Selbstorganisationen werden in ihrer zentralen Brückenfunktion wahrgenommen und beim Aufbau entsprechender Netzwerke sowie der Umsetzung geeigneter kon-zeptioneller und methodischer Ansätze begleitet. Die Zusammenarbeit von Eltern unterschiedlicher Herkunft wird dabei vorausgesetzt.
• Die Eltern mit Zuwanderungsgeschichte erhalten die notwendige Unterstützung, die sie zu einer adäquaten, modernen Erziehung in einer komplexen Gesellschaft benötigen.
• Die Akteure des Netzwerkes werben dafür, dass sich die bestehenden Strukturen der Elternarbeit verstärkt für die Belange von Zuwandererfamilien öffnen – die Eltern mit Zuwanderungsgeschichte hingegen werden bestärkt, sich in bestehenden Strukturen zu engagieren (Konzept des Integrationsbeauftragten 2004).
2.2 Bausteine
Die Konzeption des Elternnetzwerks sah folgende Bausteine vor: Die Durchführung von Eltern-Seminaren (Samstagsseminare) und Regionalveranstaltungen, die Erprobung verschiedener methodischer Ansätze der Elternbildung und Infobriefe.
Samstagsseminare
Die regelmäßig samstags stattfindenden, eintägigen Seminare dienten der Fortbildung von Multiplikatoren aus den Vereinen und boten die Möglichkeit, den Vernetzungspro-zess zu reflektieren und voranzutreiben. Von Oktober 2004 - Dezember 2006 fanden elf eintägige Eltern-Seminare mit einer Teilnehmerzahl von 20 - 40 Personen aus verschie-denen Elternvereinen statt. Die Seminare hatten meistens drei Schwerpunkte:
• Der jeweilige Ortsverein, der seine Räume für das Seminar zur Verfügung stellt, in-formiert über seine Aktivitäten, Konzepte und Erfahrungen.
• Eine Referentin/ein Referent gibt einen Überblick zu einem Schwerpunktthema.
• Ein Praxisprojekt wird vorgestellt bzw. die Netzwerkidee weiter entwickelt
Themen, die im Rahmen dieser „Samstags-Seminare“ besonders intensiv diskutiert wurden, waren z.B. die Einführung der Schuleingangsphase, die Möglichkeiten der Eltern zur Mitwirkung in der Offenen Ganztagsschule, Fragen des Spracherwerbs, das neue Schulgesetz, das Konzept des Kinderschutzbundes „Starke Eltern - starke Kinder“, die Fortbildungskonzepte des Bundes der spanischen Elternvereine sowie der Föderation türkischer Elternvereine. Besondere Bedeutung hatten auch der Erfahrungsaustausch untereinander sowie Fragen der weiteren Vernetzung.
Regionalkonferenzen
Auf Wunsch der Eltern haben von 2004 bis 2006 fünf Regionalkonferenzen (in Iserlohn, Wuppertal, Gelsenkirchen sowie zwei in Bielefeld) stattgefunden. Die Besucherzahlen schwankten zwischen 300 - 350 Teilnehmenden bei den größeren Veranstaltungen und 70 - 80 Besuchern bei den kleineren. Die Konferenzen sollten dazu beitragen, die Netzwerk-idee zu verbreiten, Kontakte anzubahnen und neue Impulse zu geben, beispielsweise bei einem „Markt der Möglichkeiten“, wo Initiativen und Bildungseinrichtungen ihre Arbeit vorstellten.
Fortbildungsreihen
Während der Aufbauphase des Netzwerks haben der Bund der spanischen Elternvereine sowie die Föderation türkischer Elternvereine in NRW eigene Fortbildungskonzepte für die Elternarbeit entwickelt und in einer Pilotphase durchgeführt. Neben der Vermittlung von Informationen hatten diese Fortbildungsreihen auch das Ziel, Multiplikatoren und Multiplikatorinnen für eine aktivierende Elternarbeit in den jeweiligen Kommunen auszubilden und die Zusammenarbeit der Elternvereine untereinander zu verbessern. Der besondere Vorteil dieser beiden aktivierenden Fortbildungsansätze lag darin, dass hier nicht Vertreter der Mehrheitsgesellschaft Zugewanderte „schulten“, sondern in der Elternarbeit erfahrene Vereine selbst die Regie übernahmen und ihr Wissen an andere Betroffene wei-tergeben konnten.
Infobriefe
Regelmäßige Info-Briefe, die das Büro des Integrationsbeauftragten von NRW verschickt hat, informierten die Eltern über die neuesten Entwicklungen des Netzwerks und einzelne konkrete Projekte.
Der Aufbau des Elternnetzwerks nach Maßgabe dieses Konzepts wurde von Oktober 2004 bis November 2006 wissenschaftlich begleitet.
1. Die Entstehungsgeschichte
Das Elternnetzwerk NRW wurde offiziell 2007 nach einer zweijährigen Vorlaufphase und einem dreijährigen Aufbauprozess gegründet. Als Reaktion auf die erste Pisastudie wurde 2002 vom damaligen Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung sowie dem Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit das „Bündnis für Erzie-hung“ ins Leben gerufen. Dieses Vorhaben zog allerdings sogleich die Kritik der Landesarbeits-gemeinschaft der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA) auf sich, weil die Zugewanderten und ihre Familien nicht einbezogen worden waren. Daraufhin wurde der damalige Integrationsbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen beauftragt, Eltern mit Migrationshintergrund und deren Vereine anzusprechen und in das Bündnis einzubeziehen. Es galt, die Eltern für die Bildungsbelange ihrer Kinder zu aktivieren und gleichzeitig ihre Potenziale in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Idee von einem Eltern-kongress war geboren und wurde von einem kleinen Kreis in der Migrationsarbeit erfahrener Fachleute im Laufe des darauf folgenden Jahres weiter verfolgt und im Februar 2004 in die Tat umgesetzt. Im Vorfeld des Kongresses fand ein Expertenworkshop mit Eltern statt, um die für sie wichtigen Fragen bei der Planung zu berücksichtigen. Mit dem Elternkongress, an dem mehr als 1400 Menschen teilgenommen haben, wurde der Grundstein für die weitere Arbeit mit Zugewanderten gelegt. Hier wurde deutlich, dass viele Eltern mit Migrationshintergrund sehr motiviert sind, sich für ihre Kinder zu engagieren, mit bestehenden Bildungseinrichtungen zusammenzuarbeiten und in Erziehungsfragen fortzubilden. Darüber hinaus betonten insbesondere ehrenamtlich aktive Eltern, dass auch die Fachkräfte in den Bildungseinrichtungen lernen sollten, „Eltern ernst zu nehmen“ und als „Expertinnen und Experten für die Erziehung ihrer Kinder“ wahrzunehmen. Es ginge um mehr als die bloße Beteiligung an den Mitwirkungsgremien. Im Kern ginge es um die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Pädagoginnen sowie Eltern und Migrantenselbstorganisationen in gegenseitiger Anerkennung. (Statement auf dem Elternkongresses in Essen im Februar).
An dieser Vorlaufphase wird deutlich, was für die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Migrantenselbstorganisationen in der Vergangenheit schon immer gegolten hat, dass sie nämlich eine bloß marginale Rolle gespielt haben und weitgehend ignoriert wor-den sind. Erst nach der massiven Kritik ihrer Verbandsvertreter auf Landesebene und angesichts der Brisanz der PISA-Ergebnisse wurden sie in den politischen Prozess einbezogen, allerdings erst zu einem Zeitpunkt, als bereits feststand, dass schon viel versäumt worden war. Bemerkenswert ist auch, dass die Pioniergruppe um den Integrationsbeauf-tragten ein basisaktivierendes Konzept umgesetzt hat, das auf die Mobilisierung einer möglichst großen Zahl von Menschen ausgerichtet war.
