Zusammenarbeit mit Eltern nichtdeutscher Herkunft
von Regine Böhm
Regine Böhm
Elternarbeit, so haben es viele Erzieherinnen in ihrer Ausbildung gelernt, gehört neben der Arbeit mit den Kindern zu einer ihrer Hauptaufgaben. Schließlich sind Eltern „an den Entscheidungen in wesentlichen Angelegenheiten der Tageseinrichtung zu beteiligen“ (KJHG §22 Abs. 3). Leider lassen sich Eltern häufig aber nicht wie gewünscht einbeziehen, vor allem Migranten und Aussiedler nicht – zumindest erleben es Erzieherinnen häufig so. Oft kommen nur wenige zu den Elternabenden und beim Bringen der Kinder geht es manchmal so schnell, dass ein kurzes Gespräch gar nicht möglich oder erwünscht scheint.
Grundlegend in der Zusammenarbeit mit (nichtdeutschen) Eltern ist, dass Erzieherinnen sich selbst als die Verantwortlichen für die Gestaltung dieser Beziehung sehen und nicht darauf warten, dass die Eltern auf sie zugehen und Interesse an der pädagogischen Arbeit äußern. Dazu gehört z.B. als kleines Zeichen, dass sie (und nicht die Eltern) morgens die Initiative ergreifen, die Eltern ansprechen und mit Namen begrüßen, selbst wenn er schwer auszusprechen ist.
Konsequent muss von den Bedürfnissen und Erwartungen der Eltern ausgegangen und ihre Lebenssituation analysiert werden. Aus dieser Perspektive heraus werden ihnen dann Beteiligungsformen an der Arbeit in der Kita angeboten, die ihren Möglichkeiten entsprechen.
Nachfolgende Fragestellungen können dafür gerade auch im Blick auf Eltern nichtdeutscher Herkunft hilfreich sein:
• In welcher Lebenssituation befinden sich die Eltern? Wie wohnen sie, welche Arbeit haben sie, wie lange leben sie hier, wie ist ihr Aufenthaltsstatus, welche Perspektive haben sie in Deutschland u.a.m.?
• Was können und wollen sie von daher zur Gestaltung der Arbeit in der Kita beitragen?
• Welche besonderen Kompetenzen (z.B. im Blick auf Mehrsprachigkeit) können und möchten sie in den Alltag der Kita einbringen?
• Wie könnten die Erwartungen der Tageseinrichtung, sich als Eltern aktiv zu beteiligen, auf sie wirken?
• Welche (gemeinsamen) Bedürfnisse und Interessen haben Eltern deutscher und nichtdeutscher Herkunft und können daher thematisch aufgegriffen werden?
In der Regel fällt es vielen Erzieherinnen relativ leicht, sich in die Lebenssituation von deutschen Mittelschichtsfamilien hineinzudenken, weil sie sich ihnen mehr oder weniger nahe fühlen. Und tatsächlich lassen sich gerade diese Familien häufig durch die Angebotsformen der Einrichtung ansprechen. Viel schwerer aber ist es, sich in die Situation einer Familie hineinzuversetzen, die einem selbst emotional unvertraut ist und in ihren Verhaltensweisen fremd erscheint.
An einem Beispiel möchte ich zunächst aufzeigen, warum es einer zugewanderten Familie schwerfallen kann, Angebote zur Zusammenarbeit wahrzunehmen:
Familie Bernt lebt seit einem Jahr im Übergangswohnheim für russlanddeutsche Aussiedler. Sie haben zwei Kinder, 8 und 6 Jahre alt. Die Großeltern leben seit über fünf Jahren in derselben Stadt und haben ihre Tochter gedrängt, doch aus Alma Ata mit der Familie auszusiedeln. Herr Bernt hatte in seiner Heimatstadt einen guten Job als Kraftfahrer im öffentlichen Busverkehr. Frau Bernt war als Grundschullehrerin tätig. Trotzdem freuten sie sich sehr, als die Ausreise nach Deutschland endlich geklappt hat.
Sehr schnell nach ihrer Ankunft im Übergangswohnheim bekamen die beiden Kinder Plätze in einer Kindertagesstätte. Eigentlich hatten die Eltern ihre Kinder nicht in eine Einrichtung geben wollen – ihre Erfahrungen damit waren ihnen nicht in guter Erinnerung – doch schließlich waren sie froh, weil nur so beide Elternteile an einem Deutschkurs teilnehmen konnten. Sie hatten rasch bemerkt, dass ihre Deutschkenntnisse zu gering waren, um auch nur ein einfaches Alltagsgespräch führen, geschweige denn, berufstätig sein zu können. Beim Aufnahmegespräch hatte Frau Bernt nicht viel verstanden, ihr Mann war deshalb von vornherein zu Hause geblieben. Eine Frau aus dem Übergangswohnheim hatte ihr gesagt, dass die Erzieherinnen die Eltern zu Gesprächen über die Kinder einladen würden. Wollte sich die Kita etwa in ihre Erziehungsangelegenheiten einmischen?
Wenn sie doch wenigstens so viel Geld hätten, um sich anders einkleiden zu können! Frau Bernt spürt gut die abschätzigen Blicke der anderen Mütter, wenn sie ihre Kinder von der Kita abholt. Sie fühlt sich sehr unsicher und geht deshalb so schnell wie möglich wieder nach Hause.
Vor einer Woche hat Frau Bernt Bescheid vom Oberschulamt bekommen, dass ihre Grundschullehrer-Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird. Das Oberschulamt empfahl ihr, eine Erzieherinnen-Ausbildung zu machen. Dies frustriert sie sehr. Warum ist denn der Neuanfang in Deutschland so schwer? Warum gelten ihre Qualifikationen hier nicht? War in Russland wirklich alles so schlecht?
Auch Herr Bernt ist noch ohne Arbeit. Er hofft, dass er wieder als Busfahrer arbeiten kann, doch bisher konnte er nur einmal für vier Wochen eine Krankheitsvertretung machen.
Die Situation von Frau und Herrn Bernt ist also gekennzeichnet durch:
• mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache: dadurch sind sie von der deutsch sprechenden Umwelt isoliert;
• ein verletztes Selbstwertgefühl: ihre beruflichen Qualifikationen werden nicht anerkannt oder nicht gebraucht;
• ein Selbstvertrauen, das durch die Reaktionen der Gesellschaft auf ihr Anderssein ins Wanken geraten ist;
• mangelnde Erfahrung mit demokratischen Beteiligungsformen im Herkunftsland.
Die genannten Punkte: Sprachverständnis, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Erfahrung mit demokratischen Beteiligungsformen sind Voraussetzung dafür, dass Eltern sich mehr als nur mit Kuchenspenden in die Arbeit einer Tageseinrichtung einbringen, sie sind Voraussetzung für Partizipation. Dieser Begriff stammt aus der Politikwissenschaft und hat in den letzten Jahren zunehmend Eingang in den Bereich der Elementarpädagogik gefunden. Hier bezieht er sich auf die Mitwirkung und Mitgestaltung der Arbeit in der Kita. Das kann die Teilnahme an Elternabenden, Gespräche über das eigene Kind, Rückmeldung über die eigene Wahrnehmung der pädagogischen Arbeit, Beiträge zur praktischen Pädagogik in Form von Angeboten innerhalb der Gruppe oder die Bereitschaft, sich in den Elternbeirat wählen zu lassen betreffen.
Wie aber kann ein (kurzer) Austausch über das Kind stattfinden, wenn die Mutter oder der Vater Gespräche wegen mangelnder Deutschkenntnisse vermeidet? (Ähnliches Unbehagen bezüglich Gesprächen kann natürlich auch eine Erzieherin verspüren und deshalb ebenfalls Gesprächssituationen aus dem Weg gehen!) Wieso sollten Eltern, die in ihrem Herkunftsland die öffentliche Erziehung möglicherweise als Einmischung in die eigenen Vorstellungen und sich selbst als machtlos erlebt haben, Interesse an Gesprächen über das Verhalten ihres Kindes haben? Und wie kann dann eine Erzieherin vermitteln, dass sie die Eltern nicht kritisieren will, sondern mit ihnen gemeinsam einen guten Weg für das Kind suchen möchte?
