Junge Migrantinnen: Motor oder Hemmnis des sozialen Wandels?

von Prof. Ursula Boos-Nünning

1. Geschlechterrollen im Kontext von Einwanderung und Religion

2. Geschlechterrollen, Ehemuster und sexuelle Normen und Vorstellungen über Erziehung
2.1. Egalitäre Geschlechterrollen
2.2. Monoethnische Ehemuster
2.3. Virginität bis zur Eheschließung
2.4. Bewertung der elterlichen Erziehung und Bewahrung von Erziehungstradition

3. Moderne Geschlechterrollen und Formen der Partnerwahl

4. Religiöse Einstellungen und Geschlechterrollen

Einleitung

Frauen haben in der westlichen Gesellschaft zwar noch nicht alles, was sie anstrebten, aber dennoch viel erreicht. In neuester Zeit werden die Städte multiethnisch und die jungen Frauen mit Migrationshintergrund machen 40 oder 50 Prozent in 20 Jahren in nicht wenigen Orten 60 oder 70 Prozent der weiblichen Jugend aus. Ein Teil der Töchter und Enkelinnen der Einwanderer – und hierbei fällt der Blick in erster Linie auf die jungen Frauen muslimischer Religion – wird in Verbindung mit neuen Symbolen und Entwicklungen gesehen: Mit dem Bau von Moscheen und der Zunahme von Moscheevereinen, bei denen die einheimischen Frauen fragen, ob Frauen dort gleichberechtigt mitwirken können und dürfen. Und dann das Kopftuch, stellt es nicht ein Zeichen von Unterdrückung der Frau dar? Die traditionellen sexuellen Normen und die Geschlechterrollen, die den jungen Frauen zugeschrieben werden, stellen sie nicht ein Hemmnis auf dem Weg in eine geschlechterdemokratische und –gerechte Gesellschaft dar? Es ist notwendig, dass einheimische Frauen nicht blind der Stereotypisierung der „fremden Frauen“ folgen, sondern dass sich mit den Ergebnissen von Untersuchungen auseinandergesetzt wird, die vielleicht ein anderes Bild von jungen Migrantinnen aufzeigen.

1. Geschlechterrollen im Kontext von Einwanderung und Religion

Die Literatur zur Frauenmigration entdeckte die Mädchen mit Migrationshintergrund als Thema von empirischer Forschung erst in den 80er Jahren mit einer Verschiebung des Blickwinkels von den Müttern zu den Töchtern (s. Huth-Hildebrandt 2002, S.63). Die Diskussion um die spezifischen Belange der damals „ausländisch“ genannten Mädchen begannen mit der Veröffentlichung der Diplomarbeit von Weische-Alexa (1977) über das Freizeitverhalten junger Türkinnen und der im darauf folgenden Jahr erschienenen populärwissenschaftlichen Darstellung von Baumgartner-Karabak/Landesberger (1978), deren Titel auf die Richtung der Diskussion der nächsten Jahre verweist: „Die verkauften Bräute: Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien“. Seitdem bewegen Themen wie Geschlechterrollen und Heiratsmuster die öffentliche Diskussion aber auch im zunehmenden Maße die fachlichen Diskurse, ergänzt um Fragen nach den sexuellen Normen. Das Eintreten für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, ihre Durchsetzung im Familienalltag und in der Öffentlichkeit, die Bereitschaft zu interethnischen Eheschließungen und die Vertretung einer „modernen“ Sexualmoral wird von den Einwandererinnen und Einwanderern gefordert, wenn sie als integriert gelten wollen. Daran wird die Bereitschaft gemessen, sich an Modellen der Aufnahmegesellschaft zu orientieren.

Mädchen und junge Frauen mit Migrationshintergrund werden häufig als traditionalistischer als ihre deutschen Altersgleichen beschrieben und dieses wird oft gleichgesetzt mit einer engen Orientierung an der Herkunftskultur und am Herkunftsland. Je nach dem Instrument, mit Hilfe dessen die Geschlechterrolleneinstellung gemessen wird, ergibt sich ein deutlich traditionalistischeres Bild der jungen Türkinnen und Türken im Vergleich zu anderen Nationalitäten (Pupeter 2000, S. 184). Sehr schnell wird dieses Ergebnis mit der Zugehörigkeit zur muslimischen Religion in Verbindung gebracht oder traditionelle Geschlechterrollen werden mit der Stärke der religiösen Orientierung erklärt. Obgleich gerade in den letzten Jahren eine große Zahl an Studien über junge Migrantinnen erschienen ist, die überwiegend zu einer Differenzierung aufrufen, bleiben solche Stereotypen im Alltagsverständnis bestehen.

Wegen spezifischer Bilder von jungen Frauen mit Migrationshintergrund in den Köpfen vieler Deutscher hat die Untersuchung, die unter dem Titel „Viele Welten leben“ veröffentlicht wurde (Boos-Nünning/Karakaşoğlu 2006, 1. Auflage 2005) Aufmerksamkeit gefunden. Die Untersuchungsdaten belegen die Bandbreite und die Differenziertheit der Einstellungen der jungen Frauen und lassen einen Vergleich von jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund und denen mit anderem nationalen Hintergrund zu. Im Folgenden soll auf die Ergebnisse eingegangen werden, die darstellen, wie sich die jungen Frauen zwischen Tradition und Moderne bewegen und wie manche dem nationalen Hintergrund oder der Religion zugewiesene Stereotypisierung sich nicht aufrecht erhalten lässt . Erst auf dieser Grundlage kann die Frage, ob junge Migrantinnen den sozialen Wandel eher vorantreiben oder ob sie ihn ver- oder behindern, beantwortet werden.