2. Ziele und Bausteine
Der Elternkongress in Essen motivierte viele daran beteiligte Eltern, ihre Kritik, Ideen, Wünsche und Vorschläge zu formulieren. Auf dieser Basis entwickelte die Projektgruppe das Konzept „Mit Eltern und Vereinen gemeinsam für eine bessere Zukunft der Migran-tenkinder in NRW“. Der Grundgedanke dieses Konzeptes war ein partizipativer Ansatz, um in Kooperation mit den zugewanderten Eltern bzw. den Elternvereinen ein Netzwerk sowie neue Formen der Elternarbeit und Elternbildung zu entwickeln.
2.1 Ziele des Elternnetzwerks:
• Eltern mit Zuwanderungsgeschichte werden ermutigt, ihren Erziehungsauftrag selbstbewusst wahrzunehmen und ihr umfangreiches Wissen in einen Erfahrungsaustausch einzubringen.
• Die Selbstorganisationen werden in ihrer zentralen Brückenfunktion wahrgenommen und beim Aufbau entsprechender Netzwerke sowie der Umsetzung geeigneter kon-zeptioneller und methodischer Ansätze begleitet. Die Zusammenarbeit von Eltern unterschiedlicher Herkunft wird dabei vorausgesetzt.
• Die Eltern mit Zuwanderungsgeschichte erhalten die notwendige Unterstützung, die sie zu einer adäquaten, modernen Erziehung in einer komplexen Gesellschaft benötigen.
• Die Akteure des Netzwerkes werben dafür, dass sich die bestehenden Strukturen der Elternarbeit verstärkt für die Belange von Zuwandererfamilien öffnen – die Eltern mit Zuwanderungsgeschichte hingegen werden bestärkt, sich in bestehenden Strukturen zu engagieren (Konzept des Integrationsbeauftragten 2004).
2.2 Bausteine
Die Konzeption des Elternnetzwerks sah folgende Bausteine vor: Die Durchführung von Eltern-Seminaren (Samstagsseminare) und Regionalveranstaltungen, die Erprobung verschiedener methodischer Ansätze der Elternbildung und Infobriefe.
Samstagsseminare
Die regelmäßig samstags stattfindenden, eintägigen Seminare dienten der Fortbildung von Multiplikatoren aus den Vereinen und boten die Möglichkeit, den Vernetzungspro-zess zu reflektieren und voranzutreiben. Von Oktober 2004 - Dezember 2006 fanden elf eintägige Eltern-Seminare mit einer Teilnehmerzahl von 20 - 40 Personen aus verschie-denen Elternvereinen statt. Die Seminare hatten meistens drei Schwerpunkte:
• Der jeweilige Ortsverein, der seine Räume für das Seminar zur Verfügung stellt, in-formiert über seine Aktivitäten, Konzepte und Erfahrungen.
• Eine Referentin/ein Referent gibt einen Überblick zu einem Schwerpunktthema.
• Ein Praxisprojekt wird vorgestellt bzw. die Netzwerkidee weiter entwickelt
Themen, die im Rahmen dieser „Samstags-Seminare“ besonders intensiv diskutiert wurden, waren z.B. die Einführung der Schuleingangsphase, die Möglichkeiten der Eltern zur Mitwirkung in der Offenen Ganztagsschule, Fragen des Spracherwerbs, das neue Schulgesetz, das Konzept des Kinderschutzbundes „Starke Eltern - starke Kinder“, die Fortbildungskonzepte des Bundes der spanischen Elternvereine sowie der Föderation türkischer Elternvereine. Besondere Bedeutung hatten auch der Erfahrungsaustausch untereinander sowie Fragen der weiteren Vernetzung.
Regionalkonferenzen
Auf Wunsch der Eltern haben von 2004 bis 2006 fünf Regionalkonferenzen (in Iserlohn, Wuppertal, Gelsenkirchen sowie zwei in Bielefeld) stattgefunden. Die Besucherzahlen schwankten zwischen 300 - 350 Teilnehmenden bei den größeren Veranstaltungen und 70 - 80 Besuchern bei den kleineren. Die Konferenzen sollten dazu beitragen, die Netzwerk-idee zu verbreiten, Kontakte anzubahnen und neue Impulse zu geben, beispielsweise bei einem „Markt der Möglichkeiten“, wo Initiativen und Bildungseinrichtungen ihre Arbeit vorstellten.
Fortbildungsreihen
Während der Aufbauphase des Netzwerks haben der Bund der spanischen Elternvereine sowie die Föderation türkischer Elternvereine in NRW eigene Fortbildungskonzepte für die Elternarbeit entwickelt und in einer Pilotphase durchgeführt. Neben der Vermittlung von Informationen hatten diese Fortbildungsreihen auch das Ziel, Multiplikatoren und Multiplikatorinnen für eine aktivierende Elternarbeit in den jeweiligen Kommunen auszubilden und die Zusammenarbeit der Elternvereine untereinander zu verbessern. Der besondere Vorteil dieser beiden aktivierenden Fortbildungsansätze lag darin, dass hier nicht Vertreter der Mehrheitsgesellschaft Zugewanderte „schulten“, sondern in der Elternarbeit erfahrene Vereine selbst die Regie übernahmen und ihr Wissen an andere Betroffene wei-tergeben konnten.
Infobriefe
Regelmäßige Info-Briefe, die das Büro des Integrationsbeauftragten von NRW verschickt hat, informierten die Eltern über die neuesten Entwicklungen des Netzwerks und einzelne konkrete Projekte.
Der Aufbau des Elternnetzwerks nach Maßgabe dieses Konzepts wurde von Oktober 2004 bis November 2006 wissenschaftlich begleitet.
3. Evaluationsdesign
3.1 Ziele und Gegenstand des Forschungsvorhabens
Das Forschungsprojekt „Stärkung der Selbsthilfepotenziale und Vernetzung zugewanderter Eltern. Eine Untersuchung des Elternnetzwerks NRW unter besonderer Berücksichtigung des Fortbildungsbedarfs“ hat den Vernetzungsprozess von Migrantenselbstorganisationen und Institutionen der Elternarbeit untersucht (FISCHER/KRUMPHOLZ/SCHMITZ./PATOCS 2007). Von besonderem Interesse war dabei die Frage, inwieweit sich die Eltern durch Weiterbildungsangebote in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt und durch Netzwerkarbeit bei der selbstbewussten Wahrnehmung ihrer Elternrolle im privaten und öffentlichen Raum unterstützt gefühlt haben.
Dazu wurden einzelne Bausteine des Elternnetzwerks NRW untersucht, insbesondere die Samstagsseminare und die beiden Fortbildungsreihen. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Begleitung stand die Frage, ob das Projekt dazu beitragen konnte:
• einen größeren Kreis von zugewanderten Eltern als bisher zu erreichen,
• bestehende Elternorganisationen in Kontakt miteinander zu bringen,
• den Dialog über die Grenzen der ethnischen Communities hinaus zu fördern,
• die Betroffenen zu einer gemeinsamen Interessenswahrnehmung und -durchsetzung zu bewegen,
• die tatsächlichen Interessen und Anliegen der zugewanderten Eltern durch entsprechend thematisch ausgerichtete Einzelveranstaltungen anzusprechen,
• den Dialog und die Kooperation zwischen Eltern und Experten aus verschiedenen Einrichtungen des Bildungs- und Beratungssystems (z.B. Wohlfahrtsverbände, deutsche Elterninitiativen und –vereine usw.) zu fördern,
• die Anliegen der Eltern an Politik und Verwaltung weiterzuleiten und
• schließlich die Selbsthilfepotenziale so weit zu stärken, dass die Eltern in eigener Regie und Verantwortung ihre Interessen wahrnehmen und durch entsprechende organi-satorische Strukturen umsetzen konnten.