Wenn Eltern also Angebote zur Zusammenarbeit nicht annehmen, so hat dies nichts mit einem prinzipiellen Desinteresse zu tun, sondern hat vielschichtige Gründe. Ihr Verhalten kann als Reaktion auf ihre aktuelle Lebenssituation begriffen und sollte deshalb verständnisvoll akzeptiert werden. Aber: Wenn Eltern sich von den Erzieherinnen in ihrer Lebensweise wertgeschätzt fühlen und Interesse an sich spüren, werden sie selbstsicherer in der Tageseinrichtung und vielleicht auch irgendwann bereit, sich mit ihren Möglichkeiten einzubringen. Es geht also nicht darum, Aussiedler oder Eltern nichtdeutscher Herkunft links liegen zu lassen, wenn sie zurückhaltend oder abwehrend auf Beteiligungsformen reagieren. Von Erzieherinnen ist vielmehr gefordert, sich einzulassen auf einen gegebenenfalls mühsamen Prozess des Aufbaus von Vertrauen. Dabei müssen sie immer wieder von Neuem auf die Familien zugehen.
Soll eine Erziehungspartnerschaft gerade auch mit Eltern nichtdeutscher Herkunft aufgebaut werden – und Partizipation von Eltern in Tageseinrichtungen bedeutet nichts anderes - , ist es notwendig, die pädagogische Arbeit von Anfang an transparent zu machen. Als erste Möglichkeit dazu bietet sich das Aufnahmegespräch an.
Das Aufnahmegespräch
Hier erfolgt in der Regel der erste intensive Kontakt zu den Eltern. Sie gewinnen einen ersten Eindruck von der Einrichtung und möchten ein Gefühl dafür entwickeln, ob sie ihr Kind den Menschen, die hier arbeiten, anvertrauen wollen und können, und sie wollen etwas über die Einrichtung erfahren. Dabei spüren die Eltern, ob sie so, wie sie sind, mit ihrem kulturellen Hintergrund in der Einrichtung wertgeschätzt werden. Die Gestaltung dieses Gespräches stellt also Weichen für die künftige Zusammenarbeit mit den Eltern.
Folgende „Checkliste“ für die Gestaltung des Gesprächs kann hierbei nützlich sein:
• Das Gespräch findet in gastlicher Atmosphäre statt, es wird etwas zu trinken angeboten. Gastlichkeit hat in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung. Sie ist ein Zeichen von Wertschätzung, die dem Gast (in diesem Fall: den Eltern) ohne Vorbedingung entgegengebracht wird. Der Gast soll sich uneingeschränkt wohl fühlen. Es gilt als unhöflich, direkt zur Sache zu kommen. Die Herstellung und Pflege einer guten Beziehung werden als notwendige Voraussetzung empfunden, um ein sachliches Anliegen besprechen zu können. Deshalb ist es gut, nicht sofort die Formalien zu erledigen, sondern zuerst eher über allgemeine Dinge zu sprechen; auch Fragen nach der Familie können zu Beginn eines Gesprächs stehen und werden als Zeichen der Anerkennung und des Respekts interpretiert. So wird eine gute Grundlage auch für die spätere Beziehung zwischen der Familie und der Tageseinrichtung gelegt.
• Eltern werden mit ihrem Namen angesprochen.
• Die Eltern bekommen eine schriftliche Kurzinformation in ihrer Muttersprache über die Einrichtung: Öffnungszeiten, Gebühren, Beschreibung der Einrichtung u.a.m.).
• Pädagogische Grundsätze werden knapp und verständlich dargelegt. Wichtig ist, auf die (Zweit)Sprachförderung einzugehen und evtl. auch leicht verständliche Informationen zum häuslichen Umgang mit Mehrsprachigkeit zu geben. Ebenso sollte auf die Erziehung zur Selbstständigkeit eingegangen werden, die abhängig von eigenen Erziehungsvorstellungen ohne Hintergrundwissen Anlass zu Missverständnissen sein kann. Schließlich gehören zu den pädagogischen Grundsätzen auch die Formen der religiösen Erziehung dazu, die in der Einrichtung gepflegt werden und die Frage, wie mit dem umgegangen wird, was in anderen Religionen wichtig ist. Oft bietet sich auch eine Illustration des Dargestellten durch Fotos an.
• Möglichkeiten der Zusammenarbeit werden beschrieben und den Eltern angeboten. Es wird nach ihren Interessen und Vorstellungen gefragt.
• Wenn von vornherein klar ist, dass große Sprachprobleme bestehen, empfiehlt sich der Einsatz eines Dolmetschers/einer Dolmetscherin. Manche Familien bringen dazu ein älteres Geschwisterkind oder eine Nachbarin mit. Das kann allerdings das offene Sprechen über die familiäre Situation oder die Entwicklungsgeschichte des Kindes beeinflussen. Unverfänglicher kann deshalb sein, wenn eine unabhängige Person übersetzt. Staatliche oder kirchliche Einrichtungen wie das Diakonische Werk, Caritas oder Ausländerberatungsstellen können hier weiterhelfen. Man sollte aber beachten:
• Auch ein Dolmetscher interpretiert. Manche Begriffe gibt es in anderen Sprachen nicht.
• Begriffe können in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutung haben. Mit dem Begriff Freiheit z.B. verbinden Menschen, die in individualistischen Kulturen aufgewachsen sind, zumeist individuelle, persönliche Entfaltung. Kollektive Kulturen verbinden damit eher die Freiheit innerhalb einer soziaIen Gruppe.
• Beim Sprechen sollte vor allem mit den Eltern Blickkontakt gehalten werden und nicht vorrangig mit der übersetzenden Person.
Bedacht werden sollte auch, dass - je nach Lebenswelt - die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner versucht sein kann, vorschnell die Autorität der Erzieherin anzuerkennen, allem zuzustimmen und nicht nachzufragen.
Eingewöhnungszeit
Allen Eltern fällt es am Anfang schwer, ihr Kind den (noch) fremden Erzieherinnen anzuvertrauen und es loszulassen. Die Hemmschwelle dabei ist natürlich noch größer, wenn man selbst und das Kind die deutsche Sprache nicht (gut) beherrscht und dadurch zusätzlich Ängste hat, wie sich das Kind zurechtfinden kann. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie mit der fremden Kultur Im Kindergarten umgegangen wird. Viele MigrantInnen erleben gesellschaftliche Ablehnung und können von daher die Befürchtung haben, dass sich Ähnliches in der Einrichtung wiederholen könnte. Eine sorgfältig durchdachte Eingewöhnungszeit, bei der die Eltern zunächst vollständig ihr Kind begleiten und es allmählich stundenweise allein lassen, hilft gerade auch denen, die selbst noch keine eigenen Kindheitserfahrungen in einer Tageseinrichtung gemacht haben, Vertrauen in die Institution aufzubauen. Hierbei sollte auch bedacht werden, dass es für die Eingewöhnung eines Kindes keine generellen Regelungen geben sollte, sondern jeweils individuelle Lösungen. Kinder spüren es, wenn ihre Eltern davon überzeugt sind, dass sie in ihrer Gruppe gut aufgehoben sind und lassen sich so beruhigter auf die neue Situation ein.
Gespräche ohne besonderen Anlass
Tür- und Angel – Gespräche sollten dazu genutzt werden, ohne besonderen Anlass aus dem Gruppenalltag zu erzählen. Ist eine sprachliche Verständigung schwierig, können z.B. Fotos oder mehrsprachige Infowände wie beim Aufnahmegespräch anschaulich Einblick in das Gruppenleben geben. Allen Eltern liegt es sehr am Herzen, zu erfahren, wie sich ihr Kind in der Einrichtung fühlt und was es erlebt. Allerdings sind nicht alle Kinder nach einem erlebnisreichen Kindergartentag so mitteilungsfreudig, wie sich das Eltern oft wünschen. Es ist deshalb vorteilhaft, wenn Erzieherinnen Eltern von sich aus und ungefragt von kleinen Begebenheiten und Erlebnissen berichten. Dadurch wird zusätzlich das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Erzieherinnen gestärkt, so dass es dann auch möglich ist, dem/der anderen unterschiedliche Ansichten und Verhaltensweisen zuzugestehen. Das ist gerade in der Arbeit mit denjenigen zugewanderten Familien grundlegend wichtig, die andere Erziehungsvorstellungen haben.