2. Geschlechterrollen, Ehemuster und sexuelle Normen und Vorstellungen über Erziehung

2.1. Egalitäre Geschlechterrollen

Bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund wird unterstellt, dass sie über geringere Freiräume als die Jungen derselben nationalen Herkunft und über deutlich geringere Spielräume als deutsche Mädchen verfügen. Ihre Orientierungen seien auf ein traditionelles Rollenbild ausgerichtet, welches ihnen vom Elternhaus vorgelebt werde und deren Aufrechterhaltung durch das Elternhaus bedingt oder sogar erzwungen werde. Darstellungen z.B., die sich auf die Berufswahl richten, betonen zwar die Bedeutung einer Berufsbildung und einer Berufstätigkeit bei den Mädchen selbst und bei ihren Familien und stellen überwiegend dar, dass Familie und Kinder als vereinbar mit einem Beruf angesehen werden, beschreiben aber auch, dass frauenspezifische Anforderungen an die Berufstätigkeit gestellt würden: die Berufstätigkeit solle sich mit den häuslichen Pflichten einer Ehefrau vereinbaren lassen, d.h. sie müsse eine geregelte Arbeitszeit, möglichst begrenzt auf einige Stunden am Tag erlauben und sie dürfe keine Wochenend- und Feiertagsarbeit und keine längere Abwesenheit verlangen. Eine abgegrenzte und relativ kurze Arbeitszeit sei für die Wahl eines Berufes ausschlaggebend. Für die jungen Frauen seien vor allem solche Tätigkeiten attraktiv, da sie es erlaubten, den Beruf auszuüben, aber dennoch den Haushalt, den Ehemann und eventuelle Kinder zu versorgen.

In der vorgestellten Untersuchung wird daher die Balance zwischen Berufstätigkeit auf der einen und die Tätigkeit „im Hause“ auf der anderen Seite durch gezielte Fragen zu der Geschlechterrolle untersucht: Sie geben über die perzipierte Rolle der Frau in der Balance zwischen Anforderungen der zu gründenden Familie und dem Berufsleben und die darin enthaltenen Wertorientierungen über das Verhältnis zwischen Mann und Frau Auskunft und nicht zuletzt über das Verständnis von der gesellschaftlichen Platzierung der Frau. In der Untersuchung „Viele Welten leben“ richten sich neun Items auf die möglichen Arrangements von Frau und Mann in der Partnerschaft und in der Ehe. In Tabelle 1 sind sieben Items wiedergegeben, die zeigen, ob und inwieweit die jungen Frauen egalitären oder konventionellen Rollenverteilungen in der Familie folgen.


Tabelle 1: Geschlechterrollen (in Prozent) (29kB)


Die Tendenz, mit der die Statements beantwortet werden, ist bei allen jungen Frauen mit unterschiedlicher nationaler Herkunft ähnlich: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Frau werden bejaht. Grenzen werden gesehen, wenn eine Rangordnung verlangt wird (Item: Haushalt und Kinder sind für Frauen wichtiger als Beruf) oder wenn Kinder im Vorschulalter betroffen sind (Item: Vorschulkind leidet unter berufstätiger Mutter). Unter dieser allgemeinen Tendenz kommen Unterschiede nach nationaler Herkunft zum Tragen. Junge Frauen mit jugoslawischem Hintergrund sind deutlich mehr als die übrigen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgerichtet, auch dahingehend, dass sie der Vorstellung einer Rollenänderung (einem Rollenwechsel) von Mann und Frau folgen. Die jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien sind tendenziell bewahrender im Hinblick auf die traditionelle Frauenrolle. Junge Frauen mit türkischem und italienischem Hintergrund sehen in der Berufstätigkeit stärker als andere Gruppen einen Nachteil für das Vorschulkind. Auch fällt bei ihnen die Zustimmung zu einem Wechsel von (traditionell) männlicher und weiblicher Rolle weniger stark aus als bei den anderen Herkunftsgruppen. Junge Frauen mit türkischem Hintergrund reihen sich zwar in das Gesamtbild als Vertreterinnen einer eher egalitären Geschlechterrolle ein, stimmen aber dem Item, dass eine berufstätige Mutter ein ebenso gutes Verhältnis zu ihren Kindern haben kann wie eine nicht-berufstätige weniger deutlich zu als die übrigen Gruppen .

Aus fünf Items, bei denen die Zustimmung oder Ablehnung ein Bild von einer konventionellen Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter nahe legt, in welchem die Frau auf Hausfrauentätigkeit und die Erziehung der Kinder und der Mann auf eine aushäusige Berufstätigkeit festgelegt ist, konnte eine Skala „Geschlechterrolle im Hinblick auf Beruf und Familie“ entwickelt werden. Die folgende Tabelle verdeutlicht, wie stark die jungen Frauen an einem solchen Bild orientiert sind:

Tabelle 2: Geschlechterrolle im Hinblick auf Beruf und Familie (Index) (in Prozent) (15kB)

Es bestätigt sich die in den vorherigen Ausführungen angedeutete Tendenz, dass junge Aussiedlerinnen stärker als alle anderen Gruppen an einem eher konventionellen Rollenbild der Frau orientiert sind, ihnen folgen darin mit geringem Abstand die jungen Frauen mit italienischem und türkischem Hintergrund. Am seltensten wird dieses Rollenbild von jungen Frauen mit jugoslawischem Hintergrund vertreten. Aber etwas mehr als ein Drittel der jungen Frauen aller nationalen Herkünfte vertritt egalitäre Geschlechterrollen, die türkisch-muslimischen Mädchen nicht deutlich seltener als die mit italienischem und mit Aussiedlerhintergrund.