Bei der Bestandsaufnahme und Analyse wurde ein Netzwerkansatz als theoretisches Modell zugrunde gelegt und überprüft, welche Methoden der Netzwerkarbeit sich als effizient erweisen würden.
3.2 Instrumente der Evaluation
Bei der wissenschaftlichen Begleitung kamen qualitative und quantitative Methoden empirischer Sozialforschung zum Einsatz:
Dokumentenauswertung (Analyse von Selbstdarstellungen, Protokollen, Programmen und Werbematerial der Vereine sowie Protokolle der Sitzungen der Koordinierungsrunde), teilnehmende Beobachtungen von 11 eintägigen Elternseminaren in der Zeit von Oktober 2004 bis Dezember 2006, zwei mehrstündige leitfadengestützte qualitative Interviews mit Vereinsvorsitzenden und Vorstandsmitgliedern der Föderation der türkischen Elternvereine und des Bundesverbands der spanischen Elternvereine sowie qualitative Interviews mit 13 ausgewählten Einzelpersonen der Fortbildungsreihen „Schlaue Kinder starker Eltern“ und „Elternakademie“.
Mit Hilfe eines Fragebogens, der an die insgesamt 109 Teilnehmenden der 11 Samstagsseminare verschickt worden ist, wurden folgende Daten erhoben:
• Demographische Variablen
• Herkunftsland, Sprachkenntnisse, Familiensprache
• Aktivitäten im Elternverein
• Motivation zur Seminarteilnahme
• Präsenz bei den Seminaren
• Bewertung der Seminare
• Wünsche an weitere Seminare
• Transferwirkungen
4. Zusammenfassung der wichtigsten empirischen Ergebnisse
Das „Elternnetzwerk NRW – Integration miteinander“, dessen Gründung am 24. März 2007 vom Integrationsbeauftragten des Landes offiziell bekannt gegeben wurde, ist Ergebnis eines dreijährigen Entwicklungsprozesses. Angestoßen durch einen landesweiten Elternkongress im Februar 2004, hat sich inzwischen ein komplexes Netzwerk herausgebildet, das auf verschiedenen Ebenen angesiedelt ist. Auf der Landesebene existiert eine Koordinierungsgruppe mit strategischen Aufgaben, die sich alle sechs Wochen trifft und wichtige Vorhaben in landes-weite Netzwerktreffen einbringt, die zweimal im Jahr stattfinden. Auf der regionalen Ebene werden Konferenzen durchgeführt, die Partner in der Region zusammenbringen sollen und vor allem in ländlichen Einzugsbereichen für eine Verbreitung der Elternarbeit sorgen. In den größeren Städten, insbesondere solchen, die über eine entwickelte Infrastruktur im Bereich der Migrationsarbeit verfügen und wo Elternvereine bereits aktiv sind, haben sich auch kom-munale Netzwerke gebildet. Ein zentrales Vernetzungsinstrument sind Fortbildungen für Mul-tiplikatoren, die das Gelernte in ihre Vereine vor Ort tragen und dort weiter verbreiten sollen.
Die vorliegende Untersuchung hat sich schwerpunktmäßig mit 11 Samstagsseminaren des Elternnetzwerks befasst, die in der Zeit von Oktober 2004 bis November 2006 stattgefunden haben. Zur Evaluation der Elternseminare und ihrer Transferwirkungen wurde ein Fragebogen entwickelt, der an alle Teilnehmenden, die sich in Teilnahmelisten eingetragen hatten, verschickt worden ist. Außerdem liegen Protokolle und Aufzeichnungen aus teilnehmenden Beobachtungen vor, die im Verlauf der Seminare angefertigt wurden.
Darüber hinaus wurden Absolventen und Absolventinnen von zwei selbstorganisierten Fortbildungsreihen befragt, die der Bund der Spanischen Elternvereine und die Föderation der türkischen Elternvereine durchgeführt haben. Ergänzt werden diese Erhebungen durch Beobachtungen und protokollarische Notizen, die während der Sitzungen der Koordinierungsrunde und der Regionalkonferenzen festgehalten wurden. Da sich die Evaluation vor allem auf die Auswertung der Samstagsseminare stützt, werden deren Ergebnisse im Folgenden am ausführlichsten referiert.
Die Samstagsseminare boten Raum für Begegnung und Erfahrungsaustausch, sie stellten außerdem ein Diskussionsforum für Themen aus den Bereichen Bildung und Erziehung dar und waren schließlich ein wichtiges Medium für die Vernetzung der Aktivitäten der beteiligten Elternvereine.
4.1 Die Befragten
Insgesamt haben 43 von 103 möglichen Personen den Fragebogen ausgefüllt (41,7%). 17 Vereine waren insgesamt durch eine oder mehrere Personen vertreten. Etwa 33 Vereine lassen sich insgesamt in den uns vorliegenden Teilnehmerlisten nachweisen. Es sind daher ca. 51,5% der Vereine mit der Befragung erreicht worden.
Interessant ist, dass die Mehrzahl der Fortbildungsteilnehmenden Frauen sind. Von 43 Be-fragten sind 28 weiblich (61,5%). Dies zeigt, wie hoch das Engagement der Frauen in der Elternarbeit ist, was sich nicht unbedingt in der Besetzung der Vorstandsposten widerspiegelt, die überwiegend noch in Männerhand sind. Angesichts der hohen Motivation, Fortbildungen zu besuchen, ist zu vermuten, dass künftig vor allem von den Frauen die innovativen Impulse für die Elternarbeit in den Vereinen ausgehen werden und dass sich die Mütter als Hauptan-sprechpartnerinnen für die Bildungsinstitutionen anbieten. Daran wird allerdings auch deutlich, dass sich Frauen gerade in den Bereichen der Bildung und Erziehung engagieren, die ihnen landläufig auch als Domäne zugeschrieben werden. Insofern gilt es künftig auch, ver-mehrt die Väter für diesen Bereich zu interessieren.
Die Mehrzahl der Befragten (79,1%) ist verheiratet, 9,3% ledig, 9,3% geschieden und eine Person (2,3%) ist allein erziehend. Im Durchschnitt haben die Befragten zwei Kinder.
Das Elternnetzwerk ist so bunt wie seine Mitglieder. Bei den Samstagsseminaren waren 16 unterschiedliche Nationalitäten und 14 unterschiedliche Sprachen vertreten. Allerdings hat die Mehrzahl der Befragten, nämlich 72%, die deutsche Staatsangehörigkeit, was darauf schlie-ßen lässt, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sehen. Unterschiedliche kulturelle Einflüsse zu verarbeiten und Gruppenzugehörigkeiten zu definieren, das ist für viele eine schwierige Aufgabe bei der Identitätsbildung, was in der folgenden Äußerung zum Ausdruck kommt:
„Ich fühl mich weder als Migrant noch – das ist die andere Seite der Medaille – noch als Türke. Ich bin hier groß geworden, und das hat so einen starken Einfluss auf mich. Wenn ich in die Türkei zurückkehren würde, könnte ich da nicht Fuß fassen. So weit fortgeschritten ist das. Ich weiß nicht, wann das angefangen hat. Ich seh’ mich als Bestandteil dieser Bevölkerung oder dieses Staates. Ich seh’ mich als Nutznießer wie auch als Antriebskraft, Steuerzahler, und ich seh’ mich in keinster Weise hinter einem deutschen Staatsbürger, oder ähnlich. Ganz im Gegenteil, ich bin teilweise Leuten um Längen voraus, weil ich zwei Kulturen mit mir rumschleppe und die Fähigkeit besitze, zu wissen, was ich hab und was ich nicht hab. Ich hab die Sachen immer zu meinem Vorteil ausgenutzt. In der Grundschule war ich in Deutsch besser als andere Schüler, als deutsche Schüler. Von daher, ich seh’ mich nicht als Migrant, ich bin eben keiner, das ist halt so!“ (Interview 2)
In den Familien, aus denen die Teilnehmenden stammen, gehört Mehrsprachigkeit zum Alltag. Die Befragten selber sprechen bis zu vier Sprachen. Unter den Familienange-hörigen werden am häufigsten Deutsch, Türkisch und Russisch gesprochen. Entsprechend hoch ist das Interesse am Thema Mehrsprachigkeit und seinen Konsequenzen für den Schulunterricht.