Hospitationen
Hospitationen sind eine gute Möglichkeit, gerade auch Eltern mit Problemen in der deutschen Sprache direkten Einblick in die pädagogische Arbeit zu geben. Was könnte mehr Vertrauen schaffen, als das Angebot, Erzieherinnen unmittelbar bei ihrer Arbeit mit den Kindern erleben zu können? Dabei sollte man sich klarmachen, dass es grundsätzlich keine Situation im Gruppenalltag gibt, die Eltern nicht miterleben dürften. Für Migranten, die in ihrem Heimatland die öffentliche Erziehung möglicherweise als Gegensatz und Konkurrenz zur familiären Erziehung und nicht als deren Ergänzung erlebt haben, kann dies ein entscheidender Schritt sein, der ihnen die Arbeitsweise und Ziele der Einrichtung näher bringt. Das Angebot, einfach dabei sein zu dürfen, verdeutlicht auch sehr gut, dass Eltern als Personen akzeptiert werden und gern gesehen sind.
Eltern als Experten ernst nehmen
Eltern sind Experten für ihre Kinder und ihre Familienkultur. Sie können Erzieherinnen wichtige Informationen geben, die sie für die Gestaltung der pädagogischen Praxis nutzen können, z.B. zu folgenden Fragen:
• Welche Vorlieben und Eigenheiten des Kindes sollten berücksichtigt werden, damit es sich in der Einrichtung wohl fühlt?
• Hatte das Kind traumatische Erlebnisse zu verarbeiten (Bürgerkriegsflüchtlinge!)?
• Gibt es Verhaltensregeln, die sich aus der Religionszugehörigkeit ergeben ?
• Welche Wertvorstellungen und Erziehungsziele sind den Eltern wichtig?
• Welche Sprache(n) wird in der Familie gesprochen? Sprechen Geschwisterkinder untereinander die Sprache der Eltern oder deutsch?
Es geht hier natürlich nicht um ein Aushorchen von Eltern, sondern darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, um so ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Eltern als Bündnispartner für die Bildung und Betreuung ihrer Kinder zu gewinnen. Vorausgehen sollte aber immer, dass zunächst die pädagogischen Grundsätze der Einrichtung offengelegt werden, was es dem Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin erleichtert, sich ebenfalls zu öffnen.
Eltern können aber auch direkt an der pädagogischen Arbeit in der Gruppe beteiligt werden:
• Sie können (mit Unterstützung der Erzieherin) im Stuhlkreis ein Lied in ihrer Muttersprache einführen oder es der Erzieherin zur Weitervermittlung beibringen.
• Sie können Kinderverse und –gedichte beisteuern, die den spielerischen Umgang mit fremden Sprachen fördern und den Kindern, um deren jeweilige Muttersprache es sich handelt, große Wertschätzung und Anerkennung vermitteln.
• Sie können einbezogen werden, um einer Kleingruppe ein Bilderbuch in einer der vertretenen Muttersprachen vorzulesen oder um überhaupt den Kindern verstärkt Bilderbücher nahezubringen, ein Bereich, der aus verschiedenen Gründen in vielen Einrichtungen leider nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die ihm zukommt, gerade auch, wenn Kinder mit der Zweitsprache deutsch konfrontiert werden.
Wie auch immer Eltern Gelegenheit gegeben wird, ihr (Experten)Wissen in den Alltag der Tageseinrichtung einzubringen: Die Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder werden auf diese Weise erweitert und der Kindergarten öffnet sich. Die Bereitschaft der Eltern, sich in der Einrichtung zu engagieren, ist sicher unterschiedlich groß. Das ist auch in Ordnung so. Für die eine oder andere Familie kann so ein Engagement aber ein Schritt aus der sozialen Isolation einer Flüchtlingsunterkunft oder eines Übergangswohnheimes in die Öffentlichkeit sein.
Das Engagement von Eltern sollte wie die gesamte Arbeit der Einrichtung in kurzen Berichten, die an der Infowand ausgehängt werden, für alle dokumentiert werden. Das signalisiert den Eltern Anerkennung und Wertschätzung für ihre Unterstützung der pädagogischen Arbeit. Ganz nebenbei werden dabei auch nichtdeutsche Eltern als selbstverständliche Mitgestalter der pädagogischen Arbeit sichtbar und anerkannt - für manche vielleicht eine neue Perspektive.
Hausbesuch
Hausbesuche werden oft als eine Form von Zusammenarbeit beschrieben, die gern von Eltern nichtdeutscher Herkunft angenommen wird. Bei einem Hausbesuch zeigen Erzieherinnen ein besonders ausgeprägtes Engagement. Sie verlassen die Verhaltenssicherheit, die ihnen die Einrichtung bietet. Sie werden zu Gästen, die erst herausfinden müssen, wie man sich auf diesem Terrain bewegt und verhält. Sie begeben sich damit übrigens in eine ähnliche Situation, wie sie Eltern erleben, wenn sie neu in eine Einrichtung kommen. Die Eltern dagegen verbleiben bei einem Hausbesuch in ihrem gewohnten Rahmen, der ihnen Sicherheit gibt, Sicherheit, die ihnen helfen kann, sich den Erzieherinnen gegenüber zu öffnen. Dieses besondere Engagement kann darüber hinaus gerade von nichtdeutschen Familien als Zeichen von großer Wertschätzung durch die Erzieherinnen empfunden werden. Sie erleben in der deutschen Gesellschaft leider viel Ausgrenzung und Ablehnung - und jetzt sind sie der Einrichtung so wichtig, dass die Erzieherinnen sie sogar zu Hause besuchen!
Beim Besuch von nichtdeutschen Familien sollte man sich auf mögliche ungewohnte Besonderheiten einstellen:
• Oft ist es üblich, die Schuhe auszuziehen. Ein Verstoß gegen diese Regel kann großes Unbehagen und Unverständnis bei der besuchten Familie hervorrufen.
• Wenn Essen angeboten wird, kann es sein, dass Ihnen dabei zugesehen wird und die Gastgeber selbst nichts essen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen kann es sein, dass schlichtweg nicht genug da ist, damit alle satt werden können. Der Gast aber soll das nicht wissen, sondern unbefangen zugreifen können. Er soll durch gutes Essen geehrt werden. Zum anderen ist es möglich, dass die Familie beim Gast andere Essgewohnheiten vermutet als bei sich selbst. Dadurch könnte der Gast sich irritiert und in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt fühlen. Das soll auf jeden Fall vermieden werden.
• Bei einer sehr traditionellen Rollenverteilung innerhalb der Familie kann es sein, dass die Frau sich nicht am Gespräch beteiligt, solange ihr Mann anwesend ist. Oder es ist möglich, dass der Mann sich bei Ihrer Ankunft zurückzieht, weil er es für unschicklich hält, bei einem Gespräch zwischen Frauen anwesend zu sein.
Reagiert eine Familie zögernd oder deutlich ablehnend auf das Angebot eines Hausbesuches, hat sie dafür Gründe, die selbstverständlich respektiert werden müssen. Das soll an einem Beispiel aufgezeigt werden.
Familie Mehari stammt aus Eritrea. Sie lebt in einer Sammelunterkunft und wartet darauf, dass ihr Asylantrag anerkannt wird. In der Unterkunft steht der 5-köpfigen Familie ein einziges Zimmer zur Verfügung. Die Küche muss sie sich mit fünf anderen Familien aus dem Sudan, der Türkei und dem Kosovo teilen. Es gibt häufig Streit deswegen, immer wieder ist die Küche unaufgeräumt. In Eritrea hatte der Vater eine angesehene Stellung gehabt, sie hatten ein eigenes Haus mit vier Zimmern. Als die Eltern drei ihrer Kinder in der nahegelegenen Kindertagesstätte anmelden, reagieren sie spontan sehr ablehnend auf das Angebot eines Hausbesuchs. Die Vorstellung, die Erzieherinnen in ihrem Zimmer empfangen zu müssen, berührt sie peinlich. Sie schämen sich, dass sie in solchen Verhältnissen leben müssen.