2.2. Monoethnische Ehemuster
Im Einwanderungskontext stehen den Nachkommen von Zuwanderern so auch jungen Frauen mehrere Heiratsoptionen offen. Sie können innerethnisch oder interethnisch heiraten, wobei beide Optionen differenziert betrachtet werden müssen. Eine innerethnische Ehe kann entweder mit einem im Einwanderungsland oder mit einem im Herkunftsland lebenden Partner geschlossen werden. Im Fall der zuletzt angesprochenen Variante wird von einer transnationalen Eheschließung gesprochen. Eine interethnische Ehe kann mit einem deutschen Partner oder mit einem Partner anderen Migrationshintergrunds geschlossen werden. In der Diskussion um die Integration der jungen Frauen interessiert vor allem ihre Einstellung zu einer Heirat eines (ethnisch) deutschen Mannes oder zu der Heirat eines Mannes aus dem Herkunftsland (zu den anderen Optionen s. Boos-Nünning/Karakaşoğlu 2006, S. 247f.).

Die Gruppe der jungen Frauen mit italienischem Hintergrund weist die größte Bereitschaft auf, einen einheimischen Deutschen zu heiraten, gefolgt von den Aussiedlerinnen und Befragten mit jugoslawischem Migrationshintergrund. Die jungen Frauen mit türkischem (47%) und griechischem (40%) Hintergrund dagegen lehnen diese Option im herkunftsspezifischen Vergleich am häufigsten in konsequenter Form ab. Die Ergebnisse der vorgestellten Studie bilden damit die gleichen Tendenzen und herkunftsspezifischen Unterschiede ab, die sich auch in Ergebnissen anderer Untersuchungen zeigen, weisen aber höhere Anteile von jungen Frauen auf, die sich „auf keinen Fall“ oder „wahrscheinlich nicht“ eine Heirat mit einem deutschen Mann vorstellen können. Dies sind etwa drei Viertel der jungen Frauen mit türkischem, zwei Drittel mit griechischem und etwa die Hälfte mit jugoslawischem und Aussiedlerhintergrund.
Die zweite Option, die Wahl eines Ehepartners aus dem Herkunftsland, ist für weit über 50 Prozent der Aussiedlerinnen sowie jungen Frauen mit türkischem Hintergrund nicht akzeptabel, wohl aber ist sie für jeweils 82 Prozent der Befragten mit griechischem und italienischem Hintergrund durchaus vorstellbar. Von den jungen Frauen mit türkischem Hintergrund sind nur 46 Prozent dazu bereit. Dieses Ergebnis überrascht angesichts der Annahmen über das große Ausmaß der Heiratsmigration bei jungen türkischen Migranten und Migrantinnen. Was die Gruppe der jungen Frauen mit italienischem und griechischem Hintergrund anbelangt, so bestätigt das Ergebnis deren stärkere Tendenz, eine enge Verbindung zum Herkunftsland der Eltern – über die Bereitschaft zur Rückkehr aber auch über die Partnerwahl – aufrecht zu erhalten.

In der Auseinandersetzung mit der Frage nach der Selbstbestimmung und/oder der Familienorientierung der jungen Frauen mit Migrationshintergrund wird in jüngster Zeit immer häufiger das Thema der „arrangierten Ehen“ aufgeworfen. Die Vorstellungen und Meinungen der einheimischen Majorität über das Zustandekommen solcher Ehen werden dabei überwiegend aufgrund der spektakulären Presseberichte über „Zwangsehen“ gebildet. Auffällig ist, dass die Diskussion nicht zwischen einer mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Eltern der beiden Heiratskandidaten geschlossenen Ehe (familiär erwünschte Ehe), der Ehe, die mit Einverständnis der beiden Ehekandidaten durch Verwandte oder Bekannte gestiftet wird (arrangierte Ehe) und der aufgrund von psychischem oder physischem Druck durch die Familie bzw. einzelner Familienangehöriger gegen den ausdrücklichen Willen der jungen Frau erzwungenen Eheschließung (Zwangsheirat) trennt. Der enge Einbezug der Eltern bzw. anderer Familienangehöriger in den Prozess der Partnerwahl ist in der deutschen Mehrheitsgesellschaft gar nicht bzw. nicht in diesem Umfang wie bei den Einwanderern und Einwanderinnen vorzufinden und stößt daher auf besonderes Unverständnis: „Man betrachtet die arrangierte Ehe als einen Modus der Partnerwahl, bei dem individuelle Wünsche unberücksichtigt bleiben und familiäre Interessen den Ausschlag geben“ (Straßburger 2003, S.176). Daher verschwimmen in der öffentlichen Diskussion um das Heiratsverhalten der Migranten und Migrantinnen die Grenzen dieser Eheschließungsformen und es finden Verallgemeinerungen statt. Ihnen zufolge werden die meisten transnational geschlossenen Ehen zwischen muslimischen Migranten und Migrantinnen und einem Partner/einer Partnerin aus dem Herkunftsland der Familie als durch familiären Zwang herbeigeführte Ehen betrachtet. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass jemand, der und die eine arrangierte Ehe eingeht, sei traditionell, rückständig und nicht emanzipiert .