Die meisten Interviewpersonen (34 von 43 Befragten) sind in der Elternarbeit aktiv (79,1%). Vor diesem Hintergrund ist auch das Interesse an Fortbildungen zu sehen, von denen man sich Information und Orientierung verspricht. Auf ihre Motivation hin befragt, zeigten sich 62% an Informationen über das Schulsystem interessiert. 60% möchte sich mit anderen Eltern austauschen, 58 % will selber Fortbildungen durchführen und 53% möchte sich einmischen und in Bildungsfragen mitbestimmen. Einer der Befragten fasst seine Beweggründe prägnant zusammen:
„Wir können hier nicht leben, um Jobs zu machen wie Putzen/Saubermachen. Das sind keine guten Ziele. Ein gutes Ziel wäre eine bessere Position. Das Hauptmotiv in ein anderes Land zu gehen, ist zu arbeiten und Geld zu verdienen. Aber sie (die Menschen, d. V.) kriegen Kinder. Wir müssen jetzt einen Weg finden, wie man den Jungen helfen kann. Wenn man ein Kind bekommt, (muss man wissen, d.V.) wie man es ausbilden/schulen kann.“ (Interview 3).
4.2 Die Seminare
Die Bandbreite der Seminarthemen reichte von der geplanten Änderung des Schulgesetzes über Gewalt an Schulen bis zu Fragen der regionalen und kommunalen Vernetzung der El-ternarbeit. Alle Seminarthemen wurden auf einer Skala (von sehr interessant=2, interessant=1 und nicht interessant=0) mit mindestens interessant bewertet. Das 5. Elternseminar mit den Themen „ Geplante Änderungen des neuen Schulgesetzes / Netzwerkidee der Elternvereine“ schnitt dabei am besten ab (1,88).
Was die Seminargestaltung angeht, hatte ca. ein Drittel den Eindruck, beim Ablauf mitbestimmen zu können. Änderungswünsche beziehen sich vor allem auf mehr Zeit für Diskus-sionen, mehr Möglichkeiten für Mitgestaltung/Mitarbeit, eine bessere Strukturierung (Tages-ordnung) und eine breitere Streuung der anzusprechenden Zielgruppen.
Bei der Durchsicht der Teilnahmelisten stellte sich heraus, dass die Teilnehmenden nicht alle Samstagsseminare regelmäßig besuchen, sondern dass es eine Kerngruppe und fluktuierende Randschichten gibt. Gründe für die unregelmäßige bzw. sporadische Teilnahme liegen u.a. in langen Anfahrtzeiten, Kosten für öffentliche Verkehrsmittel, fehlende Kinderbetreuung und dem Bedürfnis, das Wochenende bei der Familie zu Hause zu verbringen. Auf die Frage, wie man ihnen die Teilnahme am Seminar erleichtern könnte, wurden Kinderbetreuung, Fahrtkos-tenerstattung, resp. Wohnortnähe und Anerkennung der Seminare als Fortbildung genannt.
Es wird deutlich, dass knapp die Hälfte der Teilnehmenden (48,1%) durch die Seminare andere Elternvereine und deren Aktivitäten kennen gelernt und dadurch auch Impulse für ihre eigene Arbeit erhalten hat. Gerade diejenigen, die bereits längere Erfahrungen in der Elternar-beit gemacht haben und dabei sehr erfolgreich waren wie beispielsweise die Spanier, stellen ein Modell für andere dar. Vor diesem Hintergrund erhält auch die Vernetzungsidee eine wichtige Bedeutung, da durch ein Elternnetzwerk Strukturen geschaffen werden, die den Wissens- und Erfahrungstransfer gewährleisten. Es besteht die Einsicht, dass dadurch auch die Unterschiedlichkeit der Beteiligten produktiv genutzt werden kann.
4.3 Der Transfer des Gelernten in die Praxis
82% der Befragten konnten das Gelernte in der Vereinsarbeit anwenden: 84% in der Öffentlichkeitsarbeit, 81% bei Fortbildungen im Verein und 76% im Austausch mit anderen
Eltern.
Auf die Frage, ob es im Anschluss an die Seminare gelungen sei, die öffentlichen Bildungsin-stitutionen für die Arbeit des Vereins zu interessieren, antworteten über die Hälfte (51,9%) mit nein und 48,1% mit ja. Insofern sollten die Bildungsinstitutionen noch stärker in den Prozess einbezogen werden und durch zuständige Ministerien, Schulämter, Schulleitungen etc. umfassender über die Vereine informiert werden. Es gilt darüber hinaus eine weit verbreitete Skepsis und Unsicherheit gegenüber den Elternvereinen abzubauen, damit eine Kontaktauf-nahme und Begegnung auf Augenhöhe möglich werden (z.B. durch Infoveranstaltungen, Bro-schüren über die Elternarbeit der Vereine, Gesprächsrunden etc.).
In der Öffentlichkeit besteht weitgehend Unkenntnis darüber, welche Potenziale die Vereine besitzen, wie viel Engagement zur Mitarbeit besteht und wie qualifiziert die Vereine diese Arbeit machen, weil sie ihrerseits Fachleute aus verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern, dem Gesundheitsbereich oder der Medizin aus ihren eigenen Reihen rekrutieren, die die Eltern professionell fortbilden.
Die Samstagsseminare, die im weiteren Verlauf der Vernetzung von einer eigens dafür gewählten Vorbereitungsgruppe geplant wurden, hatten unterschiedliche Transferwirkungen: Auf die Frage, zu welchen Aktivitäten die Teilnehmenden durch die Samstagsseminare ange-regt worden sind, antworteten 20 Personen (46%). Die Mehrzahl (45%) intensivierte die Öffentlichkeitsarbeit und 40% organisierte selber Fortbildungen im eigenen Verein. Dies wie-derum zeigt, dass die Befragten ihre Rolle als Multiplikatoren erkannt haben und sie ähnlich wie die Mitglieder der Koordinierungsgruppe als zentrales Entwicklungsinstrument in der Elternarbeit einsetzen.
4.4 Die Vernetzung
Im Hinblick auf die Vernetzung der Vereine untereinander war die Frage nach den Arbeitsbe-ziehungen, die zu anderen Vereinen aufgebaut werden konnten, relevant. 27 Personen antwor-teten, 13 (48,1%) davon positiv, 14 (51,9%) davon verneinten. Bei der Form der Zusammenarbeit wurden Erfahrungsaustausch 20 mal (80%), gemeinsame Informationsveranstaltungen 11 mal (44 %), gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen 8 mal (32,0%), gemeinsame Lobby-arbeit 5 mal (20%) und Sonstiges auch 5 mal (20%) benannt (Mehrfachnennungen möglich, 25 Befragte antworteten).
32 von insgesamt 38 antwortenden Personen gaben an, dass die Seminare dazu beigetragen hätten, bildungspolitische Forderungen besser in der Öffentlichkeit vertreten zu können, das entspricht 84,2 gültigen Prozent, 6 Personen (15,8%) verneinten die Frage.
