"Nicht den Menschen Fisch zum Essen geben, sondern ihnen das Fischen beibringen".

Seit 1999 gibt es die Föderation türkischer Elternvereine Nordrhein-Westfalens, mit 43 Mitgliedsorganisationen. Ihr Vorsitzender, Kadir Dağlar, und Erol Çelik, der die Föderation im Vorstand des Elternnetzwerks NRW vertritt, geben Auskunft über das Engagement der Föderation und die Ziele des Elternnetzwerkes.

Donja Amirpur (Vielfalt gestalten): Was sind die Ziele und Aufgaben der Föderation, Herr Dağlar?
Dağlar: Das Ziel der Föderation ist zum einen, vorhandene Elternvereine zu organisieren und zu stärken. Kern der Arbeit ist aber, die Eltern zu unterstützen, damit sie die Kinder begleiten können. Die Kinder sollen die Zukunftsaufgaben dieser Gesellschaft wahrnehmen können. Uns geht es um die schulische Integration unserer Kinder in diesem Lande. Unsere Kinder sind überproportional in Haupt und Förderschulen vertreten.

Amirpur: Wie setzen Sie Ihre Ziele um?
Dağlar: Seit sechs Jahren veranstalten wir Elternakademien. Denn unsere Erfahrung ist, dass Eltern eine kontinuierliche Begleitung in Bildungs- und Erziehungsfragen brauchen, um am Ball zu bleiben. Sonst können sie ihre Kinder in ihren Bildungswegen nicht richtig unterstützen. Viele Familien sind Arbeiterfamilien. Sie müssen gestärkt werden. Die PISA-Studien haben uns gezeigt, wie wichtig die Rolle des Elternhauses beim Bildungsweg der Kinder ist.
Die Philosophie der Föderation lautet: „Nicht den Menschen Fisch zum Essen geben, sondern ihnen das Fischen beibringen.“

Kadir Dağlar, Vorsitzender der Föderation türkischer Elternvereine NRW

Amirpur: Welche Leute engagieren sich in den Elternvereinen. Wo kommen sie her?
Dağlar: Viele türkische Eltern sind an einer guten Ausbildung ihrer Kinder interessiert. Sie wollen, dass es ihren Kindern besser geht und dass sie studieren aber sie wissen nicht, wie sie am besten ihre Kinder unterstützen sollen. In der Föderation türkischer Elternverein sind uns alle Eltern willkommen. Parteipolitisch und religiös sind wir unabhängig. Das ist unsere Philosophie.

Amirpur: Die Förderation der türkischen Elternvereine ist Mitbegründer des Elternnetzwerks NRW im Sommer letzten Jahres. 130 Mitglieder zählt mittlerweile der Zusammenschluss. Mit welchem Ziel haben sich Migrantenorganisationen und Bildungsinitiativen, die sich für Einwandererkinder einsetzen, zusammengeschlossen?
Çelik: Bei einem Kongress im Jahr 2004 haben wir festgestellt, dass die Elternvereine sich einen regelmäßigen Austausch wünschen. So haben wir eine Vernetzung in die Wege geleitet und haben 2005 dann mit der Planung eines Netzwerkes begonnen, Ideengeber war der damalige Integrationsbeauftragte Dr. Levringhausen. Sein Nachfolger, Herr Kufen, hat die Idee schließlich übernommen und weiterentwickelt. Er ist heute Schirmherr des Netzwerkes.

Erol Çelik, Vorstandsmitglied des Elternnetzwerks NRW

Amirpur: Was ist der Arbeitsschwerpunkt des Elternetzwerks?
Çelik: Informationsarbeit für Migrantenselbstorganisationen, die im Bildungsbereich arbeiten. Wir versorgen sie mit Informationen. In Elternseminaren diskutieren wir mit Migranten über die aktuelle Bildungssituation und tauschen Erfahrungen aus.Wir erarbeiten aber auch Vorschläge für das Schulministerium und das Ministerium für Integration in NRW zur Verbesserung der Situation von Migranten. Das Netzwerk soll eine Brückenfunktion für alle in NRW lebenden ethnischen Gruppen übernehmen, die in NRW Bildungsarbeit machen.
Dağlar: Das Netzwerk ist eine neue Einrichtung. Es bleibt jetzt abzuwarten, was es erreichen kann. Wir werden in bestimmten Gremien berücksichtigt. Ich hoffe, dass die Migranteneltern sich von dem Netzwerk vertreten fühlen, zumal wir politisch unabhängig sind. Ich finde die Idee ist eine gute, jetzt geht es natürlich um die Umsetzung.

Amirpur: Haben Sie Einfluss nehmen können auf die Ausarbeitung gewisser Initiativen der Landesregierung, bspw. auf die Inhalte des KiBiz oder die Inhalte der Sprachstandserhebung?
Çelik: Auf den Elternseminaren sind diese Dinge immer ein Thema. Zum Beispiel haben wir vor zwei Wochen in Herne vor 60 Teilnehmern über PISA und die Sprachstandserhebung gesprochen. Dabei gab es viele Anregungen von den Eltern. Unser Ziel ist es, diese Dinge nicht nur zu diskutieren, sondern aus den Ergebnissen Leitfäden zur Verbesserung der Situationen zu erstellen. Die Elternvereine sind sehr an einer Teilhabe interessiert. Die Ergebnisse der Seminare werden an Herrn Kufen weitergeleitet. Es gibt einen regen Informationsaustausch zwischen der Politik und dem Netzwerk.

Amirpur: Welche Probleme sehen Sie zwischen den Elternhäusern mit Migrationshintergrund und dem deutschen Bildungssystem?
Dağlar: Die Eltern müssen über die Gesetze und deren Änderungen im Land bescheid wissen, die Eltern müssen wissen, was sie gegen die Sprachdefizite ihrer Kinder tun können, sie müssen aber auch erkennen, was ihre eigene Sprache für einen Wert hat, wie wichtig sie für die Entwicklung und die Bildung der Kinder ist. Der Nutzen der Muttersprache ist kein Widerspruch zur Integration.
Çelik: Die Migranteneltern verstehen oftmals ihre Rolle im Bildungssystem nicht. Sie wissen nicht, was sie bewegen können und wie sie mitwirken können. Wir vermitteln ihnen diese Informationen, damit sie selbst aktiv werden können. Gerade im letzten Jahr hat sich viel in der Gesetzgebung in NRW getan. Von der Wiedereinführung der Kopfnoten über die Kürzung der Gymnasialzeit. Das sind alles Dinge, die bei vielen noch nicht angekommen sind und in den Elternseminaren behandelt werden

Amirpur: Kann man von einem Kommunikationsproblem zwischen ErzieherInnen und LehrerInnen auf der einen Seite und Eltern auf der anderen Seite sprechen?
Dağlar: Vielen reden aneinander vorbei. Das ist oft Thema in den Elternakademien. Wenn wir das Thema „Zusammenarbeit Elternhaus/Schule“ behandeln, stellen wir fest, dass man sich gegenseitig oft überfordert. Wir stellen oft fest, dass eine vernünftige Kommunikation oftmals gar nicht existiert. Wenn beide Seiten ihre Aufgaben ernst nehmen würden, dann könnte eine Kommunikation zustandekommen. Das Kind ist ein Projekt und für den Erfolg des Projektes sind Eltern, Erzieher und Lehrer verantwortlich und müssen zusammenarbeiten. Wir können nicht gegeneinander arbeiten.

Amirpur: Ich danke Ihnen für das Gespräch.






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