In der Befragung wurde der Aspekt der arrangierten Ehe aufgenommen. Um die Befragten mit unterschiedlichem nationalen bzw. kulturellen Hintergrund zu diesem Thema zu Wort kommen zu lassen, wurden zwei Fragen gestellt, und zwar erstens was sie davon halten, wenn Eltern mit ihrer Tochter gemeinsam einen Ehemann aussuchen und zweitens, ob ein solches Arrangement für sie selbst akzeptabel sei. Trotz der vorsichtigen Formulierung ist die abwehrende Haltung der jungen Frauen herkunftsgruppenübergreifend eindeutig. 87 Prozent lehnt eine solche Form der Partnersuche bzw. Partnerwahl ab. Lediglich ein kleiner Teil von vier Prozent findet es „sehr gut“ oder „gut“, wenn Eltern mit ihrer Tochter gemeinsam einen Ehemann aussuchen. Allerdings gibt es bedeutsame Unterschiede nach Herkunftsgruppen, die darauf schließen lassen, dass es sich bei dieser Form der Partnerfindung tatsächlich um eine nur auf bestimmte Gruppen begrenzte Praxis handelt. Am ehesten Zustimmung, wenn auch nur bei einer Minderheit von zehn Prozent, erhält die Mitwirkung der Eltern bei der Partnersuche von jungen Frauen mit türkischem Hintergrund. Sie äußern sich auch – im Vergleich zu den anderen Gruppen – am wenigsten ablehnend.

Auch bei der Frage, ob sich die jungen Frauen eine solche Form der Eheschließung für sich selbst vorstellen können, ist das Antwortverhalten ähnlich. Für sich selbst können sich eine solche Mitsprache der Eltern wiederum deutlich mehr junge Frauen mit türkischem Hintergrund als aus den übrigen Gruppen vorstellen. Elf Prozent stimmen prinzipiell zu, weitere 12 Prozent machen dies von der Situation (oder dem Kandidaten?) abhängig und antworten mit "je nachdem". Aber auch in dieser Gruppe ist die überwiegende Mehrheit von 77 Prozent einer solchen Form der Ehestiftung abgeneigt. Eine vorsichtige Zustimmung zu einer solchen Form der Partnersuche erfolgt bei zehn Prozent der Aussiedlerinnen und acht Prozent der Befragten mit jugoslawischem Hintergrund („auf jeden Fall“, „ja, vielleicht“, „je nachdem“ zusammengenommen).

2.3. Virginität bis zur Eheschließung
Der weibliche Körper und der Umgang mit ihm stellen nicht zufällig einen Brennspiegel für divergierende Vorstellungen zwischen den Geschlechtern, Generationen und Kulturen dar. Als individuelle Präsentations- und als Projektionsfläche ist er in besonderer Weise dazu geeignet, Geschlechtlichkeit, aber auch kulturelle Zugehörigkeit oder Abgrenzungen nach außen, etwa in Form der Körpersprache, aber auch über Kleidungsstücke mit Symbolcharakter zu demonstrieren. Im gesellschaftlichen Umgang mit dem weiblichen Körper etwa in Form der Tatsache, ob er öffentlich präsentiert, zur Schau gestellt, verhüllt oder vor den Blicken der Öffentlichkeit verborgen wird, wird er zum Symbol von denjenigen Werten und Normen im Umgang der Geschlechter miteinander, die einem spezifischen Sozialsystem und seinen kulturellen Prägungen zugrunde liegen. Das Körperbewusstsein und die Geschlechtsmoral von jungen Frauen mit Migrationshintergrund sind daher Themen, die unterschwellig im öffentlichen Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft mit Vorstellungen von „schwieriger“ Integration verbunden sind, weil die vorhandenen, im Commonsense der Mehrheitsgesellschaft akzeptierten Normen durch andere körperkulturelle Ausdrucksformen in Frage gestellt zu sein scheinen. Einen wichtigen Markierungspunkt und gleichzeitig ein Bereich, in dem die Orientierungen einen bedeutsamen Teil der jungen Frauen mit Migrationshintergrund zu denen der Mehrheitsgesellschaft different sind, stellt die Einstellung zur Sexualität bezogen auf den Stellenwert von Virginität bis zur Ehe dar.

Um zu sehen, ob sich herkunftsspezifische Unterschiede hinsichtlich der Einhaltung der Virginitätsnorm feststellen lassen, wurde in unserer Untersuchung nach der Bedeutung der Virginität für die Mädchen gefragt, formuliert als allgemeine Zustimmung zu dem Item „Es ist nichts Falsches, schon vor der Ehe miteinander zu schlafen“. Eine sexuelle Beziehung ohne oder vor der Ehe wird von den meisten Mädchen (58%) akzeptiert. Die Unterschiede nach nationaler Herkunft sind jedoch bedeutsam. Zwar gibt es in allen Gruppen einen Anteil von Mädchen, die es für akzeptabel halten, dass Partner und Partnerinnen vor der Ehe Geschlechtsverkehr haben, sowie einen Anteil, der dies für nicht akzeptabel hält. Aber dieses Muster wird – je nach Herkunftsgruppe - unterschiedlich stark angenommen oder abgelehnt, wie Tabelle 3 zeigt.