Zum Abschluss sprach sich eine deutliche Mehrheit für die Weiterarbeit im Elternnetzwerk aus, was vor dem Hintergrund der bereits in den vorangegangenen Antworten geäußerten positiven Statements nicht verwunderlich ist. Die Mehrzahl der Teilnehmenden aus den Elternseminaren hat offenbar von den Fortbildungen profitiert: Zusätzliche Kenntnisse wurden erworben, neue Kontakte und Arbeitsbündnisse geschlossen, positive Erfahrungen im Erfah-rungsaustausch gemacht, Wertschätzung und Verständnis erlebt, die unterstützende Wirkung einer Gruppe Gleichgesinnter erfahren und die politische Wirksamkeit erster Ansätze einer Lobbyarbeit getestet.
4.5 Selbstorganisierte Fortbildungen
Neben den Samstagsseminaren fanden noch zwei selbstorganisierte Fortbildungsreihen statt. Dabei handelte es sich einerseits um die erste „Elternakademie“ der Föderation der türkischen Elternvereine und andererseits um die Fortbildungsreihe „Schlaue Kinder starker Eltern“ vom Bund der Spanischen Elternvereine. Diese beiden Reihen ermöglichten eine über mehrere Treffen angelegte, intensive Beschäftigung mit einzelnen pädagogischen Themen und die Vorbereitung der Vereinsmitglieder auf ihre Rolle als Multiplikatoren in der Elternarbeit.
Beide Reihen arbeiten nach dem Prinzip „von Migranten für Migranten“ und zielen im Sinne des Empowerments darauf ab, die Betroffenen zu unterstützen, eine qualifizierte und durch-setzungsstarke Elternarbeit in den eigenen Untergliederungen ihres Vereins durchzuführen. Bei der Durchführung der Fortbildungen wird das Know-how und die Erfahrung der beiden Dachverbände genutzt, die auf Basis ihrer eigenen Lerngeschichte ein Fortbildungskonzept entwickelt haben, wobei das Modell der Spanier am längsten erprobt ist. Die leitfadengestützten Interviews mit ausgewählten Teilnehmenden ergaben durchweg positive Bewertun-gen für beide Fortbildungsreihen, einen hohen Grad an Akzeptanz der Fortbildungskonzepti-onen und Zufriedenheit mit Zielen, Methoden, Themen, Rahmenbedingungen und Ablauf der Seminare. Beide Konzeptionen hatten eine aktivierende Wirkung, weil sie die Eltern beweg-ten, untereinander Arbeitsbeziehungen aufzunehmen, Projekte zu initiieren, ihre Öffentlich-keitsarbeit zu verstärken und Kontakte zu Bildungsinstitutionen aufzunehmen. In einem Fall ist sogar ein Elternverein ins Leben gerufen worden.
Sowohl der multikulturell zusammengesetzten Gruppe bei der Fortbildung „Schlaue Kinder starker Eltern“ als auch der weitgehend homogenen – aus türkischsprachigen Teilnehmenden zusammengesetzten Gruppe – der „Elternakademie“ werden Vorzüge bescheinigt.
Ein wichtiges Ergebnis der Fortbildungen ist darin zu sehen, dass die meisten Mütter und Väter sich jetzt selbstsicherer fühlen: „Ich bin durch diese Seminarreihe, eben dadurch, dass ich wie alle anderen öfter habe Gruppenarbeiten vorstellen müssen, selbstsicherer geworden. Wahrscheinlich in meinen Äußerungen oder in meinem Auftreten allgemein und deshalb bringt es mit Sicherheit Vorteile, wenn man mit Behörden spricht“. Auch die Vorzüge des interkulturellen Austauschs werden gelobt: Es spiele keine Rolle mehr, „welche Religion der Mensch hat, aus welchem Land er kommt und ob die Frau ein Tuch trägt.“ „Unser gemeinsa-mes Ziel ist, was uns verbindet“, nämlich die schulische und berufliche Zukunft der Kinder zu verbessern.
4.6 Bilanz
Abschließend kann man die Fragen, die mit der Untersuchung des Vernetzungsprozesses verbunden waren, positiv beantworten:
Das „Elternnetzwerk NRW“ konnte – insbesondere durch die Samstagsseminare und die beiden Fortbildungsreihen – dazu beitragen:
• einen größeren Kreis von zugewanderten Eltern als bisher zu erreichen: Bei der Gründungsversammlung des Elternnetzwerks am 24. März 2007 in Essen, die den vorläufigen Abschluss eines dreijährigen Prozesses darstellt, hat sich bereits eine Mehrheit der Elternvereine in Nordrhein-Westfalen dem Elternnetzwerk NRW angeschlossen;
• bestehende Elternorganisationen in Kontakt miteinander zu bringen: Nach Aussagen knapp der Hälfte der Befragten haben sich sowohl überregional als auch lokal Kooperations-beziehungen zwischen einzelnen Organisationen herausgebildet;
• den Dialog über die Grenzen der ethnischen Communities hinaus zu fördern: Es ist gelungen, sowohl durch die Samstagsseminare als auch durch die Fortbildungsreihe des Bundesverbandes der Spanier eine Kommunikation über die ethnisch-kulturellen Grenzen der Communities hinweg zu führen;
• die Betroffenen zu einer gemeinsamen Interessenswahrnehmung und -durchsetzung zu bewegen: Partizipation und Selbstorganisation haben im Laufe der Netzwerkentwick-lung zunehmend an Bedeutung gewonnen und schließlich zur Gründung des künftig weitgehend selbstverwalteten Netzwerks NRW geführt;
• die tatsächlichen Interessen und Anliegen der zugewanderten Eltern durch entsprechend thematisch ausgerichtete Einzelveranstaltungen anzusprechen: Im Rahmen der Samstagsseminare wurde die Regelung eingeführt, dass die Eltern das Thema für das nächste Seminar selbst bestimmen können und die Elternfortbildung des Bundesver-bandes der Spanier arbeitete nach didaktischen Prinzipien der Pädagogik P. Freires, die eine Partizipation der Eltern bei der Themenfindung explizit vorsieht;
• den Dialog und die Kooperation zwischen Eltern und Fachkräften aus verschiedenen Einrichtungen des Bildungs- und Beratungssystems ( z.B. Wohlfahrtsverbände, deutsche Elterninitiativen und –vereine usw.) zu fördern: Sowohl die Samstagsseminare als auch die Fortbildungsreihe der Föderation der türkischen Elternvereine haben sachkundiges Personal aus verschiedenen Bereichen des Bildungssystems in die Seminargestaltung eingebunden;
• die Anliegen der Eltern an Politik und Verwaltung weiterzuleiten: Mit der Öffentlichkeitsarbeit des Elternnetzwerks und der Beteiligung von Referenten und Referentinnen aus Ministerien an der Koordinierungsrunde hat man für einen entsprechenden Informationsfluss an die o.a. Stellen gesorgt; allerdings bleibt abzuwarten, inwieweit den Interessen der Eltern durch politisches Handeln auch entsprochen wird;
• schließlich die Selbsthilfepotenziale so weit zu stärken, dass die Eltern in eigener Re-gie und Verantwortung ihre Interessen wahrnehmen und organisatorische Strukturen und Kooperationen langfristig entwickeln und sichern: Mit der Gründung des Eltern-netzwerks ist die Basis für eine selbstorganisierte Elternarbeit im Verbund vieler Vereine hergestellt. Es wird sich künftig zeigen, wie nachhaltig diese Strukturen wirken und die Elternarbeit absichern.
Literatur
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3.1 Ziele und Gegenstand des Forschungsvorhabens
Das Forschungsprojekt „Stärkung der Selbsthilfepotenziale und Vernetzung zugewanderter Eltern. Eine Untersuchung des Elternnetzwerks NRW unter besonderer Berücksichtigung des Fortbildungsbedarfs“ hat den Vernetzungsprozess von Migrantenselbstorganisationen und Institutionen der Elternarbeit untersucht (FISCHER/KRUMPHOLZ/SCHMITZ./PATOCS 2007). Von besonderem Interesse war dabei die Frage, inwieweit sich die Eltern durch Weiterbildungsangebote in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt und durch Netzwerkarbeit bei der selbstbewussten Wahrnehmung ihrer Elternrolle im privaten und öffentlichen Raum unterstützt gefühlt haben.