Thematischer Elterntreff
Thematischen Elternabenden oder –nachmittagen sollte eine genaue Analyse der Interessen von Eltern und Erzieherinnen vorausgehen. Nicht selten passiert es, dass eine Referentin zu einem Thema eingeladen wird, aber enttäuschend wenig Eltern kommen. Das kann neben äußeren Gründen (Eltern haben keinen Babysitter, scheuen wegen weiter Entfernung einen abendlichen Termin u.a.m.) vor allem darin begründet liegen, dass die Erzieherinnen - in der gut gemeinten Absicht, die Eltern über ein Thema, das sie für die kindliche Entwicklung für wichtig halten, zu bilden - letztendlich die Erziehungskompetenz der Eltern anzweifeln und sie eines Besseren belehren wollen. Das spüren Eltern gut – und bleiben eben weg. Ebenso wie in der situationsorientierten Planung der Arbeit mit den Kindern sollte auch in der Zusammenarbeit mit Eltern vorgegangen werden. Die alltäglichen Gesprächen mit ihnen können daraufhin analysiert werden, welche Themen in ihnen stecken: Ein wiederkehrendes Unverständnis über die Umgangsweise der Erzieherinnen mit den Kindern – sie binden den Kindern z.B. nicht die Schuhe, sondern lassen sie selbst probieren – kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Austausch über Erziehungsziele das Interesse der Eltern finden könnte. Denn gerade die Erziehung zur Selbstständigkeit kann von Migranteneltern als Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit der Erzieherinnen missverstanden werden. Ein Drängen von Eltern, dass ihre Kinder in der Einrichtung nur deutsch sprechen dürfen, kann Anlass sein, einen Austausch über den Umgang mit Mehrsprachigkeit zu initiieren. Die Einladung einer Referentin kann dabei sehr hilfreich sein, wenn sie ihre Aufgabe darin sieht, das Gespräch anzuregen und zu moderieren und Fachinformationen dann beizusteuern, wenn es die Situation erfordert und von den Teilnehmenden gewünscht wird. Übrigens ist das Thema „zweisprachige Kinder“ für Eltern deutscher Herkunft genauso interessant wie für Migranten, denn sie bewegt oft die Sorge, dass ihre Kinder bei einem hohen Anteil fremdsprachiger Kinder sprachlich zu wenig Anregungen bekommen könnten (vgl. Artikel von D. Böhm in Kiga heute 7/8 2001).
Thematische Elterngespräche können zeitlich auch ausgeweitet werden. So bietet z.B. eine Tageseinrichtung in Berlin in unregelmäßigen Abständen einen Arbeitskreis zum Thema „Interreligiöser Austausch“ an, woran christliche, muslimische und buddhistische Frauen in wechselnder Zusammensetzung teilnehmen. Geleitet wird der Kreis von einer externen (muslimischen) Moderatorin. Ein praktisches Ergebnis so einer Gruppe könnte die Erstellung eines Festkalenders für ein Kindergartenjahr sein, in dem diejenigen Feste unterschiedlicher Religionen berücksichtigt werden, die den beteiligten Frauen wichtig und umsetzbar erscheinen. In den Teilnehmerinnen könnten die Erzieherinnen auch Ansprechpartnerinnen für die Gestaltung einzelner Feste finden.
Die Einrichtung zum Gemeinwesen öffnen
Sprachliche Verständigungschwierigkeiten gelten als besonderes Problem in der Zusammenarbeit mit zugewanderten Familien und als größtes Integrationshindernis. Von politischer Seite wird gefordert, dass Migranten Deutschkurse besuchen müssten und bei der Einbürgerung werden sogar die Deutschkenntnisse der Antragsteller geprüft. Gerade Frauen haben oft keine Gelegenheit deutsch zu lernen, weil sie zu Hause angebunden sind und, wenn das Familienklima sehr traditionell geprägt ist, auch nicht allein in eine gemischtgeschlechtliche Gruppe gehen. Wenn dagegen in den Räumen einer Tageseinrichtung Deutschkurse der Volkshochschule, AWO oder einer anderen Institution angeboten werden, während die Kinder in ihrer Gruppe betreut werden, haben auch sie die Chance, durch den Erwerb der deutschen Sprache mehr am öffentlichen Leben (und sei es auch zunächst auf die Tageseinrichtung beschränkt) teilzunehmen.
Möglich ist auch, Frauen in der Tageseinrichtung einen Raum anzubieten, um gemeinsam zu nähen oder sich in ihrer Muttersprache auszutauschen.
Vielerorts können inzwischen Familien, die durch ein Kind mit dem Kindergarten verbunden sind, die Räumlichkeiten der Kita am Wochenende für Familienfeiern nutzen. Vom Stuttgarter Jugendamt z.B. gibt es eine diesbezügliche Anweisung an die städtischen Tageseinrichtungen. Damit wird ebenfalls die Lebenswirklichkeit vieler zugewanderter Familien, die oft in beengten Wohnverhältnissen leben, berücksichtigt. Und es ist ein Zeichen dafür, dass sie in der Tageseinrichtung wertgeschätzt werden.
Sorgen von Eltern Raum geben
In nicht wenigen Großstadtkitas fühlen sich Eltern deutscher Herkunft in einer Minderheitenposition. Und tatsächlich sind sie es mancherorts auch. Sie haben oft besondere Fragen, Anliegen, Bedenken, die selbstverständlich ernst genommen werden müssen.
Eine große Sorge von Eltern ist, dass ihre Kinder durch einen hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft einen schlechten Schulstart haben könnten, weil sie sprachlich zu wenig Anregung bekämen (dies ist eine Sorge, die Eltern deutscher wie nichtdeutscher Herkunft teilen, wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive).
Wichtig dabei ist, dass Eltern ihre Bedenken ausdrücken dürfen.
In einem zweiten Schritt könnte es ihnen helfen, wenn ihnen das (interkulturelle) Erziehungskonzept der Einrichtung erläutert wird und sie nachvollziehen können, welches (Allgemein)Wissen Kinder in einer bunt gemischten Einrichtung erwerben können, z.B.:
• Es gibt Menschen unterschiedlichen Aussehens, mit denen sich genauso gut oder schlecht auskommen lässt wie mit allen anderen auch.
• Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das (Familien)Leben zu gestalten, was unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringt.
• Die Kinder bekommen ein Bewusstsein davon, dass es verschiedene Sprachen gibt.
• Sie erfahren, dass Unterschiedlichkeit wertgeschätzt und anerkannt wird. Sie lernen, sich gegenseitig zu befragen.
• Es gibt unterschiedliche religiöse Überzeugungen, die den Menschen jeweils viel bedeuten können.
Dieses Wissen erwerben die Kinder nicht theoretisch, sondern sie erfahren es im lebendigen Miteinander und verbinden damit emotional wichtige Situationen. Sie erwerben somit auch elementare Verhaltensweisen und Einstellungen für ein friedliches Leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Wie wichtig solche sog. interkulturellen Kompetenzen sind, lässt sich auch daran erkennen, dass in der Zwischenzeit immer mehr Firmen diese Fähigkeiten als Einstellungskriterium berücksichtigen. Möglicherweise lassen sich Eltern anregen, sich in ähnliche Lernprozesse zu begeben wie ihre Kinder. Dies kann dann erreicht werden, wenn sie sich grundsätzlich akzeptiert und wertgeschätzt fühlen und dies im Gespräch mit den Erzieherinnen und in gemeinsamen Veranstaltungen für und mit anderen Eltern erfahren.
Wenn das gelingt, wird sich die Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Eltern nicht nur fördernd auf die Entwicklung der Kinder in der Einrichtung auswirken, sondern auch positiv auf das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft im Stadtteil ausstrahlen.