Tabelle 3 (14kB)

Der weitaus überwiegende Teil der Mädchen (ca. drei Viertel) mit griechischem Hintergrund und aus Aussiedlerfamilien steht nicht zur Norm der Virginität für Frauen, der überwiegende Teil der Mädchen (ca. 60%) mit italienischem und jugoslawischem Hintergrund ebenfalls nicht, allerdings gibt es in diesen Gruppen – anders als in den Erstgenannten – einen beachtlichen Anteil (ca. 25%), der die Norm akzeptiert. Dies verweist darauf, dass es sich bei der Akzeptanz vorehelicher Virginalität nicht um eine Einstellung handelt, die auf Musliminnen beschränkt ist, da die befragten Italienerinnen ausnahmslos christlichen Konfessionen angehören. Der überwiegende Teil der Mädchen mit türkischem Hintergrund (59%) hält allerdings erwartungsgemäß an der Vorstellung der Virginität bis zur Ehe fest. Allerdings gibt es auch in dieser Gruppe eine nicht unerhebliche Minderheit von 22 Prozent, die die Norm ablehnt, indem sie zustimmt, dass vorehelicher Geschlechtsverkehr akzeptabel sei .


2.4. Bewertung der elterlichen Erziehung und Bewahrung von Erziehungstradition

Verglichen mit den Erziehungsmethoden ihrer Eltern wollen die meisten Mädchen unserer Untersuchung unabhängig von dem nationalen Hintergrund ihre Kinder zu zwei Drittel bis drei Viertel "teilweise anders" erziehen; deutlich weniger würden sie erziehen, wie sie selbst von ihren Eltern erzogen wurden, nämlich nur ein Fünftel bis ein Viertel, und noch weniger würden sie ganz anders erziehen. Mädchen und junge Frauen mit türkischem Hintergrund wollen ihre Kinder zu 19 Prozent deutlich öfter "ganz anders" erziehen als andere Herkunftsgruppen. Bei den Mädchen und jungen Frauen der anderen Gruppen ist ein Prozentsatz von acht bis 12 Prozent dieser Meinung.

Nur ein geringer Teil der Mädchen aller Migrationshintergründe bewertet die erfahrene elterliche Erziehung als demnach „streng“ und dies sind nicht zum größten Teil die Mädchen mit türkischem, sondern diejenigen mit jugoslawischem Hintergrund (13%) und junge Aussiedlerinnen (9%). Stattdessen geben im Herkunftsgruppenvergleich Mädchen mit türkischem (40%) gefolgt von denjenigen mit griechischem Hintergrund (37%) am häufigsten an, „locker“ bzw. „zu locker“ erzogen worden zu sein.

Anders erziehen zu wollen, wird voreilig als Distanzierung von einer (zu) strengen Erziehung interpretiert. In unserer Untersuchung wollen zwar Mädchen und junge Frauen, die sich als „streng“ erzogen einschätzen, ihre Kinder „teilweise“ oder „überwiegend“ anders erziehen, aber ein erheblicher Teil derjenigen Mädchen, die sich als „streng, aber liebevoll“ oder „locker“ erzogen sehen, hat ebenfalls andere Erziehungsvorstellungen. Hier stellt sich die Frage des Wandels der Erziehungsvorstellungen im Generationenverlauf, der sich in anderen Dimensionen bewegen kann als die Entscheidung zwischen „streng“ und „locker“.
In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass Forschungsergebnisse verschiedener Untersuchungen belegen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht nur bereit sind, auf die elterlichen Sorge- und Schutzbedürfnisse Rücksicht zu nehmen, dass sich in einem strengen Erziehungsverhalten äußern kann (so Herwartz-Emden/Westphal 2000, S.249; Gümen 2000, S.370; siehe auch Boos-Nünning 1986, S.100), das Sorgekonzept der Eltern, so führt Straßburger (2003, S.195) aus, wird „sogar im Vergleich zu deutschen Familien als besonders positiv bewertet und als exklusives Erziehungskonzept thematisiert. Die Freiheiten deutscher Jugendlicher werden hingegen auf eine negativ empfundene Gleichgültigkeit der Eltern zurückgeführt. Das Bild der Gleichgültigkeit und Unverbindlichkeit bildet den negativen Bezugspunkt des intellektuellen Vergleichs.“

Aus den Items zu den eigenen Erziehungsvorstellungen, die auch die Frage der Sprache, in der erzogen werden soll und den Stellenwert der Religion in der Erziehung einschließt, konnte ein Index „Bewahrung von Erziehungstraditionen“ gebildet werden.

Tabelle 4.1 (14kB)

An einer Bewahrung der elterlichen Erziehungstraditionen sind die Mädchen und jungen Frauen der verschiedenen Migrationshintergründe nicht ausgerichtet. Mit Ausnahme der Mädchen mit griechischem Hintergrund, von denen immerhin 14 Prozent den Traditionen sehr und 33 Prozent stark folgen, reagieren sie eher distanziert oder sogar abwehrend. Besonders fern stehen mit 53 Prozent der Nennungen für "nicht ausgeprägt" junge Aussiedlerinnen den Erziehungstraditionen der Eltern.