Dazu wurden einzelne Bausteine des Elternnetzwerks NRW untersucht, insbesondere die Samstagsseminare und die beiden Fortbildungsreihen. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Begleitung stand die Frage, ob das Projekt dazu beitragen konnte:
• einen größeren Kreis von zugewanderten Eltern als bisher zu erreichen,
• bestehende Elternorganisationen in Kontakt miteinander zu bringen,
• den Dialog über die Grenzen der ethnischen Communities hinaus zu fördern,
• die Betroffenen zu einer gemeinsamen Interessenswahrnehmung und -durchsetzung zu bewegen,
• die tatsächlichen Interessen und Anliegen der zugewanderten Eltern durch entsprechend thematisch ausgerichtete Einzelveranstaltungen anzusprechen,
• den Dialog und die Kooperation zwischen Eltern und Experten aus verschiedenen Einrichtungen des Bildungs- und Beratungssystems (z.B. Wohlfahrtsverbände, deutsche Elterninitiativen und –vereine usw.) zu fördern,
• die Anliegen der Eltern an Politik und Verwaltung weiterzuleiten und
• schließlich die Selbsthilfepotenziale so weit zu stärken, dass die Eltern in eigener Regie und Verantwortung ihre Interessen wahrnehmen und durch entsprechende organi-satorische Strukturen umsetzen konnten.
Bei der Bestandsaufnahme und Analyse wurde ein Netzwerkansatz als theoretisches Modell zugrunde gelegt und überprüft, welche Methoden der Netzwerkarbeit sich als effizient erweisen würden.
3.2 Instrumente der Evaluation
Bei der wissenschaftlichen Begleitung kamen qualitative und quantitative Methoden empirischer Sozialforschung zum Einsatz:
Dokumentenauswertung (Analyse von Selbstdarstellungen, Protokollen, Programmen und Werbematerial der Vereine sowie Protokolle der Sitzungen der Koordinierungsrunde), teilnehmende Beobachtungen von 11 eintägigen Elternseminaren in der Zeit von Oktober 2004 bis Dezember 2006, zwei mehrstündige leitfadengestützte qualitative Interviews mit Vereinsvorsitzenden und Vorstandsmitgliedern der Föderation der türkischen Elternvereine und des Bundesverbands der spanischen Elternvereine sowie qualitative Interviews mit 13 ausgewählten Einzelpersonen der Fortbildungsreihen „Schlaue Kinder starker Eltern“ und „Elternakademie“.
Mit Hilfe eines Fragebogens, der an die insgesamt 109 Teilnehmenden der 11 Samstagsseminare verschickt worden ist, wurden folgende Daten erhoben:
• Demographische Variablen
• Herkunftsland, Sprachkenntnisse, Familiensprache
• Aktivitäten im Elternverein
• Motivation zur Seminarteilnahme
• Präsenz bei den Seminaren
• Bewertung der Seminare
• Wünsche an weitere Seminare
• Transferwirkungen
4. Zusammenfassung der wichtigsten empirischen Ergebnisse
Das „Elternnetzwerk NRW – Integration miteinander“, dessen Gründung am 24. März 2007 vom Integrationsbeauftragten des Landes offiziell bekannt gegeben wurde, ist Ergebnis eines dreijährigen Entwicklungsprozesses. Angestoßen durch einen landesweiten Elternkongress im Februar 2004, hat sich inzwischen ein komplexes Netzwerk herausgebildet, das auf verschiedenen Ebenen angesiedelt ist. Auf der Landesebene existiert eine Koordinierungsgruppe mit strategischen Aufgaben, die sich alle sechs Wochen trifft und wichtige Vorhaben in landes-weite Netzwerktreffen einbringt, die zweimal im Jahr stattfinden. Auf der regionalen Ebene werden Konferenzen durchgeführt, die Partner in der Region zusammenbringen sollen und vor allem in ländlichen Einzugsbereichen für eine Verbreitung der Elternarbeit sorgen. In den größeren Städten, insbesondere solchen, die über eine entwickelte Infrastruktur im Bereich der Migrationsarbeit verfügen und wo Elternvereine bereits aktiv sind, haben sich auch kom-munale Netzwerke gebildet. Ein zentrales Vernetzungsinstrument sind Fortbildungen für Mul-tiplikatoren, die das Gelernte in ihre Vereine vor Ort tragen und dort weiter verbreiten sollen.
Die vorliegende Untersuchung hat sich schwerpunktmäßig mit 11 Samstagsseminaren des Elternnetzwerks befasst, die in der Zeit von Oktober 2004 bis November 2006 stattgefunden haben. Zur Evaluation der Elternseminare und ihrer Transferwirkungen wurde ein Fragebogen entwickelt, der an alle Teilnehmenden, die sich in Teilnahmelisten eingetragen hatten, verschickt worden ist. Außerdem liegen Protokolle und Aufzeichnungen aus teilnehmenden Beobachtungen vor, die im Verlauf der Seminare angefertigt wurden.
Darüber hinaus wurden Absolventen und Absolventinnen von zwei selbstorganisierten Fortbildungsreihen befragt, die der Bund der Spanischen Elternvereine und die Föderation der türkischen Elternvereine durchgeführt haben. Ergänzt werden diese Erhebungen durch Beobachtungen und protokollarische Notizen, die während der Sitzungen der Koordinierungsrunde und der Regionalkonferenzen festgehalten wurden. Da sich die Evaluation vor allem auf die Auswertung der Samstagsseminare stützt, werden deren Ergebnisse im Folgenden am ausführlichsten referiert.
Die Samstagsseminare boten Raum für Begegnung und Erfahrungsaustausch, sie stellten außerdem ein Diskussionsforum für Themen aus den Bereichen Bildung und Erziehung dar und waren schließlich ein wichtiges Medium für die Vernetzung der Aktivitäten der beteiligten Elternvereine.
4.1 Die Befragten
Insgesamt haben 43 von 103 möglichen Personen den Fragebogen ausgefüllt (41,7%). 17 Vereine waren insgesamt durch eine oder mehrere Personen vertreten. Etwa 33 Vereine lassen sich insgesamt in den uns vorliegenden Teilnehmerlisten nachweisen. Es sind daher ca. 51,5% der Vereine mit der Befragung erreicht worden.
Interessant ist, dass die Mehrzahl der Fortbildungsteilnehmenden Frauen sind. Von 43 Be-fragten sind 28 weiblich (61,5%). Dies zeigt, wie hoch das Engagement der Frauen in der Elternarbeit ist, was sich nicht unbedingt in der Besetzung der Vorstandsposten widerspiegelt, die überwiegend noch in Männerhand sind. Angesichts der hohen Motivation, Fortbildungen zu besuchen, ist zu vermuten, dass künftig vor allem von den Frauen die innovativen Impulse für die Elternarbeit in den Vereinen ausgehen werden und dass sich die Mütter als Hauptan-sprechpartnerinnen für die Bildungsinstitutionen anbieten. Daran wird allerdings auch deutlich, dass sich Frauen gerade in den Bereichen der Bildung und Erziehung engagieren, die ihnen landläufig auch als Domäne zugeschrieben werden. Insofern gilt es künftig auch, ver-mehrt die Väter für diesen Bereich zu interessieren.
Die Mehrzahl der Befragten (79,1%) ist verheiratet, 9,3% ledig, 9,3% geschieden und eine Person (2,3%) ist allein erziehend. Im Durchschnitt haben die Befragten zwei Kinder.