Grundlegend in der Zusammenarbeit mit (nichtdeutschen) Eltern ist, dass Erzieherinnen sich selbst als die Verantwortlichen für die Gestaltung dieser Beziehung sehen und nicht darauf warten, dass die Eltern auf sie zugehen und Interesse an der pädagogischen Arbeit äußern. Dazu gehört z.B. als kleines Zeichen, dass sie (und nicht die Eltern) morgens die Initiative ergreifen, die Eltern ansprechen und mit Namen begrüßen, selbst wenn er schwer auszusprechen ist.
Konsequent muss von den Bedürfnissen und Erwartungen der Eltern ausgegangen und ihre Lebenssituation analysiert werden. Aus dieser Perspektive heraus werden ihnen dann Beteiligungsformen an der Arbeit in der Kita angeboten, die ihren Möglichkeiten entsprechen.
Nachfolgende Fragestellungen können dafür gerade auch im Blick auf Eltern nichtdeutscher Herkunft hilfreich sein:
• In welcher Lebenssituation befinden sich die Eltern? Wie wohnen sie, welche Arbeit haben sie, wie lange leben sie hier, wie ist ihr Aufenthaltsstatus, welche Perspektive haben sie in Deutschland u.a.m.?
• Was können und wollen sie von daher zur Gestaltung der Arbeit in der Kita beitragen?
• Welche besonderen Kompetenzen (z.B. im Blick auf Mehrsprachigkeit) können und möchten sie in den Alltag der Kita einbringen?
• Wie könnten die Erwartungen der Tageseinrichtung, sich als Eltern aktiv zu beteiligen, auf sie wirken?
• Welche (gemeinsamen) Bedürfnisse und Interessen haben Eltern deutscher und nichtdeutscher Herkunft und können daher thematisch aufgegriffen werden?
In der Regel fällt es vielen Erzieherinnen relativ leicht, sich in die Lebenssituation von deutschen Mittelschichtsfamilien hineinzudenken, weil sie sich ihnen mehr oder weniger nahe fühlen. Und tatsächlich lassen sich gerade diese Familien häufig durch die Angebotsformen der Einrichtung ansprechen. Viel schwerer aber ist es, sich in die Situation einer Familie hineinzuversetzen, die einem selbst emotional unvertraut ist und in ihren Verhaltensweisen fremd erscheint.
An einem Beispiel möchte ich zunächst aufzeigen, warum es einer zugewanderten Familie schwerfallen kann, Angebote zur Zusammenarbeit wahrzunehmen:
Familie Bernt lebt seit einem Jahr im Übergangswohnheim für russlanddeutsche Aussiedler. Sie haben zwei Kinder, 8 und 6 Jahre alt. Die Großeltern leben seit über fünf Jahren in derselben Stadt und haben ihre Tochter gedrängt, doch aus Alma Ata mit der Familie auszusiedeln. Herr Bernt hatte in seiner Heimatstadt einen guten Job als Kraftfahrer im öffentlichen Busverkehr. Frau Bernt war als Grundschullehrerin tätig. Trotzdem freuten sie sich sehr, als die Ausreise nach Deutschland endlich geklappt hat.
Sehr schnell nach ihrer Ankunft im Übergangswohnheim bekamen die beiden Kinder Plätze in einer Kindertagesstätte. Eigentlich hatten die Eltern ihre Kinder nicht in eine Einrichtung geben wollen – ihre Erfahrungen damit waren ihnen nicht in guter Erinnerung – doch schließlich waren sie froh, weil nur so beide Elternteile an einem Deutschkurs teilnehmen konnten. Sie hatten rasch bemerkt, dass ihre Deutschkenntnisse zu gering waren, um auch nur ein einfaches Alltagsgespräch führen, geschweige denn, berufstätig sein zu können. Beim Aufnahmegespräch hatte Frau Bernt nicht viel verstanden, ihr Mann war deshalb von vornherein zu Hause geblieben. Eine Frau aus dem Übergangswohnheim hatte ihr gesagt, dass die Erzieherinnen die Eltern zu Gesprächen über die Kinder einladen würden. Wollte sich die Kita etwa in ihre Erziehungsangelegenheiten einmischen?
Wenn sie doch wenigstens so viel Geld hätten, um sich anders einkleiden zu können! Frau Bernt spürt gut die abschätzigen Blicke der anderen Mütter, wenn sie ihre Kinder von der Kita abholt. Sie fühlt sich sehr unsicher und geht deshalb so schnell wie möglich wieder nach Hause.
Vor einer Woche hat Frau Bernt Bescheid vom Oberschulamt bekommen, dass ihre Grundschullehrer-Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird. Das Oberschulamt empfahl ihr, eine Erzieherinnen-Ausbildung zu machen. Dies frustriert sie sehr. Warum ist denn der Neuanfang in Deutschland so schwer? Warum gelten ihre Qualifikationen hier nicht? War in Russland wirklich alles so schlecht?
Auch Herr Bernt ist noch ohne Arbeit. Er hofft, dass er wieder als Busfahrer arbeiten kann, doch bisher konnte er nur einmal für vier Wochen eine Krankheitsvertretung machen.
Die Situation von Frau und Herrn Bernt ist also gekennzeichnet durch:
• mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache: dadurch sind sie von der deutsch sprechenden Umwelt isoliert;
• ein verletztes Selbstwertgefühl: ihre beruflichen Qualifikationen werden nicht anerkannt oder nicht gebraucht;
• ein Selbstvertrauen, das durch die Reaktionen der Gesellschaft auf ihr Anderssein ins Wanken geraten ist;
• mangelnde Erfahrung mit demokratischen Beteiligungsformen im Herkunftsland.
Die genannten Punkte: Sprachverständnis, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Erfahrung mit demokratischen Beteiligungsformen sind Voraussetzung dafür, dass Eltern sich mehr als nur mit Kuchenspenden in die Arbeit einer Tageseinrichtung einbringen, sie sind Voraussetzung für Partizipation. Dieser Begriff stammt aus der Politikwissenschaft und hat in den letzten Jahren zunehmend Eingang in den Bereich der Elementarpädagogik gefunden. Hier bezieht er sich auf die Mitwirkung und Mitgestaltung der Arbeit in der Kita. Das kann die Teilnahme an Elternabenden, Gespräche über das eigene Kind, Rückmeldung über die eigene Wahrnehmung der pädagogischen Arbeit, Beiträge zur praktischen Pädagogik in Form von Angeboten innerhalb der Gruppe oder die Bereitschaft, sich in den Elternbeirat wählen zu lassen betreffen.
Wie aber kann ein (kurzer) Austausch über das Kind stattfinden, wenn die Mutter oder der Vater Gespräche wegen mangelnder Deutschkenntnisse vermeidet? (Ähnliches Unbehagen bezüglich Gesprächen kann natürlich auch eine Erzieherin verspüren und deshalb ebenfalls Gesprächssituationen aus dem Weg gehen!) Wieso sollten Eltern, die in ihrem Herkunftsland die öffentliche Erziehung möglicherweise als Einmischung in die eigenen Vorstellungen und sich selbst als machtlos erlebt haben, Interesse an Gesprächen über das Verhalten ihres Kindes haben? Und wie kann dann eine Erzieherin vermitteln, dass sie die Eltern nicht kritisieren will, sondern mit ihnen gemeinsam einen guten Weg für das Kind suchen möchte?
Wenn Eltern also Angebote zur Zusammenarbeit nicht annehmen, so hat dies nichts mit einem prinzipiellen Desinteresse zu tun, sondern hat vielschichtige Gründe. Ihr Verhalten kann als Reaktion auf ihre aktuelle Lebenssituation begriffen und sollte deshalb verständnisvoll akzeptiert werden. Aber: Wenn Eltern sich von den Erzieherinnen in ihrer Lebensweise wertgeschätzt fühlen und Interesse an sich spüren, werden sie selbstsicherer in der Tageseinrichtung und vielleicht auch irgendwann bereit, sich mit ihren Möglichkeiten einzubringen. Es geht also nicht darum, Aussiedler oder Eltern nichtdeutscher Herkunft links liegen zu lassen, wenn sie zurückhaltend oder abwehrend auf Beteiligungsformen reagieren. Von Erzieherinnen ist vielmehr gefordert, sich einzulassen auf einen gegebenenfalls mühsamen Prozess des Aufbaus von Vertrauen. Dabei müssen sie immer wieder von Neuem auf die Familien zugehen.