Auch die Zustimmung zu religiösen Erziehungsformen ist zwar häufig, aber nicht so häufig wie nach den in der Gesellschaft vorhandenen Bildern erwartet werden könnte: Dem Statement „Es ist mir wichtig, meine Kinder nach religiösen Grundsätzen zu erziehen“ stimmen 28% voll und 26% eher zu; insgesamt ein Viertel stimmen weniger oder gar nicht zu. In der Abfolge der Herkunftsgruppen sind Mädchen und junge Frauen mit türkischem und griechischem Hintergrund an der religiösen Erziehung ihrer künftigen Kinder am häufigsten interessiert (67% bzw. 62% Zustimmung) gefolgt von den Mädchen mit italienischem und jugoslawischem Hintergrund (50% bis 54%), während sich ein erheblicher Teil der Mädchen aus Aussiedlerfamilien von Vorstellungen religiöser Erziehung distanziert hat (29% Zustimmung).

Bewahrend sind die jungen Frauen auch hinsichtlich ihrer Vorstellungen von der sprachlichen Erziehung ihrer Kinder. Bei dem größten Teil aller Herkunftsgruppen (von 74% der jungen Frauen mit griechischem bis 88% derjenigen mit ehemals jugoslawischem Migrationshintergrund) wird ein zwei- bzw. mehrsprachiges Modell bevorzugt. Lediglich bei den Mädchen mit griechischem Hintergrund sind es 12%. Nur unter den Mädchen aus Aussiedlerfamilien will eine etwas größere Zahl von 13% die sprachliche Erziehung allein oder überwiegend auf Deutsch ausrichten.

Während der Wunsch nach einer religiösen Erziehung nach oberflächlicher Interpretation eher einer traditionellen Vorstellung zugeordnet werden – zumindestens in einem Land wie Deutschland, in dem die Religiosität in den Werthaltungen der einheimisch deutschen Jugendlichen nunmehr eine randständige Bedeutung hat – kann der Wunsch nach mehrsprachiger Erziehung der eigenen Kinder sowohl als Ausdruck einer traditionellen (Wahrung der ethnischen oder kulturellen Identität) als auch einer modernen Orientierung (Vorbereitung auf eine globalisierte Zukunft) eingeordnet werden.

3. Religiöse Einstellungen und Geschlechterrollen

Es bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wie sich religiöse Orientierungen auf die Geschlechterrollen, die Einstellung zu Sexualität und die Erziehungsmuster auswirken. In der öffentlichen Thematisierung und in den Alltagsdeutungen wird jungen Frauen mit Migrationshintergrund und hier insbesondere denen muslimischer Religion eine stärkere Konventionalität in den Geschlechterrollen und in den Sexualnormen zugewiesen und diese Einstellungen werden entweder allgemein mit der Zugehörigkeit zum Islam oder mit einer stärkeren religiösen Orientierung in Verbindung gebracht. Diese Annahmen können auf der Grundlage der Daten unserer Studie geprüft werden, da die Erhebung der religiösen Orientierungen großen Raum einnimmt. Der religionssoziologischen Diskussion folgend wird Religiosität in vier Dimensionen operationalisiert und gemessen: in der Dimension religiöser Erfahrung (ausgedrückt in religiösen Gemütsbewegungen: Glauben gibt Zuversicht, Glücksgefühl); in der Glaubensdimension (ausgedrückt in der Zustimmung zu Glaubensaussagen und Fragen zum Gottesbild), in der rituellen Dimension (ausgedrückt in religiöser Praxis: Beten, Fasten, religiöse Feste feiern) und in der Dimension der Konsequenzen aus religiösen Überzeugungen (ausgedrückt im sozialen Handeln: Wahl des Ehepartners, religiöse Erziehung, Einbindung in religiöse Netzwerke). Hinzu kommen Fragen zur religiösen Erziehung in der Herkunftsfamilie, zur religiösen Toleranz, zum interreligiösen Austausch und zur Stellung der Frau in der Religion (s. Boos-Nünning/Karakaşoğlu 2006, S. 366ff.).

Um das Religionsverständnis der jungen Frauen zu ermitteln und um die Dimension der Religiosität empirisch zu prüfen, wurde eine Faktorenanalyse auf der Grundlage der Daten der Gesamtgruppe durchgeführt. Es wird ein Faktor „Allgemeine Religiosität“ ermittelt, der mit 19 Items den Kern religiösen Denkens, Glaubens und Fühlens enthält: Sinngebung, Hilfe in schwierigen Lebenssituationen ist mit dem Glauben an Gott und an die Identifikation mit der religiösen Gruppierung (Christentum, Islam oder Alevitentum) verbunden. Religiöses Erleben, Glauben, religiöse Praxis und Konsequenzen in Form der Wahl des Ehepartners gehören zusammen. Der zweite Faktor Religiosität in engen Beziehungen enthält sechs Items, die die Religion und den Glauben des Partners in den Mittelpunkt stellen, die Riten, die sich auf die Ehe (religiöse Trauung) und auf die Kinder (Taufe/Beschneidung) richten sowie auf die Religiosität der Freunde/Freundinnen .