Das Elternnetzwerk ist so bunt wie seine Mitglieder. Bei den Samstagsseminaren waren 16 unterschiedliche Nationalitäten und 14 unterschiedliche Sprachen vertreten. Allerdings hat die Mehrzahl der Befragten, nämlich 72%, die deutsche Staatsangehörigkeit, was darauf schlie-ßen lässt, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland sehen. Unterschiedliche kulturelle Einflüsse zu verarbeiten und Gruppenzugehörigkeiten zu definieren, das ist für viele eine schwierige Aufgabe bei der Identitätsbildung, was in der folgenden Äußerung zum Ausdruck kommt:
„Ich fühl mich weder als Migrant noch – das ist die andere Seite der Medaille – noch als Türke. Ich bin hier groß geworden, und das hat so einen starken Einfluss auf mich. Wenn ich in die Türkei zurückkehren würde, könnte ich da nicht Fuß fassen. So weit fortgeschritten ist das. Ich weiß nicht, wann das angefangen hat. Ich seh’ mich als Bestandteil dieser Bevölkerung oder dieses Staates. Ich seh’ mich als Nutznießer wie auch als Antriebskraft, Steuerzahler, und ich seh’ mich in keinster Weise hinter einem deutschen Staatsbürger, oder ähnlich. Ganz im Gegenteil, ich bin teilweise Leuten um Längen voraus, weil ich zwei Kulturen mit mir rumschleppe und die Fähigkeit besitze, zu wissen, was ich hab und was ich nicht hab. Ich hab die Sachen immer zu meinem Vorteil ausgenutzt. In der Grundschule war ich in Deutsch besser als andere Schüler, als deutsche Schüler. Von daher, ich seh’ mich nicht als Migrant, ich bin eben keiner, das ist halt so!“ (Interview 2)
In den Familien, aus denen die Teilnehmenden stammen, gehört Mehrsprachigkeit zum Alltag. Die Befragten selber sprechen bis zu vier Sprachen. Unter den Familienange-hörigen werden am häufigsten Deutsch, Türkisch und Russisch gesprochen. Entsprechend hoch ist das Interesse am Thema Mehrsprachigkeit und seinen Konsequenzen für den Schulunterricht.
Die meisten Interviewpersonen (34 von 43 Befragten) sind in der Elternarbeit aktiv (79,1%). Vor diesem Hintergrund ist auch das Interesse an Fortbildungen zu sehen, von denen man sich Information und Orientierung verspricht. Auf ihre Motivation hin befragt, zeigten sich 62% an Informationen über das Schulsystem interessiert. 60% möchte sich mit anderen Eltern austauschen, 58 % will selber Fortbildungen durchführen und 53% möchte sich einmischen und in Bildungsfragen mitbestimmen. Einer der Befragten fasst seine Beweggründe prägnant zusammen:
„Wir können hier nicht leben, um Jobs zu machen wie Putzen/Saubermachen. Das sind keine guten Ziele. Ein gutes Ziel wäre eine bessere Position. Das Hauptmotiv in ein anderes Land zu gehen, ist zu arbeiten und Geld zu verdienen. Aber sie (die Menschen, d. V.) kriegen Kinder. Wir müssen jetzt einen Weg finden, wie man den Jungen helfen kann. Wenn man ein Kind bekommt, (muss man wissen, d.V.) wie man es ausbilden/schulen kann.“ (Interview 3).
4.2 Die Seminare
Die Bandbreite der Seminarthemen reichte von der geplanten Änderung des Schulgesetzes über Gewalt an Schulen bis zu Fragen der regionalen und kommunalen Vernetzung der El-ternarbeit. Alle Seminarthemen wurden auf einer Skala (von sehr interessant=2, interessant=1 und nicht interessant=0) mit mindestens interessant bewertet. Das 5. Elternseminar mit den Themen „ Geplante Änderungen des neuen Schulgesetzes / Netzwerkidee der Elternvereine“ schnitt dabei am besten ab (1,88).
Was die Seminargestaltung angeht, hatte ca. ein Drittel den Eindruck, beim Ablauf mitbestimmen zu können. Änderungswünsche beziehen sich vor allem auf mehr Zeit für Diskus-sionen, mehr Möglichkeiten für Mitgestaltung/Mitarbeit, eine bessere Strukturierung (Tages-ordnung) und eine breitere Streuung der anzusprechenden Zielgruppen.
Bei der Durchsicht der Teilnahmelisten stellte sich heraus, dass die Teilnehmenden nicht alle Samstagsseminare regelmäßig besuchen, sondern dass es eine Kerngruppe und fluktuierende Randschichten gibt. Gründe für die unregelmäßige bzw. sporadische Teilnahme liegen u.a. in langen Anfahrtzeiten, Kosten für öffentliche Verkehrsmittel, fehlende Kinderbetreuung und dem Bedürfnis, das Wochenende bei der Familie zu Hause zu verbringen. Auf die Frage, wie man ihnen die Teilnahme am Seminar erleichtern könnte, wurden Kinderbetreuung, Fahrtkos-tenerstattung, resp. Wohnortnähe und Anerkennung der Seminare als Fortbildung genannt.
Es wird deutlich, dass knapp die Hälfte der Teilnehmenden (48,1%) durch die Seminare andere Elternvereine und deren Aktivitäten kennen gelernt und dadurch auch Impulse für ihre eigene Arbeit erhalten hat. Gerade diejenigen, die bereits längere Erfahrungen in der Elternar-beit gemacht haben und dabei sehr erfolgreich waren wie beispielsweise die Spanier, stellen ein Modell für andere dar. Vor diesem Hintergrund erhält auch die Vernetzungsidee eine wichtige Bedeutung, da durch ein Elternnetzwerk Strukturen geschaffen werden, die den Wissens- und Erfahrungstransfer gewährleisten. Es besteht die Einsicht, dass dadurch auch die Unterschiedlichkeit der Beteiligten produktiv genutzt werden kann.
4.3 Der Transfer des Gelernten in die Praxis
82% der Befragten konnten das Gelernte in der Vereinsarbeit anwenden: 84% in der Öffentlichkeitsarbeit, 81% bei Fortbildungen im Verein und 76% im Austausch mit anderen
Eltern.
Auf die Frage, ob es im Anschluss an die Seminare gelungen sei, die öffentlichen Bildungsin-stitutionen für die Arbeit des Vereins zu interessieren, antworteten über die Hälfte (51,9%) mit nein und 48,1% mit ja. Insofern sollten die Bildungsinstitutionen noch stärker in den Prozess einbezogen werden und durch zuständige Ministerien, Schulämter, Schulleitungen etc. umfassender über die Vereine informiert werden. Es gilt darüber hinaus eine weit verbreitete Skepsis und Unsicherheit gegenüber den Elternvereinen abzubauen, damit eine Kontaktauf-nahme und Begegnung auf Augenhöhe möglich werden (z.B. durch Infoveranstaltungen, Bro-schüren über die Elternarbeit der Vereine, Gesprächsrunden etc.).
In der Öffentlichkeit besteht weitgehend Unkenntnis darüber, welche Potenziale die Vereine besitzen, wie viel Engagement zur Mitarbeit besteht und wie qualifiziert die Vereine diese Arbeit machen, weil sie ihrerseits Fachleute aus verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern, dem Gesundheitsbereich oder der Medizin aus ihren eigenen Reihen rekrutieren, die die Eltern professionell fortbilden.
Die Samstagsseminare, die im weiteren Verlauf der Vernetzung von einer eigens dafür gewählten Vorbereitungsgruppe geplant wurden, hatten unterschiedliche Transferwirkungen: Auf die Frage, zu welchen Aktivitäten die Teilnehmenden durch die Samstagsseminare ange-regt worden sind, antworteten 20 Personen (46%). Die Mehrzahl (45%) intensivierte die Öffentlichkeitsarbeit und 40% organisierte selber Fortbildungen im eigenen Verein. Dies wie-derum zeigt, dass die Befragten ihre Rolle als Multiplikatoren erkannt haben und sie ähnlich wie die Mitglieder der Koordinierungsgruppe als zentrales Entwicklungsinstrument in der Elternarbeit einsetzen.