Soll eine Erziehungspartnerschaft gerade auch mit Eltern nichtdeutscher Herkunft aufgebaut werden – und Partizipation von Eltern in Tageseinrichtungen bedeutet nichts anderes - , ist es notwendig, die pädagogische Arbeit von Anfang an transparent zu machen. Als erste Möglichkeit dazu bietet sich das Aufnahmegespräch an.
Das Aufnahmegespräch
Hier erfolgt in der Regel der erste intensive Kontakt zu den Eltern. Sie gewinnen einen ersten Eindruck von der Einrichtung und möchten ein Gefühl dafür entwickeln, ob sie ihr Kind den Menschen, die hier arbeiten, anvertrauen wollen und können, und sie wollen etwas über die Einrichtung erfahren. Dabei spüren die Eltern, ob sie so, wie sie sind, mit ihrem kulturellen Hintergrund in der Einrichtung wertgeschätzt werden. Die Gestaltung dieses Gespräches stellt also Weichen für die künftige Zusammenarbeit mit den Eltern.
Folgende „Checkliste“ für die Gestaltung des Gesprächs kann hierbei nützlich sein:
• Das Gespräch findet in gastlicher Atmosphäre statt, es wird etwas zu trinken angeboten. Gastlichkeit hat in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung. Sie ist ein Zeichen von Wertschätzung, die dem Gast (in diesem Fall: den Eltern) ohne Vorbedingung entgegengebracht wird. Der Gast soll sich uneingeschränkt wohl fühlen. Es gilt als unhöflich, direkt zur Sache zu kommen. Die Herstellung und Pflege einer guten Beziehung werden als notwendige Voraussetzung empfunden, um ein sachliches Anliegen besprechen zu können. Deshalb ist es gut, nicht sofort die Formalien zu erledigen, sondern zuerst eher über allgemeine Dinge zu sprechen; auch Fragen nach der Familie können zu Beginn eines Gesprächs stehen und werden als Zeichen der Anerkennung und des Respekts interpretiert. So wird eine gute Grundlage auch für die spätere Beziehung zwischen der Familie und der Tageseinrichtung gelegt.
• Eltern werden mit ihrem Namen angesprochen.
• Die Eltern bekommen eine schriftliche Kurzinformation in ihrer Muttersprache über die Einrichtung: Öffnungszeiten, Gebühren, Beschreibung der Einrichtung u.a.m.).
• Pädagogische Grundsätze werden knapp und verständlich dargelegt. Wichtig ist, auf die (Zweit)Sprachförderung einzugehen und evtl. auch leicht verständliche Informationen zum häuslichen Umgang mit Mehrsprachigkeit zu geben. Ebenso sollte auf die Erziehung zur Selbstständigkeit eingegangen werden, die abhängig von eigenen Erziehungsvorstellungen ohne Hintergrundwissen Anlass zu Missverständnissen sein kann. Schließlich gehören zu den pädagogischen Grundsätzen auch die Formen der religiösen Erziehung dazu, die in der Einrichtung gepflegt werden und die Frage, wie mit dem umgegangen wird, was in anderen Religionen wichtig ist. Oft bietet sich auch eine Illustration des Dargestellten durch Fotos an.
• Möglichkeiten der Zusammenarbeit werden beschrieben und den Eltern angeboten. Es wird nach ihren Interessen und Vorstellungen gefragt.
• Wenn von vornherein klar ist, dass große Sprachprobleme bestehen, empfiehlt sich der Einsatz eines Dolmetschers/einer Dolmetscherin. Manche Familien bringen dazu ein älteres Geschwisterkind oder eine Nachbarin mit. Das kann allerdings das offene Sprechen über die familiäre Situation oder die Entwicklungsgeschichte des Kindes beeinflussen. Unverfänglicher kann deshalb sein, wenn eine unabhängige Person übersetzt. Staatliche oder kirchliche Einrichtungen wie das Diakonische Werk, Caritas oder Ausländerberatungsstellen können hier weiterhelfen. Man sollte aber beachten:
• Auch ein Dolmetscher interpretiert. Manche Begriffe gibt es in anderen Sprachen nicht.
• Begriffe können in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutung haben. Mit dem Begriff Freiheit z.B. verbinden Menschen, die in individualistischen Kulturen aufgewachsen sind, zumeist individuelle, persönliche Entfaltung. Kollektive Kulturen verbinden damit eher die Freiheit innerhalb einer soziaIen Gruppe.
• Beim Sprechen sollte vor allem mit den Eltern Blickkontakt gehalten werden und nicht vorrangig mit der übersetzenden Person.
Bedacht werden sollte auch, dass - je nach Lebenswelt - die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner versucht sein kann, vorschnell die Autorität der Erzieherin anzuerkennen, allem zuzustimmen und nicht nachzufragen.
Eingewöhnungszeit
Allen Eltern fällt es am Anfang schwer, ihr Kind den (noch) fremden Erzieherinnen anzuvertrauen und es loszulassen. Die Hemmschwelle dabei ist natürlich noch größer, wenn man selbst und das Kind die deutsche Sprache nicht (gut) beherrscht und dadurch zusätzlich Ängste hat, wie sich das Kind zurechtfinden kann. Hinzu kommt die Unsicherheit, wie mit der fremden Kultur Im Kindergarten umgegangen wird. Viele MigrantInnen erleben gesellschaftliche Ablehnung und können von daher die Befürchtung haben, dass sich Ähnliches in der Einrichtung wiederholen könnte. Eine sorgfältig durchdachte Eingewöhnungszeit, bei der die Eltern zunächst vollständig ihr Kind begleiten und es allmählich stundenweise allein lassen, hilft gerade auch denen, die selbst noch keine eigenen Kindheitserfahrungen in einer Tageseinrichtung gemacht haben, Vertrauen in die Institution aufzubauen. Hierbei sollte auch bedacht werden, dass es für die Eingewöhnung eines Kindes keine generellen Regelungen geben sollte, sondern jeweils individuelle Lösungen. Kinder spüren es, wenn ihre Eltern davon überzeugt sind, dass sie in ihrer Gruppe gut aufgehoben sind und lassen sich so beruhigter auf die neue Situation ein.
Gespräche ohne besonderen Anlass
Tür- und Angel – Gespräche sollten dazu genutzt werden, ohne besonderen Anlass aus dem Gruppenalltag zu erzählen. Ist eine sprachliche Verständigung schwierig, können z.B. Fotos oder mehrsprachige Infowände wie beim Aufnahmegespräch anschaulich Einblick in das Gruppenleben geben. Allen Eltern liegt es sehr am Herzen, zu erfahren, wie sich ihr Kind in der Einrichtung fühlt und was es erlebt. Allerdings sind nicht alle Kinder nach einem erlebnisreichen Kindergartentag so mitteilungsfreudig, wie sich das Eltern oft wünschen. Es ist deshalb vorteilhaft, wenn Erzieherinnen Eltern von sich aus und ungefragt von kleinen Begebenheiten und Erlebnissen berichten. Dadurch wird zusätzlich das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Erzieherinnen gestärkt, so dass es dann auch möglich ist, dem/der anderen unterschiedliche Ansichten und Verhaltensweisen zuzugestehen. Das ist gerade in der Arbeit mit denjenigen zugewanderten Familien grundlegend wichtig, die andere Erziehungsvorstellungen haben.