Wenn es auch in jeder Religionsgruppe religiöse und nicht religiöse junge Frauen gibt, wird dennoch deutlich, dass Musliminnen (mit 55% sehr stark oder stak Religiös) weitaus religiöser sind als alle übrigen (vgl. Boos-Nünning 2007), gefolgt von den denjenigen, die der orthodoxen Religion (44%) angehören. Am stärksten der Religiosität fern stehen die Befragten mit evangelischer Religion (22%), wenn auch nicht unberücksichtigt bleiben darf, dass auch hier eine kleine Gruppe sehr religiös orientiert ist. Angehörige muslimischer und orthodoxer Religion sind gleichzeitig stärker auf religiöse Homogamie im Familien- und Freundeskreis ausgerichtet (ebenso Worbs/Heckmann 2003, S. 17ff.) .
Nach den wenigen Erhebungen, die den Zusammenhang zwischen religiöser Bindung und Geschlechterrollen berücksichtigen, erweisen sich stark religiöse muslimische Jugendliche in ihren Einstellungen zu Geschlechterrollen als traditioneller (Heckmann et al. 2000; Worbs/Heckmann 2003), neigen aber auch allgemein eher zu konservativeren Einstellungen (Wetzels/Brettfeld 2003). Der Zusammenhänge zwischen religiöser Orientierung auf der einen und die vorne beschriebenen Aspekte der Geschlechterrollen sollen auf der Grundlage der Daten unserer Untersuchung geprüft werden.

In allen erfassten Aspekten zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Geschlechterrolle und der Stärke der religiösen Orientierung.

Tabelle 4.2 (13kB)

Die Stärke der religiösen Orientierung weist mit allen Indikatoren, die sich auf Geschlechterrollen und Ehemuster beziehen, einen signifikanten Zusammenhang auf. Junge Frauen mit starker religiöser Bindung verfügen über eine traditionelle Geschlechterrolle, was Beruf und Familie anbetrifft, sind seltener bereit, einen deutschen Mann zu heiraten, und akzeptieren die Virginitätsnorm häufiger. Der Zusammenhang besteht in beiden Dimensionen der Religiosität in ähnlicher Stärke. Deutlich weniger an religiöse Einstellungen gebunden ist die Bereitschaft Vorstellungen zu folgen, die sich auf eine arrangierte Ehe richten (s. auch Müller 2006, S. 195ff.).

Werden ausschließlich die jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund berücksichtigt, so verstärkt sich der Zusammenhang zwischen Religiosität in beiden Dimensionen und der Zustimmung zu einer traditionellen Geschlechterrolle, der Ablehnung der Heirat eines (einheimisch) deutschen Ehepartners sowie der Bereitschaft den Ehemann mittels Arrangement zu erhalten. Das bedeutet, dass bei der Gruppe der jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund traditionelle Werthaltungen stärker an religiöse Einstellungen gebunden sind als in der Gruppe der jungen Frauen insgesamt.

Junge Frauen mit starker Bindung an Religiosität sind demnach traditioneller oder konventioneller in ihren Auffassungen von Geschlechterrollen, Ehemustern und Sexualität. Innerhalb der Gruppe der jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund wird die Ausdifferenzierung tendenziell deutlicher: Bei stärkerer Religiosität sind sie eher traditionell/konventionell eingestellt. Aber auch die jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund und starker Religiosität haben überwiegend ein Bild von Frauen, für die der Beruf ein Mittel zur Unabhängigkeit ist, und von einer Ehe, in der beide, Mann und Frau, zum Familieneinkommen beitragen und sich gemeinsam um das Familieneinkommen und um Haus und Familie kümmern. Erst wenn es um die Versorgung der Kinder und hier insbesondere der Kinder im Vorschulalter geht, folgen junge Frauen mit türkischem Hintergrund und insbesondere solche mit starker Religiosität starker konventioneller Frauenrollen, wie ein erheblicher Teil der übrigen Herkunftsgruppen und wie (wahrscheinlich) ein Teil der einheimisch deutschen jungen Frauen und insbesondere solche mit religiöser Bindung auch.

Es bleibt die Befürchtung, dass kopftuchtragende junge Musliminnen die Frauen hemmen könnten. Die Daten der Untersuchung eröffnen die Möglichkeit, den Einfluss von sozialen Variablen, Erziehungsmustern und Einstellungen auf das Tragen eines Kopftuches bei jungen Frauen zu prüfen. Dabei bezieht sich die Auswertung nur auf die Gruppe der türkisch-muslimischen jungen Frauen, von denen 25 zum Zeitpunkt der Befragung ein und 177 kein Kopftuch trugen (vgl. Boos-Nünning/Karakaşoğlu 2006).
Junge türkisch-muslimische Frauen, die ein Kopftuch tragen, stammen fast alle aus Familien mit niedrigem sozialen Status (ebenso zwei Drittel der türkisch-muslimischen Frauen ohne Kopftuch), allerdings hat ein erheblicher Teil den niedrigen Status des Elternhauses durch eigenen Bildungsaufstieg überwunden. Sie wachsen häufiger in herkunftssprachlichem Milieu auf und verbringen ihre Freizeit seltener im deutschen Kontext. Sie besitzen höhere Kompetenzen in der Herkunftssprache, aber keine geringeren in der deutschen Sprache. In allen erhobenen Erziehungsmustern wie Durchsetzungsstrategien in der Familie, individualistische Muster, familiäres Anspruchsniveau unterscheiden sie sich nicht von der anderen Gruppe – mit Ausnahme der Betonung der religiösen Erziehung im Elternhaus. In allen Fragen, die religiöse Einstellungen und religiös motivierte Lebensformen ansprechen, sind sie wertegebundener und traditioneller orientiert. Sie sind allerdings auch auf ein Leben in Deutschland, nicht auf eine Rückkehr in das Herkunftsland der Eltern ausgerichtet.
Die Auswertung mittels Regressionsanalyse zeigt: Eine hohe Religiosität, geringe gemischtgeschlechtliche Freizeitkontakte und ein niedriger sozialer Status der Herkunftsfamilie wirken sich auf das Kopftuchtragen aus (erklärte Varianz insgesamt 20%). Die Regressionsanalyse mit der abhängigen Variable „Tragen eines Kopftuchs“ und den vorne aufgeführten unabhängigen Variablen ermittelten somit insgesamt drei Einflussvariablen auf das Kopftuchtragen, bei denen der Index „Religiosität“ (mit einer erklärten Varianz von 13%) den höchsten Erklärungswert hat. Keinen Einfluss haben Items, in denen sich eine traditionell-konservative Lebenseinstellung und –orientierung, mangelnde Fertigkeiten in der deutschen Sprache, Bildungsniveau, Ablehnung einer kulturellen Anpassung an Deutschland oder eine verstärkte Orientierung am Herkunftsland ausdrücken.