4.4 Die Vernetzung
Im Hinblick auf die Vernetzung der Vereine untereinander war die Frage nach den Arbeitsbe-ziehungen, die zu anderen Vereinen aufgebaut werden konnten, relevant. 27 Personen antwor-teten, 13 (48,1%) davon positiv, 14 (51,9%) davon verneinten. Bei der Form der Zusammenarbeit wurden Erfahrungsaustausch 20 mal (80%), gemeinsame Informationsveranstaltungen 11 mal (44 %), gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen 8 mal (32,0%), gemeinsame Lobby-arbeit 5 mal (20%) und Sonstiges auch 5 mal (20%) benannt (Mehrfachnennungen möglich, 25 Befragte antworteten).
32 von insgesamt 38 antwortenden Personen gaben an, dass die Seminare dazu beigetragen hätten, bildungspolitische Forderungen besser in der Öffentlichkeit vertreten zu können, das entspricht 84,2 gültigen Prozent, 6 Personen (15,8%) verneinten die Frage.
Zum Abschluss sprach sich eine deutliche Mehrheit für die Weiterarbeit im Elternnetzwerk aus, was vor dem Hintergrund der bereits in den vorangegangenen Antworten geäußerten positiven Statements nicht verwunderlich ist. Die Mehrzahl der Teilnehmenden aus den Elternseminaren hat offenbar von den Fortbildungen profitiert: Zusätzliche Kenntnisse wurden erworben, neue Kontakte und Arbeitsbündnisse geschlossen, positive Erfahrungen im Erfah-rungsaustausch gemacht, Wertschätzung und Verständnis erlebt, die unterstützende Wirkung einer Gruppe Gleichgesinnter erfahren und die politische Wirksamkeit erster Ansätze einer Lobbyarbeit getestet.
4.5 Selbstorganisierte Fortbildungen
Neben den Samstagsseminaren fanden noch zwei selbstorganisierte Fortbildungsreihen statt. Dabei handelte es sich einerseits um die erste „Elternakademie“ der Föderation der türkischen Elternvereine und andererseits um die Fortbildungsreihe „Schlaue Kinder starker Eltern“ vom Bund der Spanischen Elternvereine. Diese beiden Reihen ermöglichten eine über mehrere Treffen angelegte, intensive Beschäftigung mit einzelnen pädagogischen Themen und die Vorbereitung der Vereinsmitglieder auf ihre Rolle als Multiplikatoren in der Elternarbeit.
Beide Reihen arbeiten nach dem Prinzip „von Migranten für Migranten“ und zielen im Sinne des Empowerments darauf ab, die Betroffenen zu unterstützen, eine qualifizierte und durch-setzungsstarke Elternarbeit in den eigenen Untergliederungen ihres Vereins durchzuführen. Bei der Durchführung der Fortbildungen wird das Know-how und die Erfahrung der beiden Dachverbände genutzt, die auf Basis ihrer eigenen Lerngeschichte ein Fortbildungskonzept entwickelt haben, wobei das Modell der Spanier am längsten erprobt ist. Die leitfadengestützten Interviews mit ausgewählten Teilnehmenden ergaben durchweg positive Bewertun-gen für beide Fortbildungsreihen, einen hohen Grad an Akzeptanz der Fortbildungskonzepti-onen und Zufriedenheit mit Zielen, Methoden, Themen, Rahmenbedingungen und Ablauf der Seminare. Beide Konzeptionen hatten eine aktivierende Wirkung, weil sie die Eltern beweg-ten, untereinander Arbeitsbeziehungen aufzunehmen, Projekte zu initiieren, ihre Öffentlich-keitsarbeit zu verstärken und Kontakte zu Bildungsinstitutionen aufzunehmen. In einem Fall ist sogar ein Elternverein ins Leben gerufen worden.
Sowohl der multikulturell zusammengesetzten Gruppe bei der Fortbildung „Schlaue Kinder starker Eltern“ als auch der weitgehend homogenen – aus türkischsprachigen Teilnehmenden zusammengesetzten Gruppe – der „Elternakademie“ werden Vorzüge bescheinigt.
Ein wichtiges Ergebnis der Fortbildungen ist darin zu sehen, dass die meisten Mütter und Väter sich jetzt selbstsicherer fühlen: „Ich bin durch diese Seminarreihe, eben dadurch, dass ich wie alle anderen öfter habe Gruppenarbeiten vorstellen müssen, selbstsicherer geworden. Wahrscheinlich in meinen Äußerungen oder in meinem Auftreten allgemein und deshalb bringt es mit Sicherheit Vorteile, wenn man mit Behörden spricht“. Auch die Vorzüge des interkulturellen Austauschs werden gelobt: Es spiele keine Rolle mehr, „welche Religion der Mensch hat, aus welchem Land er kommt und ob die Frau ein Tuch trägt.“ „Unser gemeinsa-mes Ziel ist, was uns verbindet“, nämlich die schulische und berufliche Zukunft der Kinder zu verbessern.
4.6 Bilanz
Abschließend kann man die Fragen, die mit der Untersuchung des Vernetzungsprozesses verbunden waren, positiv beantworten:
Das „Elternnetzwerk NRW“ konnte – insbesondere durch die Samstagsseminare und die beiden Fortbildungsreihen – dazu beitragen:
• einen größeren Kreis von zugewanderten Eltern als bisher zu erreichen: Bei der Gründungsversammlung des Elternnetzwerks am 24. März 2007 in Essen, die den vorläufigen Abschluss eines dreijährigen Prozesses darstellt, hat sich bereits eine Mehrheit der Elternvereine in Nordrhein-Westfalen dem Elternnetzwerk NRW angeschlossen;
• bestehende Elternorganisationen in Kontakt miteinander zu bringen: Nach Aussagen knapp der Hälfte der Befragten haben sich sowohl überregional als auch lokal Kooperations-beziehungen zwischen einzelnen Organisationen herausgebildet;
• den Dialog über die Grenzen der ethnischen Communities hinaus zu fördern: Es ist gelungen, sowohl durch die Samstagsseminare als auch durch die Fortbildungsreihe des Bundesverbandes der Spanier eine Kommunikation über die ethnisch-kulturellen Grenzen der Communities hinweg zu führen;
• die Betroffenen zu einer gemeinsamen Interessenswahrnehmung und -durchsetzung zu bewegen: Partizipation und Selbstorganisation haben im Laufe der Netzwerkentwick-lung zunehmend an Bedeutung gewonnen und schließlich zur Gründung des künftig weitgehend selbstverwalteten Netzwerks NRW geführt;
• die tatsächlichen Interessen und Anliegen der zugewanderten Eltern durch entsprechend thematisch ausgerichtete Einzelveranstaltungen anzusprechen: Im Rahmen der Samstagsseminare wurde die Regelung eingeführt, dass die Eltern das Thema für das nächste Seminar selbst bestimmen können und die Elternfortbildung des Bundesver-bandes der Spanier arbeitete nach didaktischen Prinzipien der Pädagogik P. Freires, die eine Partizipation der Eltern bei der Themenfindung explizit vorsieht;
• den Dialog und die Kooperation zwischen Eltern und Fachkräften aus verschiedenen Einrichtungen des Bildungs- und Beratungssystems ( z.B. Wohlfahrtsverbände, deutsche Elterninitiativen und –vereine usw.) zu fördern: Sowohl die Samstagsseminare als auch die Fortbildungsreihe der Föderation der türkischen Elternvereine haben sachkundiges Personal aus verschiedenen Bereichen des Bildungssystems in die Seminargestaltung eingebunden;
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