Hospitationen
Hospitationen sind eine gute Möglichkeit, gerade auch Eltern mit Problemen in der deutschen Sprache direkten Einblick in die pädagogische Arbeit zu geben. Was könnte mehr Vertrauen schaffen, als das Angebot, Erzieherinnen unmittelbar bei ihrer Arbeit mit den Kindern erleben zu können? Dabei sollte man sich klarmachen, dass es grundsätzlich keine Situation im Gruppenalltag gibt, die Eltern nicht miterleben dürften. Für Migranten, die in ihrem Heimatland die öffentliche Erziehung möglicherweise als Gegensatz und Konkurrenz zur familiären Erziehung und nicht als deren Ergänzung erlebt haben, kann dies ein entscheidender Schritt sein, der ihnen die Arbeitsweise und Ziele der Einrichtung näher bringt. Das Angebot, einfach dabei sein zu dürfen, verdeutlicht auch sehr gut, dass Eltern als Personen akzeptiert werden und gern gesehen sind.
Eltern als Experten ernst nehmen
Eltern sind Experten für ihre Kinder und ihre Familienkultur. Sie können Erzieherinnen wichtige Informationen geben, die sie für die Gestaltung der pädagogischen Praxis nutzen können, z.B. zu folgenden Fragen:
• Welche Vorlieben und Eigenheiten des Kindes sollten berücksichtigt werden, damit es sich in der Einrichtung wohl fühlt?
• Hatte das Kind traumatische Erlebnisse zu verarbeiten (Bürgerkriegsflüchtlinge!)?
• Gibt es Verhaltensregeln, die sich aus der Religionszugehörigkeit ergeben ?
• Welche Wertvorstellungen und Erziehungsziele sind den Eltern wichtig?
• Welche Sprache(n) wird in der Familie gesprochen? Sprechen Geschwisterkinder untereinander die Sprache der Eltern oder deutsch?
Es geht hier natürlich nicht um ein Aushorchen von Eltern, sondern darum, miteinander ins Gespräch zu kommen, um so ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die Eltern als Bündnispartner für die Bildung und Betreuung ihrer Kinder zu gewinnen. Vorausgehen sollte aber immer, dass zunächst die pädagogischen Grundsätze der Einrichtung offengelegt werden, was es dem Gesprächspartner/der Gesprächspartnerin erleichtert, sich ebenfalls zu öffnen.
Eltern können aber auch direkt an der pädagogischen Arbeit in der Gruppe beteiligt werden:
• Sie können (mit Unterstützung der Erzieherin) im Stuhlkreis ein Lied in ihrer Muttersprache einführen oder es der Erzieherin zur Weitervermittlung beibringen.
• Sie können Kinderverse und –gedichte beisteuern, die den spielerischen Umgang mit fremden Sprachen fördern und den Kindern, um deren jeweilige Muttersprache es sich handelt, große Wertschätzung und Anerkennung vermitteln.
• Sie können einbezogen werden, um einer Kleingruppe ein Bilderbuch in einer der vertretenen Muttersprachen vorzulesen oder um überhaupt den Kindern verstärkt Bilderbücher nahezubringen, ein Bereich, der aus verschiedenen Gründen in vielen Einrichtungen leider nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die ihm zukommt, gerade auch, wenn Kinder mit der Zweitsprache deutsch konfrontiert werden.
Wie auch immer Eltern Gelegenheit gegeben wird, ihr (Experten)Wissen in den Alltag der Tageseinrichtung einzubringen: Die Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten der Kinder werden auf diese Weise erweitert und der Kindergarten öffnet sich. Die Bereitschaft der Eltern, sich in der Einrichtung zu engagieren, ist sicher unterschiedlich groß. Das ist auch in Ordnung so. Für die eine oder andere Familie kann so ein Engagement aber ein Schritt aus der sozialen Isolation einer Flüchtlingsunterkunft oder eines Übergangswohnheimes in die Öffentlichkeit sein.
Das Engagement von Eltern sollte wie die gesamte Arbeit der Einrichtung in kurzen Berichten, die an der Infowand ausgehängt werden, für alle dokumentiert werden. Das signalisiert den Eltern Anerkennung und Wertschätzung für ihre Unterstützung der pädagogischen Arbeit. Ganz nebenbei werden dabei auch nichtdeutsche Eltern als selbstverständliche Mitgestalter der pädagogischen Arbeit sichtbar und anerkannt - für manche vielleicht eine neue Perspektive.
Hausbesuch
Hausbesuche werden oft als eine Form von Zusammenarbeit beschrieben, die gern von Eltern nichtdeutscher Herkunft angenommen wird. Bei einem Hausbesuch zeigen Erzieherinnen ein besonders ausgeprägtes Engagement. Sie verlassen die Verhaltenssicherheit, die ihnen die Einrichtung bietet. Sie werden zu Gästen, die erst herausfinden müssen, wie man sich auf diesem Terrain bewegt und verhält. Sie begeben sich damit übrigens in eine ähnliche Situation, wie sie Eltern erleben, wenn sie neu in eine Einrichtung kommen. Die Eltern dagegen verbleiben bei einem Hausbesuch in ihrem gewohnten Rahmen, der ihnen Sicherheit gibt, Sicherheit, die ihnen helfen kann, sich den Erzieherinnen gegenüber zu öffnen. Dieses besondere Engagement kann darüber hinaus gerade von nichtdeutschen Familien als Zeichen von großer Wertschätzung durch die Erzieherinnen empfunden werden. Sie erleben in der deutschen Gesellschaft leider viel Ausgrenzung und Ablehnung - und jetzt sind sie der Einrichtung so wichtig, dass die Erzieherinnen sie sogar zu Hause besuchen!
Beim Besuch von nichtdeutschen Familien sollte man sich auf mögliche ungewohnte Besonderheiten einstellen:
• Oft ist es üblich, die Schuhe auszuziehen. Ein Verstoß gegen diese Regel kann großes Unbehagen und Unverständnis bei der besuchten Familie hervorrufen.
• Wenn Essen angeboten wird, kann es sein, dass Ihnen dabei zugesehen wird und die Gastgeber selbst nichts essen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen kann es sein, dass schlichtweg nicht genug da ist, damit alle satt werden können. Der Gast aber soll das nicht wissen, sondern unbefangen zugreifen können. Er soll durch gutes Essen geehrt werden. Zum anderen ist es möglich, dass die Familie beim Gast andere Essgewohnheiten vermutet als bei sich selbst. Dadurch könnte der Gast sich irritiert und in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt fühlen. Das soll auf jeden Fall vermieden werden.
• Bei einer sehr traditionellen Rollenverteilung innerhalb der Familie kann es sein, dass die Frau sich nicht am Gespräch beteiligt, solange ihr Mann anwesend ist. Oder es ist möglich, dass der Mann sich bei Ihrer Ankunft zurückzieht, weil er es für unschicklich hält, bei einem Gespräch zwischen Frauen anwesend zu sein.
Reagiert eine Familie zögernd oder deutlich ablehnend auf das Angebot eines Hausbesuches, hat sie dafür Gründe, die selbstverständlich respektiert werden müssen. Das soll an einem Beispiel aufgezeigt werden.
Familie Mehari stammt aus Eritrea. Sie lebt in einer Sammelunterkunft und wartet darauf, dass ihr Asylantrag anerkannt wird. In der Unterkunft steht der 5-köpfigen Familie ein einziges Zimmer zur Verfügung. Die Küche muss sie sich mit fünf anderen Familien aus dem Sudan, der Türkei und dem Kosovo teilen. Es gibt häufig Streit deswegen, immer wieder ist die Küche unaufgeräumt. In Eritrea hatte der Vater eine angesehene Stellung gehabt, sie hatten ein eigenes Haus mit vier Zimmern. Als die Eltern drei ihrer Kinder in der nahegelegenen Kindertagesstätte anmelden, reagieren sie spontan sehr ablehnend auf das Angebot eines Hausbesuchs. Die Vorstellung, die Erzieherinnen in ihrem Zimmer empfangen zu müssen, berührt sie peinlich. Sie schämen sich, dass sie in solchen Verhältnissen leben müssen.