Dennoch: Weitaus mehr Mädchen als aufgrund der in der Literatur beschriebenen Szenarien vermutet werden könnte, haben „moderne“ Auffassungen von einer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung hinsichtlich der aushäusigen Berufstätigkeit und Kinderbetreuung. Ein erheblicher Teil der jungen Frauen entspricht dem Bild der modernen Frau, die einen Beruf und Familie haben möchte, die die Vorstellung vertritt, selbst Geld verdienen zu wollen und die die Möglichkeit sieht, ein solches Frauenbild mit ihrer Religion zu vereinbaren. Mit diesen Ergebnissen steht die Untersuchung in Einklang mit vielen neueren Erhebungen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als weibliches Lebenskonzept von Frauen mit Migrationshintergrund beschreiben und egalitäre Strukturen auch in Migrationsfamilien ermitteln. Dieses gilt vielfach geprüft und bestätigt bereits für die Müttergeneration der von uns befragten jungen Frauen (siehe dazu Gümen/Herwartz-Emden/Westphal 1994; Kohlmann 2000, S. 299, s. auch Herwartz-Emden/Westphal 2000). Dieses ist nicht nur durch die hier vorgestellte Untersuchung sondern auch durch andere Erhebungen mittels quantitativer (s. Weiss/Wittmann-Roumi 2007, Pupeter 2000) und qualitativer Verfahren (s. Riegel 2007) für die Töchter belegt.
Die 16- bis 21-Jährigen Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund, die von uns befragt wurden, werden die Mütter von Kindern sein, die in Zukunft die deutsche Schule besuchen. Sie sind zu einem erheblichen Teil auf eine Zukunft in Deutschland ausgerichtet und sie wünschen sich (81%) eine zwei- oder mehrsprachige Erziehung ihrer Kinder. Nur 12 Prozent stellen sich eine ausschließliche oder überwiegende Erziehung in der Herkunftssprache, noch weniger (7%) überwiegend oder ausschließlich in der deutschen Sprache vor. Das Ziel einer zweisprachigen Erziehung wird von jungen Frauen genannt, die sich als selbstständig und individualistisch und von denen, die sich traditionell gebunden darstellen, es gilt für die religiös gebundenen wie auch für die ohne religiöse Bindung. In dieser Einstellung liegen die Optionen, die eine Politik in der Zuwanderungsgesellschaft aufgreifen sollte.

Literatur

Akashe-Böhme, Farideh (1997)
Mädchen zwischen den Kulturen, in: Ehlers, Johanna/Bentner, Ariane/Kowalczyk, Monika (Hg.) Mädchen zwischen den Kulturen: Anforderungen an eine interkulturelle Pädagogik. Frankfurt/Main, S. 33-46.

Baumgartner-Karabak, Andrea/Landesberger, Gisela (1978)
Die verkauften Bräute: Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien. Reinbeck.

Boos-Nünning, Ursula (2005)
Zuhause in zwei Sprachen. Sprachkompetenzen von Mädchen mit Migrationshintergrund. In: Gogolin, Ingrid/Krüger-Potratz, Marianne/Kuhs, Katharina/Neumann, Ursula/Wittek Fritz (Hrsg.): Migration und sprachliche Bildung. Münster/New York, S. 111-127.

Boos-Nünning, Ursula (2007)
Religiosität junger Musliminnen im Einwandererkontext. In: Wensierski, Hans-Jürgen von/Lübcke, Claudia (Hrsg.): Junge Muslime in Deutschland. Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen. Opladen/Farmington Hills, S. 117-134.

Boos-Nünning, Ursula/Karakaşoğlu, Yasemin (2004)
Körperbewusstsein und Sexualität bei Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund, in: Merkens, Hans/Zinnecker, Jürgen (Hg.) Jahrbuch Jugendforschung, 4. Ausgabe. Wiesbaden, S. 50-78.

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Erschienen in:
Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik, Heft 27. S. 42-60.








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Vita von Prof. Ursula Boos-Nünning