Thematischer Elterntreff
Thematischen Elternabenden oder –nachmittagen sollte eine genaue Analyse der Interessen von Eltern und Erzieherinnen vorausgehen. Nicht selten passiert es, dass eine Referentin zu einem Thema eingeladen wird, aber enttäuschend wenig Eltern kommen. Das kann neben äußeren Gründen (Eltern haben keinen Babysitter, scheuen wegen weiter Entfernung einen abendlichen Termin u.a.m.) vor allem darin begründet liegen, dass die Erzieherinnen - in der gut gemeinten Absicht, die Eltern über ein Thema, das sie für die kindliche Entwicklung für wichtig halten, zu bilden - letztendlich die Erziehungskompetenz der Eltern anzweifeln und sie eines Besseren belehren wollen. Das spüren Eltern gut – und bleiben eben weg. Ebenso wie in der situationsorientierten Planung der Arbeit mit den Kindern sollte auch in der Zusammenarbeit mit Eltern vorgegangen werden. Die alltäglichen Gesprächen mit ihnen können daraufhin analysiert werden, welche Themen in ihnen stecken: Ein wiederkehrendes Unverständnis über die Umgangsweise der Erzieherinnen mit den Kindern – sie binden den Kindern z.B. nicht die Schuhe, sondern lassen sie selbst probieren – kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Austausch über Erziehungsziele das Interesse der Eltern finden könnte. Denn gerade die Erziehung zur Selbstständigkeit kann von Migranteneltern als Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit der Erzieherinnen missverstanden werden. Ein Drängen von Eltern, dass ihre Kinder in der Einrichtung nur deutsch sprechen dürfen, kann Anlass sein, einen Austausch über den Umgang mit Mehrsprachigkeit zu initiieren. Die Einladung einer Referentin kann dabei sehr hilfreich sein, wenn sie ihre Aufgabe darin sieht, das Gespräch anzuregen und zu moderieren und Fachinformationen dann beizusteuern, wenn es die Situation erfordert und von den Teilnehmenden gewünscht wird. Übrigens ist das Thema „zweisprachige Kinder“ für Eltern deutscher Herkunft genauso interessant wie für Migranten, denn sie bewegt oft die Sorge, dass ihre Kinder bei einem hohen Anteil fremdsprachiger Kinder sprachlich zu wenig Anregungen bekommen könnten (vgl. Artikel von D. Böhm in Kiga heute 7/8 2001).
Thematische Elterngespräche können zeitlich auch ausgeweitet werden. So bietet z.B. eine Tageseinrichtung in Berlin in unregelmäßigen Abständen einen Arbeitskreis zum Thema „Interreligiöser Austausch“ an, woran christliche, muslimische und buddhistische Frauen in wechselnder Zusammensetzung teilnehmen. Geleitet wird der Kreis von einer externen (muslimischen) Moderatorin. Ein praktisches Ergebnis so einer Gruppe könnte die Erstellung eines Festkalenders für ein Kindergartenjahr sein, in dem diejenigen Feste unterschiedlicher Religionen berücksichtigt werden, die den beteiligten Frauen wichtig und umsetzbar erscheinen. In den Teilnehmerinnen könnten die Erzieherinnen auch Ansprechpartnerinnen für die Gestaltung einzelner Feste finden.
Die Einrichtung zum Gemeinwesen öffnen
Sprachliche Verständigungschwierigkeiten gelten als besonderes Problem in der Zusammenarbeit mit zugewanderten Familien und als größtes Integrationshindernis. Von politischer Seite wird gefordert, dass Migranten Deutschkurse besuchen müssten und bei der Einbürgerung werden sogar die Deutschkenntnisse der Antragsteller geprüft. Gerade Frauen haben oft keine Gelegenheit deutsch zu lernen, weil sie zu Hause angebunden sind und, wenn das Familienklima sehr traditionell geprägt ist, auch nicht allein in eine gemischtgeschlechtliche Gruppe gehen. Wenn dagegen in den Räumen einer Tageseinrichtung Deutschkurse der Volkshochschule, AWO oder einer anderen Institution angeboten werden, während die Kinder in ihrer Gruppe betreut werden, haben auch sie die Chance, durch den Erwerb der deutschen Sprache mehr am öffentlichen Leben (und sei es auch zunächst auf die Tageseinrichtung beschränkt) teilzunehmen.
Möglich ist auch, Frauen in der Tageseinrichtung einen Raum anzubieten, um gemeinsam zu nähen oder sich in ihrer Muttersprache auszutauschen.
Vielerorts können inzwischen Familien, die durch ein Kind mit dem Kindergarten verbunden sind, die Räumlichkeiten der Kita am Wochenende für Familienfeiern nutzen. Vom Stuttgarter Jugendamt z.B. gibt es eine diesbezügliche Anweisung an die städtischen Tageseinrichtungen. Damit wird ebenfalls die Lebenswirklichkeit vieler zugewanderter Familien, die oft in beengten Wohnverhältnissen leben, berücksichtigt. Und es ist ein Zeichen dafür, dass sie in der Tageseinrichtung wertgeschätzt werden.
Sorgen von Eltern Raum geben
In nicht wenigen Großstadtkitas fühlen sich Eltern deutscher Herkunft in einer Minderheitenposition. Und tatsächlich sind sie es mancherorts auch. Sie haben oft besondere Fragen, Anliegen, Bedenken, die selbstverständlich ernst genommen werden müssen.
Eine große Sorge von Eltern ist, dass ihre Kinder durch einen hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft einen schlechten Schulstart haben könnten, weil sie sprachlich zu wenig Anregung bekämen (dies ist eine Sorge, die Eltern deutscher wie nichtdeutscher Herkunft teilen, wenn auch aus unterschiedlicher Perspektive).
Wichtig dabei ist, dass Eltern ihre Bedenken ausdrücken dürfen.
In einem zweiten Schritt könnte es ihnen helfen, wenn ihnen das (interkulturelle) Erziehungskonzept der Einrichtung erläutert wird und sie nachvollziehen können, welches (Allgemein)Wissen Kinder in einer bunt gemischten Einrichtung erwerben können, z.B.:
• Es gibt Menschen unterschiedlichen Aussehens, mit denen sich genauso gut oder schlecht auskommen lässt wie mit allen anderen auch.
• Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das (Familien)Leben zu gestalten, was unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringt.
• Die Kinder bekommen ein Bewusstsein davon, dass es verschiedene Sprachen gibt.
• Sie erfahren, dass Unterschiedlichkeit wertgeschätzt und anerkannt wird. Sie lernen, sich gegenseitig zu befragen.
• Es gibt unterschiedliche religiöse Überzeugungen, die den Menschen jeweils viel bedeuten können.
Dieses Wissen erwerben die Kinder nicht theoretisch, sondern sie erfahren es im lebendigen Miteinander und verbinden damit emotional wichtige Situationen. Sie erwerben somit auch elementare Verhaltensweisen und Einstellungen für ein friedliches Leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Wie wichtig solche sog. interkulturellen Kompetenzen sind, lässt sich auch daran erkennen, dass in der Zwischenzeit immer mehr Firmen diese Fähigkeiten als Einstellungskriterium berücksichtigen. Möglicherweise lassen sich Eltern anregen, sich in ähnliche Lernprozesse zu begeben wie ihre Kinder. Dies kann dann erreicht werden, wenn sie sich grundsätzlich akzeptiert und wertgeschätzt fühlen und dies im Gespräch mit den Erzieherinnen und in gemeinsamen Veranstaltungen für und mit anderen Eltern erfahren.
Wenn das gelingt, wird sich die Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Eltern nicht nur fördernd auf die Entwicklung der Kinder in der Einrichtung auswirken, sondern auch positiv auf das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft im Stadtteil ausstrahlen.
Literatur:
Ausländerbeirat der Stadt Freiburg (Hg): Kinder sind Bürger einer Welt. Freiburg 1996
Böhm/Böhm/Deiss-Niethammer: Handbuch Interkulturelles Lernen. Theorie und Praxis für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Freiburg 1999
Klein, Lothar: Neue Wege in der Elternarbeit (1) – (5). In: Kindergarten heute 1/98 – 5/98
Kronberger Kreis für Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen: Qualität im Dialog entwickeln. Seelze 1998
Verband Kath. Tageseinrichtungen (Hg): Vielfalt bereichert. Freiburg 1999

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